Dem SPÖ-Mitglied Rotraud Perner "reicht’s". Stets auf ihre Öffentlichkeitswirksamkeit bedacht, trat die medienwuselige Psychoanalytikerin mit einem offenen Brief aus der Partei aus, der sie fünf Jahrzehnte lang die Treue gehalten hatte. Den Anstoß gab eine Aussage des roten Bundesgeschäftsführers, die Perner als "frauenverachtend" empfand. Eigentlich wollte Georg Niedermühlbichler sich ja nur über die etwas unkonventionellen Listen mit Nationalratskandidaten der Volkspartei mokieren. "Welche politischen Konzepte", fragte er höhnisch, "können eine Miss Burgenland, eine Ex-Miss-Austria oder eine Weinkönigin einbringen?" In der Abqualifizierung schwarzer Parlamentsanwärterinnen aus dem Burgenland wittert Perner die Überheblichkeit männlicher Berufspolitik.

Wenn am Montag nächster Woche die Frist für die Parteien abläuft, ihre Kandidatenlisten für die Nationalratswahlen bei der Wahlbehörde abzugeben, werden sich darauf in der Tat viele Namen von Novizen finden – und zwar häufig auch an gut wählbarer Stelle. Quereinsteiger sind in der österreichischen Politik zwar kein Novum, sie dienten in der Regel dazu, mit einem mehr oder weniger bekannten Gesicht einen zusätzlichen Werbeeffekt zu erzielen. Doch in diesem Jahr hat sich die Praxis, Kandidaten außerhalb des innenpolitischen Biotops zu rekrutieren, zu einem Trend weiterentwickelt. Es ist ein neues Phänomen: Zunehmend wird darauf verzichtet, erprobtes politisches Personal aufzustellen, stattdessen werden neue Köpfe präsentiert, die häufig auch aus politikfernen Kreisen stammen.

Ausgerechnet die Freiheitlichen erscheinen plötzlich wie ein stabilisierender Faktor

Besonders radikal betreibt die Volkspartei diese Frischzellenkur. Herausforderer Sebastian Kurz hat sich ausbedungen, persönlich und ohne Mitsprache irgendwelcher Gremien die Bundesliste seiner runderneuerten Partei zusammenzustellen. Dabei setzt er auf den vorderen, wählbaren Plätzen – mit Ausnahme seiner Person und seiner Vertrauten Elisabeth Köstinger – hauptsächlich auf Personen, die bislang mit der institutionalisierten Politik nicht in Berührung gekommen sind und wohl auch wenig Ahnung von den Kulturtechniken des politischen Handwerks haben.

Auch die Sozialdemokraten tauschen in großem Rahmen ihr parlamentarisches Personal aus: Bei gleich bleibender Stärke dürfte die rote Fraktion im neuen Nationalrat zur Hälfte Newcomern bestehen. Verantwortlich dafür ist weniger das Kalkül, Wähler, die vom etablierten Politikbetrieb und dessen Stammpersonal enttäuscht sind, mit einem frischen Angebot anzulocken. Ein Teil der Umschichtungen ergeben sich aus der Notwendigkeit, die roten Regierungsmitglieder, die zu einem Großteil ebenfalls Neueinsteiger sind, mit einem Nationalratsmandat abzusichern, sollte die Kanzlerpartei die nächsten Jahre in der Opposition verbringen müssen.

Auch die kleineren Parteien ziehen mit einer ganzen Reihe von politischen Debütanten in den Wahlkampf – die Neos etwa mit ihrem Neuzugang Irmgard Griss und die Liste Pilz gleich mit einem ganzen Schwarm von Frischlingen. Lediglich die Freiheitlichen, die früher, vor allem in der Ära von Jörg Haider, immer wieder mit Quereinsteigern aus dem Promisektor aufgetrumpft hatten, setzen diesmal fast vollkommen auf "bewährte Kräfte", wie der Parteichef sagt. Bewährt auch im traditionellen weltanschaulichen Selbstverständnis der Rechtspartei: Die Hälfte der Kandidaten auf der blauen Bundesliste stammt aus dem Dunstkreis der schlagenden Burschenschaften. In einem politischen Gefüge, in dem vieles in Bewegung geraten ist, erscheinen die Freiheitlichen wie ein stabilisierender Faktor inmitten einer Helter-Skelter-Zone.

