Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

Auf dem Weg zum See begegnet mir ein sonderbarer Spaziergänger. Er geht schnurstracks durch den englischen Park von Peter Joseph Lenné, doch nicht auf dem direkten, geraden Hauptweg, sondern er folgt den geschwungenen, gewundenen Pfaden, die ihm offenbar nur Umwege sind. Mir scheint, als strebe er zu einem Ziel hin, das sich inner- oder außerhalb des Parks, nur eben nicht dort befindet, wo er gerade läuft.

Als ich mich ihm nähere, höre ich die monotone Stimme, die ihn begleitet, er trägt ein Navi in der Gesäßtasche, keinen Audio-Guide mit Erläuterungen zur Gartenkunst, sondern ein Smartphone, das ihn anspricht, wenn er nach hundert Metern rechts abbiegen soll. Wo will er denn hin? Gibt es Navis für Parkgänger? Und wozu? Damit sie sich nicht verlaufen, nicht verloren gehen? Aber das ist doch der Sinn des Parks: das Verlorengehen und Dabei-geborgen-Sein. Die tief sitzende Angst, sich in einer Wildnis zu verlaufen und abhandenzukommen, diese Urangst wird einem im Park abgewöhnt. Hier kann man nicht auf die Art verloren gehen, die uns ängstigt. Aber auf eine andere Art soll man es doch. Zerstreuung nannte man das einmal, das Gegenteil der erschrecklichen Art, wie man im tiefen dunklen Wald abhandenkäme. Der Park als zivilisatorisches Institut. In der Art des geführten Durcheilens handelt es sich also nicht nur um ein Missverständnis, sondern um einen veritablen Missbrauch. Auch wenn ich nur zum See radle, verliere ich mich in diesen Resonanzraum der jeweiligen Witterung, sehe, was der Wind mit den Ästen anstellt und die Wolken den Wipfeln zu sagen haben, nehme Witterung des geschnittenen Grases, des sommerwarmen, leicht algigen Wassers, der Ausdünstungen von Pappeln und Eiben.

Wie erst könnte man sich hier verlieren und begegnen, wenn man den Park zum ersten Mal erkundet! Umgeben von einem meisterlich inszenierten großen Draußen, das dieser strikte Tourist im Kampfschritt durcheilt, als gelte es, eine Mission zu erfüllen: All diese unsinnigen Umwege, labyrinthisch verwirrend, aber ein Kerl wie er wird das schon schaffen mithilfe jener allwissenden Führerin, die aus dem fernen All zu ihm spricht. Gelobt sei das Navi.

In einer Kirche bewegt man sich so nicht, auch nicht als Tourist. Ist mein Park meine Kirche? Am See angelangt, tauche ich in die Fluten und denke: Gelobt sei der Irrweg, der so grunderholsam ist, weil ich nie weiß, was mir hier an Überraschung begegnet, wann und wie ich auftauchen werde aus diesem Park, der mich jedes Mal zu einer Art Andacht führt, wenn ich alltäglich und aus alter Gewohnheit, wie ein Kirchgänger, hierher aufbreche.