Grenoble, Département Isère, Frankreich. Vom nahen Gemüsemarkt unter dem Bahndamm dringen Stimmen in die Rue Colbert. Nina Caprez, 30, Profikletterin aus dem Prättigau, öffnet den Kofferraum ihres kleinen blauen Autos. Fünf Taschen und Rucksäcke tragen wir gemeinsam hoch in ihre Wohnung. Eine schmale Steintreppe, ein schmiedeeisernes Geländer, fünf Stockwerke, kein Lift. Hier wohnt die Profikletterin in einer Mansarde. Caprez packt aus: einen Camping-Kocher, eine Stirnlampe, eine Kaffeedose. Sie öffnet sie, schaut rein ...

Nina Caprez: ... oh! Ich kann Ihnen keinen Kaffee kochen. Wir haben allen aufgebraucht.

DIE ZEIT: Wo waren Sie?

Caprez: Im Mont-Blanc-Massiv, oberhalb von Courmayeur, zusammen mit einem Kollegen. Am Grand Capucin haben wir eine neue Route eröffnet.

ZEIT: Was heißt das?

Caprez: Eine Tour markiert, die noch in keinem Routenbuch vorkommt. Wir bohrten Sicherungen, lösten lockere Steine, kletterten die Route ab, testeten, wie schwer sie ist. Wir waren drei Tage in der Wand, hatten ein herrliches Plätzli, auf dem wir unser Biwak aufstellten – und Kaffee kochten.

ZEIT: Sie sind eine der besten Kletterinnen der Welt. Was reizt Sie daran, auf einem schmalen Felsabsatz zu schlafen? Angeseilt, damit Sie nicht zu Tode stürzen, wenn sie sich umdrehen.

Caprez: In der Wand zu sein ist unglaublich intim. Du lebst mit deinem Seilpartner zusammen, isst zusammen, frierst zusammen, scheißt zusammen. Du bist wahnsinnig konzentriert, bist auf dich gestellt, hast kein Handy, nix. Du bist in deiner Welt, kommst drei Tage später runter – und hast einen Schock, wenn du hörst, dass es in Barcelona einen Terroranschlag gab.

ZEIT: Sie haben sich vor elf Jahren dafür entschieden, das Klettern zu ihrem Beruf zu machen. Dafür mussten Sie die Schweiz verlassen. Warum?

Caprez: Ich war 19, als ich die Diplommittelschule abschloss. Ich war Klassenbeste, und mein Umfeld hoffte, dass ich studieren und etwas mit meiner Intelligenz anstellen – oder wenigstens eine Lehre machen würde. Die Ängste meiner Lieben waren groß. Sie fragten sich, ob es gut kommt mit mir.

ZEIT: Sie selber wussten: Ich will klettern.

Caprez: Meine Karriere, oder mein Leben überhaupt, entwickelt sich entlang von Bekanntschaften, die ich mache. In jener Zeit lernte ich Cédric Lachat kennen, auch er ein guter Kletterer – und wir wurden ein Paar. Als wir zusammenkamen, reichte er mir seine Hand und sagte: Entweder nimmst du sie, dann zeige ich dir das richtige Leben. Oder du gehst den klassischen Schweizer Weg.

ZEIT: Ui.

Caprez: (lacht)

ZEIT: Die Liebe brachte Sie in die Wand.

Caprez: Ja, eh! Die Liebe und die Neugier auf das, was es sonst so gibt im Leben. Wir Deutschschweizer wachsen ja alle behütet auf. Wir sind alle gut erzogen, halten uns alle an die Regeln. Aber sobald man ein bisschen nach Westen fährt, wird es anders. Bereits in der Romandie, im Jura, wo Cédric herkommt. Und erst recht in Frankreich.

ZEIT: Was ist dort anders?

Caprez: Es ist wilder, es gibt mehr Kämpfer, auch mehr folie. Man fragt sich nicht ständig, was die andern von einem denken. Bei uns im Prättigau ist es wichtig, was der Nachbar denkt. Wenn jemand arbeitslos wird, ui, ist das eine Schande. In Frankreich ist es normal. Wenn jemand in der Schweiz psychische Probleme hat und einen Psychiater braucht, dann sagst du es keinem. In Frankreich heiß es: C’est la vie. Mein Vater starb, als ich keine drei Jahre alt war.