Es ist schon Abend, als Nicola Baumann sich in eine Wanne voller weißer Plastikbälle fallen lässt. Baumann ist von Köln nach Hamburg gefahren, sie hat ihren Rollkoffer durch die halbe Stadt hinter ihrer PR-Beraterin hergezogen, hat noch schnell einen Aufsager für ihren YouTube-Kanal in die Handykamera gesprochen und wurde dann von einem jungen Mann mit Kapuzenpullover und Dreitagebart in einen verwinkelten Sechziger-Jahre-Bau geführt, das Studio der Rocket Beans, einem Talkshow-Sender für Teenager auf YouTube. Hier sitzt Baumann nun, die Bälle bis zum Kinn, und berichtet von ihrer Mission.

Baumann erzählt, was sie oben auf der Internationalen Raumstation ISS so essen wird (keine Astronautennahrung, eher Schnitzel mit Spätzle), wie viel jedes Kilogramm kostet, das auf die ISS geschossen wird (25.000 Euro), und warum sie das Maskottchen der Rocket Beans, eine riesige Bohne aus Plüsch, deshalb leider nicht wird mitnehmen dürfen. Man könnte einen solchen Auftritt für unwürdig halten. Nicola Baumann ist Kampfjetpilotin bei der Bundeswehr. Sie trägt den Dienstgrad Major, fliegt das beste Flugzeug der Flotte, den Eurofighter, und hat drei Jahre lang in den USA andere Militärpiloten ausgebildet. Baumann hätte das hier nicht nötig, einerseits.

Die Bilanz der deutschen Raumfahrt: Elf Männer, keine einzige Frau

Andererseits will Baumann Astronautin werden und hat sich dafür einer Kampagne verschrieben, die sie zur ersten deutschen Frau im All machen soll. Für diese Kampagne hat sie es eben doch nötig: Sie braucht Spendengeld und Aufmerksamkeit, sonst wird es nichts mit dem Flug in den Weltraum.

Wer ist diese Frau, die als erste Deutsche auf die ISS will, mit erst 32 Jahren? Und was ist das für ein seltsames Geschäftsmodell, bei dem sie sich erst in einem Casting gegen Hunderte von anderen Bewerberinnen durchsetzt und dann auch noch selbst für das Geld sorgen soll, das den Flug ins All ermöglicht?

Frauen im Weltall, das kommt nicht gerade häufig vor. Von den 650 Menschen im All waren nur 65 Frauen, genau zehn Prozent. Besonders schlecht repräsentiert sind die Frauen in der deutschen Raumfahrt. Die Sowjetunion schickte schon 1963 die erste Frau ins All, die USA zogen 20 Jahre später nach, inzwischen waren 45 US-Amerikanerinnen im Weltraum. Die Bilanz der Deutschen, Europas größter Raumfahrer-Nation: elf Männer, keine einzige Frau.

Die Managerin Claudia Kessler fand, dass das ein Missstand ist, und beschloss, ihn zu ändern. Kessler ist so etwas wie die Alice Schwarzer der deutschen Raumfahrt, eine Vorkämpferin für die Rechte der Frauen. Die 52-Jährige leitet die deutsche Filiale der Agentur Hernandez Engineering Space, die unter anderem die Europäische Weltraumorganisation (Esa) mit Fachkräften versorgt. Kessler hatte einst selbst den Traum, ins All zu fliegen, wurde bei der ersten Bewerbung aber nicht genommen und war bei der nächsten Ausschreibung der Esa schon zu alt. Dann wollte sie es wenigstens anderen Frauen ermöglichen. Im vergangenen Jahr gründete sie die Kampagne "Die Astronautin". In einer Art Casting-Verfahren traten mehr als 400 Bewerberinnen gegeneinander an, die Frauen durchliefen Persönlichkeitstests, medizinische Checks und Interviews. Ein seriöses Prozedere, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) half bei der Auswahl – und dennoch erinnerte das ganze an einen Schönheitswettbewerb. Die Frauenzeitschrift Grazia schrieb: "Germanys Next Top-Astronautin?"

Für Baumann kam "Die Astronautin" perfekt gelegen: Sie hatte sich gerade für einen Master in Luft- und Raumfahrttechnik an der Purdue University in Indiana in den USA eingeschrieben, im Fernstudium neben ihrem Job bei der Bundeswehr. Statt sich nun wie geplant so lange unaufgefordert bei der Esa zu bewerben, bis sie eingeladen worden wäre, durchlief sie Kesslers Casting und gewann. Gemeinsam mit der Meteorologin Insa Thiele-Eich wurde Baumann ausgewählt: Beide werden nun zur Astronautin ausgebildet, nach den Regeln der Esa, mit Tauch- und Russischkursen sowie Parabelflügen, um die Schwerelosigkeit zu trainieren. Eine der beiden Frauen soll 2020 dann zehn Tage auf der ISS verbringen. Wer gewinnt, entscheidet wiederum eine Jury um Claudia Kessler.