Eine australische Regierungskommission hat es auf das Beichtgeheimnis abgesehen. Das Gremium veröffentlichte jüngst einen Bericht, in welchem es 85 Empfehlungen aussprach, wie im australischen Rechtssystem mit sexuellem Missbrauch umzugehen sein soll. In einer Empfehlung hieß es: Auch der katholische Klerus muss darauf verpflichtet werden, die Polizei zu informieren, wenn er während einer Beichte Kenntnis von sexuellem Missbrauch erhält. Bisher muss er das in Australien – wie in vielen anderen Ländern, darunter Deutschland – nicht. Die australische Bischofskommission protestierte sofort: Denn das Beichtgeheimnis ist dem Vatikan sakrosankt, es ist die älteste noch bestehende Datenschutzrichtlinie der Welt. Aber ist es noch zeitgemäß? Könnte jemand wegen des Beichtgeheimnisses vielleicht zu Schaden kommen? Und warum kann man es nicht einfach abschaffen? Wir beantworten die wichtigsten Fragen rund um sigillum confessionis.

Was ist das Beichtgeheimnis eigentlich genau?

Im Kirchenrecht verankert wurde das Geheimnis im Jahr 1215, beim IV. Laterankonzil in Rom. Heute liest sich der entsprechende Passus so: "Das Beichtgeheimnis ist unverletzlich, dem Beichtvater ist es daher streng verboten, den Pönitenten durch Worte oder auf irgendeine andere Weise und aus irgendeinem Grund irgendwie zu verraten." Demnach ist es einem katholischen Priester niemals und unter keinen Umständen erlaubt, einer staatlichen Autorität Informationen weiterzuleiten, die er während der Beichte gehört hat – auch wenn diese Informationen ein Verbrechen aufklären oder verhindern könnten. Was der Geistliche darf: dem Beichtenden – die Kirche sagt: dem "Pönitenten" – die Absolution, das Lossprechen am Ende der Beichte, verweigern, wenn er keine echte Reue feststellen kann.

Wieso darf der Priester nicht wenigstens ein Verbrechen melden?

Weil das katholische Verständnis der Beichte über den Rahmen eines Gesprächs von Mensch zu Mensch hinausgeht. In der Beichte hört sich laut katholischer Lehre der Priester die Sünden des Beichtenden an – der wahre Zuhörer aber ist Gott selbst. Nur Gott kann Sünden vergeben, der Priester ist sozusagen ausführendes Organ. Weil diese Art von Gespräch das Intimste ist, was sich die Kirche vorstellen kann, darf niemand seinen Inhalt erfahren.

Was passiert, wenn der Priester sein Beichtgeheimnis bricht?

Bricht ein Geistlicher das Schweigegebot, folgt die Strafe sofort: Exkommunikation, welche auch bedeutet, dass er seinen priesterlichen Aufgaben nicht mehr nachkommen kann. Diese Art der Exkommunikation bedarf keines vorhergehenden Prozesses oder Urteilsspruchs, sie tritt automatisch ein. Da die Exkommunikation eine Beugestrafe ist, kann sie – vom Heiligen Stuhl! – auch wieder aufgehoben werden.

Wer kann laut Kirchenrecht einen Priester vom Beichtgeheimnis befreien?

Niemand, nicht einmal der Beichtende selbst. Auch der Papst nicht. Kritik gab es an diesem Schweigezwang oft: Der französische Historiker Michel Foucault beispielsweise kritisierte das Monopol, das die Kirche damit auf die Sünden der Menschen hat – beziehungsweise hatte, denn gebeichtet wird immer seltener.

Kommt ein Priester nicht in Gewissensnöte, wenn er während der Beichte von schwerwiegenden Taten erfährt?

Bestimmt. Aber er hat auch Möglichkeiten, damit umzugehen: Ein Opfer von sexuellem Missbrauch kann er dazu ermutigen, mit anderen Vertrauenspersonen, die kein Beichtgeheimnis beachten müssen, über die Vorkommnisse zu sprechen. Einem Täter kann er die Absolution verweigern – und ihn möglicherweise dazu bringen, sich weltlichen Autoritäten zu stellen.

Kirchenrecht schön und gut, was sagt denn der deutsche Staat zum sigillum confessionis?

In Deutschland, wie in vielen anderen Staaten, hat der Priester ein Zeugnisverweigerungsrecht. Heißt: Alles, was in der Beichte herauskommt, ist von den Behörden nicht anzutasten. Vor Gericht muss ein Priester nicht aussagen. Der Staat achtet so die rechtliche Autonomie der Religionsgemeinschaften. In einigen Ländern, so zum Beispiel in Irland, gibt es nach Missbrauchsskandalen neue Gesetze, die Priestern Strafen androhen, wenn sie bei der Aufklärung eines Verbrechens nicht helfen.

Was passiert, wenn ein Priester zwischen die Fronten kirchliches versus weltliches Recht gerät?

Im härtesten konstruierbaren Fall: Gefängnis oder Exkommunikation. Früher: Tod oder Exkommunikation. Dass sich Priester durch die Geschichte hindurch nicht unbedingt haben zwingen lassen, das Beichtgeheimnis zu brechen, zeigt eine kleine Auswahl an Geistlichen, die für die Schweigepflicht in den Tod gegangen sind: 1757 wurde der Kaplan Andreas Faulhaber auf Befehl des preußischen Königs Friedrich II. gehängt. Er wollte sein in der Beichte erworbenes Wissen über preußische Deserteure nicht preisgeben. Ein anderer Märtyrer des Beichtgeheimnisses ist Hermann Josef Wehrle. Der Münchner Priester verweigerte vor Gericht eine Aussage über das Zustandekommen des Attentats auf Adolf Hitler im Juli 1944 mit Berufung auf das Beichtgeheimnis. Er wurde in Berlin-Plötzensee gehängt.

Ist es realistisch, dass Rom das Beichtgeheimnis wegen politischen Drucks reformiert?

Nein. Die Beichte ist ein Sakrament. Ein "Zeichen der Wirklichkeit Gottes". Das katholische Verständnis des Bußsakraments lässt keinen Mitwisser außer Gott und dem Priester, der dem Sünder sein Ohr leiht, zu. Weil das so ist, ist es für den katholischen Klerus ein bisschen egal, welche Gesetze bezüglich des Beichtgeheimnisses irgendein Staat jemals erlässt. Denn kirchenrechtlich ist eine Auskunft über den Beichtinhalt sowieso verboten.

Hat das Beichtgeheimnis in schwierigen Fällen vielleicht auch Vorteile?

Nach katholischer Argumentationsweise schon. Das Argument geht so: Gäbe es das Beichtgeheimnis nicht, würden sich schwierige Fälle – Opfer, Täter, Mitwisser – wahrscheinlich gar niemandem mehr offenbaren. So hat ein Priester wenigstens Einfluss auf denjenigen, der ihm beichtet. Ohne das Beichtgeheimnis wäre das nicht so, dann gäbe es ja keinen rechtlich geschützten Raum mehr.