Je grausamer ein Verbrechen, desto größer die Aufmerksamkeit. In den Blick gerät vor allem der Täter. Er personifiziert die Faszination und den Schauder, die das Böse auszulösen vermag.

In der allgemeinen Wahrnehmung sind Täter starke Subjekte, sie setzen eine Geschichte in Gang und bestimmen, wie sie weitergeht. Opfer sind in dieser Erzählung lediglich Auslöser und Mitspieler, variable Größen. Deshalb ist das Interesse an ihnen oft halbherzig, wenn nicht zweitrangig.

Darin liegt ein weiteres Vergehen. Denn die Fixierung auf den Täter, seine Motive und seine Vorgehensweise, überlagert andere wichtige, für die Zukunft womöglich bedeutsamere Fragen. Die nach dem Opfer und seiner Situation. Die nach den strukturellen Zusammenhängen des Verbrechens. Und die Frage, was das alles – die Gewalt, der Schrecken, die Perversion – mit dem Normalbürger zu tun hat.

Am 1. August verschwand die 48-jährige Prostituierte Maria E. Zuletzt wurde sie gegen 14 Uhr am Steindamm gesehen. Die Frau kam ursprünglich aus Äquatorialguinea, lebte mit ihrer Tochter in Spanien und war zur Sexarbeit nach St. Georg gekommen.

Am 3. August entdeckte ein Angler am Elbstrand zwei Leichenteile im Wasser. Bis zum vergangenen Wochenende wurden an fünf verschiedenen Orten – in Rissen, Billbrook, Winterhude, Rothenburgsort und Horn – insgesamt zwölf Fundstücke geborgen. Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe stand noch nicht fest, ob es sich bei dem dreizehnten Objekt, das Polizeitaucher in der Bille fanden, um ein weiteres Leichenteil handelt. Zuvor hatten sich zwei verdächtige Funde als Pflanzenteile herausgestellt.

Medien sind an sich keine Horrorkinos, sie spiegeln, verstärken und verzerren lediglich die Schaulust des Publikums. So entstand über die vergangenen zwei Wochen das öffentliche Bild eines inszenatorisch begabten Mörders. Man sei überrascht, "wie sauber und fachmännisch" die Gliedmaßen abgetrennt wurden, will die Bild- Zeitung von einem Ermittler erfahren haben. Dazu bescheinigt eine Forensikerin dem Mörder große Kenntnisse in Anatomie. "Er wird Schlachter, Jäger, Kürschner, Arzt oder Physiotherapeut sein. Bestimmt kein Bäcker oder Kaufmann."

Der Kriminalist und ehemalige Profiler Axel Petermann widerspricht. Für so eine Einschätzung müsse man zwangsläufig die Wunden sehen, die der Täter dem Opfer beigebracht hat. Über laufenden Ermittlungen aber liegt ein strengstes Auskunftsverbot – die Expertin kann bei der Obduktion also nicht zugegen gewesen sein. Petermann verweist zudem auf eine Studie der Rechtsmedizin Hamburg, der zufolge nur ein Zehntel der Verstümmelungen von Straftätern mit anatomischem Wissen begangen werden. Petermann: "Man braucht für so eine Praxis keine Qualifikation."