Ich war mal wieder verhindert an diesem Tag, wie so oft, womöglich zu oft. Andererseits: Vielleicht wäre ihr dieser Tag noch viel schwerer geworden, wenn die Familie ihr einen großen Bahnhof bereitet hätte. An jenem Tag, den sie so lange gefürchtet hatte, dem Tag, als sie ins Altersheim zog. Stoisch ließ sie ihre sieben Sachen in drei oder vier Reisetaschen packen. Sie blickte nicht zurück, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Sie hatte gelernt, nicht zurückzublicken, schon damals als junge Frau bei ihrer Flucht 1945 aus Mähren nach Hohenlohe.

Noch heute, fünf Jahre nach dem Tod meiner Mutter, reagieren Menschen irritiert, wenn ich berichte, dass ich meine Mutter in ein Heim "steckte", wie sie es nennen. Stecken klingt nach wegstecken, entsorgen, loswerden. "Würdest denn du wollen, dass man das mit dir macht? Also echt, da setze ich meinem Leben vorher ein Ende."

Das Altenheim ist ein Angstbild, ein Synonym für Pflegenotstand, Misshandlung und Verwahrlosung, Isolation, es ist ein unwirtlicher Wartesaal zum Tod. Und das, nachdem man sich ein ganzes Leben Wellness gönnte, solange man noch selbstbestimmt war.

Es war ein gutes Heim, hieß es, das städtische Altenheim, von der Diakonie geführt. Die Wartelisten auf ein Einzelzimmer waren lang, die Pflege der Bewohner war offenbar so gut, dass sich Nachrücker in Geduld üben mussten. Vor allem war es aber die einzige Einrichtung dieser Art in der 30.000-Seelen-Stadt. Ein helles Zimmer, komplett möbliert und doppelt so groß wie die anderen, hatten wir für sie organisiert.

Die Pensionärswitwe hätte dort alte Bekannte finden können. Aber sie zog es vor, ihr Zimmer die letzten viereinhalb Jahre ihres Lebens nicht mehr zu verlassen. Die Mahlzeiten nahm sie auf ihrem Zimmer ein. Ihr Leben ähnelte einer Figur des französischen Schriftstellers Xavier de Maistre. In seinem Roman Die Reise um mein Zimmer von 1794 beschrieb er die Wegstrecke von seinem Bett zum Schreibtisch, von dort zum Kupferstich an der Wand, zur Kommode. Er parodierte damit jene ausladenden geografischen Reiseberichte seiner Zeit. Meine Mutter bestand allerdings darauf, dass die Wände ihres Zimmers kahl blieben. Als wir ihr vorschlugen, Familienfotos anzubringen, sagte sie nur: "Wieso? Ich weiß doch, wie ihr ausseht!"

Den letzten Abschnitt ihres Lebens haben wir ihr nicht verordnet, er war medizinisch angezeigt. Eine Knochennekrose an Knien, Hüften und Schultern hatte sie an den Rollstuhl gefesselt, sie war beim Ankleiden, Waschen und Betten auf fremde Hilfe angewiesen. Ein Umbau des Hauses wäre nicht möglich gewesen. So hat also die Vernunft gesiegt. Aber was bedeuten solche Siege, wenn das Herz diesen Sieg nicht mitfeiern kann? Es gab keine Alternative. Ich wohnte Hunderte von Kilometern entfernt, meine Schwester lebte vor Ort, pendelte aber täglich um 6.30 Uhr 100 Kilometer in die Landeshauptstadt, kehrte erst gegen 20 Uhr aus Stuttgart zurück. An den Töchtern bleibt es immer hängen. Sie hatte die Hauptlast zu tragen, sah nach meiner Mutter, wann immer sie konnte, wusch ihre Wäsche. Doch für das Umheben auf die Toilette oder ins Bett war auch sie nicht geschult.

Es fiel auch die Option weg, eine Pflegekraft ins Haus zu holen, das zwar den Platz dafür geboten hätte. Der Mann meiner Schwester praktiziert als Allgemeinmediziner in jener Stadt. Der Leibarzt unserer Familie hatte sehr viele gut gemeinte Betreuungen im eigenen Heim gesehen, die den Straftatbestand der körperlichen Misshandlung erfüllten. Auch ich habe als Student in Sozialpflegestationen gearbeitet und Zustände der Verwahrlosung durch liebende Angehörige erlebt, die mit einer würdevollen Existenz nichts mehr gemein hatten. Ein Heim steht unter ständiger Kontrolle, die rechtlichen Auflagen sind genau definiert. Dass zudem die Schwester meiner Frau drei Altersheime vorbildlich leitet und sie uns immer beratend zur Seite stand, beruhigte unser Gewissen etwas.

Von meiner Schwägerin wusste ich, dass der Grad der Vereinsamung mangels Ansprache im Pflegeheim viel geringer ist als etwa in betreuten Wohnheimen. Dass sich meine Mutter nicht sonderlich dafür interessierte, an Rupfmäuse-Bastelkursen teilzunehmen, Diavorträge wohlmeinender Ehrenamtlicher anzusehen oder "Kein schöner Land" im Chor zu singen, kann man nicht dem Heim anlasten. Ein Heim versucht immer, wenn es um die Freizeitangebote geht, möglichst viele Bewohner einzubinden, wie etwa durch Spielenachmittage oder Gymnastikkurse. Meine Mutter interessierte das nicht. Wir fragten uns: War es ein stiller Protest, gar ein Weg, sich den Verlust täglich vor Augen zu führen, die Wunde des Abschieds offen zu halten? Wir beruhigten unser Gewissen damit, dass wir wussten, dass sie äußerst pragmatisch veranlagt war. Sie entschloss sich, nur noch in der Gegenwart zu leben. Vergangenheit und Zukunft spielten für sie keine Rolle mehr. Viele Heimbewohner versuchen so, den ewigen Trott, der in der Pflegeroutine nun mal besteht, abzumildern. Sie tat einfach nur das, was sie von uns Kindern immer verlangte, wenn uns an grauen Sonntagen die Langeweile befiel: "Beschäftige dich mit dir selbst."

Noch heute bin ich darüber erschrocken, wie wenige Habseligkeiten sie mit sich ins Heim nahm. Ihre Wäsche, wenig Kleidung, keinen Mantel, nichts, was sie zum Ausgehen benötigt hätte. Die Lesebrille, ein Kugelschreiber, ein Nagelset, ein paar Kosmetika.

Meine Mutter las sehr viel, am liebsten Zeitschriften, die den Tag nicht überdauerten, die sich nach der Lektüre entsorgen ließen. Schenkte man ihr ein Buch, las sie es durch und sagte danach: "Nehmt das wieder mit." Ein buddhistischer Asket, so spotteten wir, war gegen sie ein Völler, der im Luxus badete.