Er war tot. Gestorben in einer kalten Februarnacht 2016, als morgens um drei Uhr Flammen auf dem Dachstuhl tanzten, Feuer das Haus umhüllte und am Ende nur noch ein verkohltes Gerippe übrig blieb, Brandstiftung vermutlich. Am nächsten Morgen kamen die Freunde und trauerten um ihn, standen an der Straße, blickten leer auf die Balken, die nur noch Stummel waren, und verabschiedeten sich bekümmert in den Nebel. "Das war, als ob man zu einer Beerdigung ginge, am vergangenen Sonntag", schrieb Frank Spilker, der Sänger der Sterne, am darauffolgenden Donnerstag in der ZEIT . "Vor dem Pudel Club standen Menschen und machten Fotos von etwas, zu dem sie eine sehr persönliche Beziehung gepflegt und was sie, wie es aussah, gerade für immer verloren hatten."

Der Pudel: für immer verloren. Hamburgs bekanntester und geliebtester Alternativ-Club. Hamburgs bester Kurz-vor-Fischmarkt-noch-mal-schnell-ein-bisschen-tanzen-Club, aufgefressen von Flammen und von einem Streit zwischen zwei ehemaligen Freunden, Rocko Schamoni und Wolf Richter, der schon lange schwelte, bevor die Flammen kamen.

Man muss an diese existenzielle Depression des linken Kunst-und-kreativ-Hamburgs erinnern, um die Bedeutung einer kleinen roten Sonne zu verstehen, die seit ein paar Tagen auf der Website pudel.com zu sehen ist. In der Sonne steht: "Ab jetzt: Do–So ab 20 Uhr. Ab September JEDEN TAG ab 20 Uhr". Die Tatsache lässt sich schlicht beschreiben: Der Pudel hat wieder auf. Nach all dem Getrauere und Lamentieren, nach all dem Emporheben und Stilisieren greift eine schlichte Tatsachenbeschreibung für viele aber zu kurz. Der Pudel war tot und lebt wieder, jubelt seine Gemeinde. Der Pudel ist auferstanden!

Zu Beginn glänzt alles und wirkt so neu, als sei der Pudel gerade mit der Post gekommen

Wenn der Ruf eines Clubs in metaphysische Höhen aufsteigt, muss bei seiner Wiedereröffnung ganz genau hingeschaut werden: Was ist des Pudels neuer Kern? Ist das an den Hang gequetschte Haus zwischen Fischmarkt und Landungsbrücken weiterhin der abgewetzte, vollgerauchte, vollverrauschte Tanz-Schuppen, in dem das Bier wenig kostet, die Temperaturen gegen vier Uhr morgens ihren Höchststand erreichen und der Schweiß von der Decke tropft? Oder hat er sich verändert, ist er gar verwandelt?

Kurz vor der Eröffnung, am Donnerstagabend um acht, laufen Kinder durch die Räume. Die Musik brummt leise im Hintergrund, die Pudel-Gründer Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun stehen an der Tür und wirken wie zwei Gastgeber, die zur Hausparty in ihre neue Wohnung einladen. Soll man die Schuhe ausziehen? So weit kommt es dann doch nicht, aber in den ersten Stunden, in denen es draußen noch hell ist, schlendern die Gäste wie bei einer Einweihungsparty durch die neuen Räume, zur Begutachtung. Die Hände hinterm Rücken verschränkt, schauen sich die neue Bar an, über der ein weiß leuchtender Pudel hängt, der an beiden Enden einen Kopf hat. Sie klopfen mit der Faust gegen die rötlichen, hölzernen Wände. Sie beugen sich auf den Toiletten zu den Fliesen hinunter, Terrakotta-Imitat. Alles glänzt und funkelt, alles wirkt so neu, als sei der Pudel gerade mit der Post gekommen und man hätte den Karton aufgerissen und behutsam die Schutzfolie abgezogen. So sieht das Nachfolge-Modell also aus!

Früher war jeder Quadratzentimeter mit Graffiti vollgekritzelt, jetzt ist alles sauber. Das kann man traurig finden wie eine Frau, die zu ihrer Freundin beim Reinkommen sagt: "Komisch clean." Das hat aber auch Vorteile: Die Anlage war früher schrammelig, jetzt ist der Sound klar, die Tanzfläche wirkt größer. Die Toiletten und die Garderobe haben ihren eigenen, fast geräumigen Platz. Und während der Renovierung kam gar historisch Bedeutsames zum Vorschein: In einer Wand nahe der Bar fanden die Pudel-Leute ein verstecktes Fenster, in dem noch ein Original-Gitter eingeschraubt war aus der Zeit, in der der Pudel ein Schmugglergefängnis war, 1872 erbaut.

Der Pudel als Freilichtmuseum: Das dauert nur wenige Stunden. Dann beginnen die Kellner schneller hinter der Bar zu kellnern, der Techno wummert los, das Licht wird gedimmt, und spätestens um Mitternacht ist alles wie immer. Auf der Tanzfläche zeigen die T-Shirts erste Schweißflecken, Zigaretten ragen in die Höhe, weil sonst der Nebentänzer angesengt wird. Der Boden wirkt uneben, weil jeder Schritt auf dem Fuß eines anderen endet. Was überall nerven würde, sorgt im Pudel für freudige Nostalgiegefühle: "Ach wie schön, genauso eng und stickig wie früher!", brüllt ein Mädchen zu ihrem Freund rüber.