DIE ZEIT: Herr Wagener, Sie haben sich 1950 als 25-Jähriger freiwillig gemeldet, um am Koreakrieg teilzunehmen. Warum?

Joseph Wagener: Als Nordkorea am 25. Juni den Süden angegriffen hat, habe ich noch die Offiziersschule in Frankreich besucht. Korea? Ich wusste nicht mal, wo das liegt. Die Luxemburger Regierung hat dann für den UN-Einsatz geworben; es sollte eine Freiwilligentruppe in das belgische Bataillon eingebunden werden. Dort gab es rund 3.000 freiwillige Kämpfer, wir Luxemburger waren 85.

ZEIT: Was hat Sie bewogen? War es Angst vor dem Kommunismus? Abenteuerlust?

Wagener: Ich hatte Mitleid mit den Südkoreanern. Die hatten allein keine Chance. Ich wollte helfen. Und ich wollte, als Offiziersanwärter, Kriegserfahrung sammeln. Ich kannte den Krieg zuvor nur von der deutschen Besatzung.

ZEIT: Wann sind Sie nach Korea gekommen?

Wagener: Im Oktober 1950 gab es eine Abschiedszeremonie mit Prinz Felix. Dann ging es nach Belgien in ein Trainingslager, anschließend mit dem Schiff nach Korea. Am 31. Januar 1951 kamen wir in Busan an, ganz im Südosten. Wieder in ein Lager. Danach waren wir auf Anti-Guerilla-Mission.

ZEIT: Die nordkoreanischen und vor allem chinesischen Truppen waren damals weit in den Süden vorgerückt.

Wagener: Ja, und die UN-Truppen drängten sie wieder zurück zum 38. Breitengrad, zur Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Etliche gegnerische Soldaten waren dabei von ihren Einsatzbasen getrennt worden. Sie haben Dörfer überfallen und geplündert. Diese Männer sollten wir aufspüren, wir mussten das Eisenbahnnetz, das Straßennetz überwachen. Aber meist waren sie schon über alle Berge, wenn wir ankamen. Gemeinsam mit der dritten amerikanischen Division haben wir dann an der Offensive gegen die Chinesen teilgenommen.

ZEIT: Was genau war Ihre Aufgabe?

Wagener: Ich habe die luxemburgische Kompanie geleitet.

ZEIT: Waren Sie im Gefecht eingesetzt?

Wagener: Wir hatten Angriffe nachts von den Chinesen. Dazu kamen Kundschafterdienste. Wir mussten herausfinden, auf welche Stellungen sich der Gegner zurückgezogen hat. Ich habe gute Dienste geleistet.

ZEIT: Gab es Tote in Ihrer Einheit?

Wagener: Verletzte ja, aber keine Toten.

ZEIT: Wie hat die nordkoreanische Bevölkerung auf den Einmarsch reagiert?

Wagener: Tausende sind nach Süden geflohen. Wir haben die Flüchtlingstrecks gesehen. Haben auch in den Dörfern mit den Leuten gesprochen, meist waren es arme Bauern.

ZEIT: Im Koreakrieg wurden auf beiden Seiten schwere Kriegsverbrechen verübt. Haben Sie das mitbekommen?

Wagener: Ich habe Dinge gesehen, die mich schockiert haben. Die Chinesen haben Gefangene oft einfach erschossen. Und ich habe gesehen, wie Napalm eingesetzt wurde. Die Leute sind verbrannt und im Umkreis einfach erstickt, weil das Feuer den Sauerstoff weggesogen hat. Besonders bei der Rückeroberung von Seoul 1951 hatten die Amerikaner selbst hohe Verluste und haben sehr hart gekämpft.

ZEIT: Fanden Sie den Einsatz von Napalm legitim?

Wagener: Darüber habe ich mir damals keine Gedanken gemacht.

ZEIT: Wussten Sie von den Plänen des US-Oberbefehlshabers MacArthur, Atombomben über China abzuwerfen?

Wagener: Das habe ich erst erfahren, als ich wieder zu Hause war, im Oktober 1951, da war der Krieg für mich aus. Bis zu meiner Pensionierung habe ich danach in der Luxemburger Armee gedient.

ZEIT: Haben Sie es je bereut, sich freiwillig für Korea gemeldet zu haben?

Wagener: Nein, ich bin stolz, bei der UN-Truppe gewesen zu sein. Zehnmal war ich seither in Südkorea, auf Einladung der Regierung. Als Veteran wird man dort wie ein Held empfangen.