Ich war zum Museum Barberini unterwegs, wo die amerikanische Moderne gerade einen Gastauftritt hat. Und wenn man sich am Freitagnachmittag mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch Berlin bewegt, erhält abstrakte Kunst eine ganz neue Bedeutung.

Schon im Bus war der Stehplatz bestens ausgefüllt, doch das war nichts gegen den Interregio nach Brandenburg, in dem heimstrebende Pendler sich eng mit halbwegs einklappbaren Fahrrädern und Hochleistungskinderwagen arrangierten. Ganz unwirklich dann die von klassizistischen Prachtbauten rhythmisierte Weiträumigkeit am Alten Markt in Potsdam. Gerade dieser Stil war es gewesen, der Mies van der Rohe, Le Corbusier und Frank Lloyd Wright zum aufgeräumten Bauen inspirierte.

Zur im Barberini ausgestellten Washingtoner Phillips-Sammlung zählt ein Gemälde von John Sloan, das die Atmosphäre meiner Anreise perfekt einfing. Six O’Clock, Winter zeigt den El Train, die New Yorker S-Bahn, aus der Tiefe des Raums kommend wie auf einer Raketenabschussrampe. Das Malerauge muss man sich darunter mitten im Gedränge der Büroschlusszeit denken. Kein Wunder, dachte ich, dass die meisten der Exponate aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts ungegenständlich waren. Offenbar diente die Malerei der Erholung von der industriellen Überfüllung der Stadt.

Die der Neuen Sachlichkeit zugerechneten Künstler Charles Sheeler, Ralston Crawford, der gebürtige Nürnberger Stefan Hirsch und natürlich Edward Hopper malten Großstadtkulissen an der Grenze zum abstrakten Color-Blocking. Menschliches Leben störte ihre Gegenwartsvision auf dieselbe Weise, wie es die Architekten des internationalen Stils irritierte. Als der Vater des emeritierten FU-Philosophieprofessors Ernst Tugendhat sich dagegen verwahrte, in seiner von Mies van der Rohe frisch erbauten Villa auch noch dessen Möbel aufzustellen, ließ der Architekt sie trotzdem anliefern und warnte seinen Bauführer, dass er mit einem Wutanfall zu rechnen habe.

Dass moderne Privathäuser so viel Fensterfläche aufwiesen, sollte auch der Interieurvermüllung durch Nippes vorbeugen, den man nirgends mehr hinstellen konnte. Die amerikanische Kunst erklärte dieser Strategie den Krieg, indem sie Bilder malte, die so groß waren, dass überhaupt keine Fenster mehr Platz hatten. Allerdings hat sich das nicht bewährt. Heute kennen marktbewusste Künstler die Maße eines 5th-Avenue-Fahrstuhls und schränken sich entsprechend ein. Abseits der Phillips-Kollektion gibt es im Barberini auch einen Monet-Raum. Und die Bewunderung für diesen Meister des Glücks im Freien steigt, wenn man liest, dass sich seinerzeit 360 Maler rund um seinen Seerosenteich in Giverny angesiedelt hatten, nicht wenige darunter Amerikaner. Monet wich nicht ins Abstrakte aus. Er ging ans Wasser.

Das Potsdamer Museum ist nicht mit seinen Seerosen-Bildern gesegnet, aber es zeigt die Eisschollen bei Bennecourt. Im Winter ist man ohnehin vor Menschenmassen sicher, und die Oberfläche der Seine erträgt nur den leichtesten Abdruck des Himmels, ohne einzubrechen. Im Wasserspiegel hat Monet das Wurmloch gefunden, das aus der übervölkerten Welt führt, eine schillernde Balance, die Tag- und Nachtwelten, Licht und Finsternis gegeneinander abwägt. Dazu musste er nicht abstrakt werden, die Natur, die Seen Brandenburgs, zu denen Berlins Pendler unterwegs waren, schenkt in begnadeten Lichtmomenten alles, was man zur Regeneration von der kosmopolitischen Bedrängnis braucht.

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