Bewegung ist das neue Zauberwort. Partei klingt behäbig, Bewegung dynamisch

Zu einem großen Teil verantwortlich für diesen personellen Austausch ist die Einsicht, dass der Ruf herkömmlicher politischer Parteien nachhaltig ruiniert ist. Partei, das riecht zunehmend nach muffigem Funktionärsdasein, nach Kungeleien hinter verschlossenen Türen, nach Privilegien und nach Sesselkleberei. Jahrzehnte rot-schwarzer Koalitionen – früher großer, heute gerade noch eine solche – haben Hunderttausende Protestwähler hervorgebracht, die von der Selbstbedienungsmentalität in den beiden Regierungsparteien, welche die Verfügungsgewalt über die Ressourcen des Staates untereinander aufteilten, abgestoßen wurden. Parteien wurden gleichbedeutend mit Filz, Korruption und Postenschacher wahrgenommen. Früher stolze Gesinnungsgemeinschaften, sind sie heute gerade noch geduldete Bonzenreservate.

Vor allem Sebastian Kurz musste befürchten, dass ihm das Negativimage auf den Kopf fällt, sobald er an die Spitze seiner moribunden Partei vorgerückt war. Im Gegensatz zu seinem Gegenspieler Christian Kern, der sich als Neueinsteiger authentisch als frische Kraft präsentieren konnte, kommt Kurz ja aus dem Schoß der Volkspartei, ist ein Produkt ihrer Mechanismen. Gegen dieses Handicap half nur ein harter Schnitt – Namen, Farbe, Personen, alles musste weg. Bis hin zur Typografie der Slogans ging die Runderneuerung. Das neue Zauberwort heißt Bewegung: als hätte politischer Gestaltungswille ganz spontan von den Menschen Besitz ergriffen, die nun in Massen einem neuen Propheten und seinen Lehren folgen. Partei klingt behäbig, Bewegung hingegen dynamisch. "Mach mit!", warb Kurz unverzüglich, als handelte es sich um ein Fitnessprogramm. In gewisser Weise trat Sebastian Kurz aus der Volkspartei aus und erlaubte anschließend, dass diese seiner Bewegung beitrat.

Sollte das strategische Manöver halbwegs glaubwürdig gelingen und nicht gleich als Etikettenschwindel auffliegen, mussten auch die alten Köpfe verschwinden und neue Gesichter her. Geschickt orchestriert tauchten über die letzten Wochen verteilt die einzelnen Namen der Neigungsgruppe Mach mit! auf. Es mag befremdlich sein, wenn Kurz die Organisatorin des Opernballs als Kulturpolitikerin in die Auslage stellt, doch es gelang ihm, die politische Breite seiner Liste zu vergrößern. Sowohl der ehemalige Grüne Efgani Dönmez als auch der frühere freiheitliche Clubdirektor und spätere Rechnungshofpräsident Josef Moser kragen deutlich über die alte Bünde-ÖVP hinaus.

In seiner Absetzbewegung von herkömmlichen Strukturen ist Kurz allerdings nicht allein auf weiter Flur. Die wichtigste politische Innovation der vergangenen Jahre, die Neos, verstanden sich von allem Anfang an als "Bürgerbewegung", und der grüne Renegat Peter Pilz ruft "Um Himmels willen!", wenn man seine Kandidatur mit der Idee einer Partei in Verbindung bringt. Sogar SPÖ-Chef Christian Kern, der nach roter Tradition die Partei als Mutter des Fortschrittes in Ehren hält, agiert im politischen Alltag eigenmächtig und ohne sich um die diffizile Kräftebalance zwischen den Parteiorganisationen zu kümmern. Nicht zufällig sind neben Kern die beiden populärsten roten Zugpferde derzeit zwei Quereinsteiger: Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil und Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner.

Wie nachhaltig diese Entwicklung ist, hängt von den Wahlen ab. Gelingt es Sebastian Kurz nicht, den angestrebten Posten des Regierungschefs zu erringen, jagen die grollenden Parteigranden den ganzen Bewegungszinnober unverzüglich zum Teufel. Glückt das Experiment hingegen, könnte der herkömmliche Typus des Berufspolitikers, also der Funktionär, der von klein auf Stufe um Stufe die politische Hierarchie aufwärtsklettert und erst auf der sogenannten Ochsentour zu Einfluss gelangt, demnächst ein Auslaufmodell sein. Das würde den Bedeutungsverlust der Parteien weiter vorantreiben.

Als Drehscheibe für die Verteilung von Posten, Pfründen und soziale Zuwendungen spielen sie längst nicht mehr ihre frühere Rolle, weil es einfach bedeutend weniger zu verteilen gibt und die Funktionäre zugleich ihre alten Durchgriffsrechte eingebüßt haben. Dadurch verliert auch der Berufspolitiker alten Stils seine wichtigste Funktion: Er kann nicht mehr den Quartiermeister der Demokratie spielen. Je mehr Neueinsteiger der neue Trend in den Nationalrat spült, desto eher wird ein Parlament, in dem hauptsächlich Beamte und Funktionäre von Interessenvertretern sitzen, der Vergangenheit angehören. Dann ist das Land auf dem Weg zu einem tatsächlichen Bürgerparlament.