Freital und Heidenau. Zwei Städte, in denen etwas zerbrochen zu sein scheint. Im sächsischen Freital standen vor zwei Jahren Hunderte Menschen brüllend vor einem früheren Hotel, in dem Flüchtlinge untergebracht waren. Wenig später tobte im nahe gelegenen Heidenau ein Mob vor einem zur Asylunterkunft umgewidmeten Baumarkt, griff die Polizei an und pöbelte gegen Politiker. "Pack" nannte der damalige SPD-Chef Sigmar Gabriel die Randalierer.

Beide Städte liegen nahe Dresden im Wahlkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Nummer 158 von 299, fast die Mitte, fast Durchschnitt, so wie die gepflegten Straßen in der Gegend, die Durchfahrorte mit Pension und Blitzkasten. Wald, Berge, Wiesen, Wald, Berge, Einfamilienhäuser. Doch seit den Vorfällen von 2015 ist die Gegend zur Chiffre geworden für Elitenhass und Fremdenfeindlichkeit. Die AfD-Chefin Frauke Petry hat ihre Kandidatur für den Deutschen Bundestag aus ihrem Heimatkreis in Leipzig hierher verlegt.

Ist es überhaupt möglich, hier einen normalen Wahlkampf zu führen? Nach allem, was passiert ist?

Man kann den Schornsteinfeger Klaus Wolframm fragen. Wolframm, 57, ist seit Jahren Stadtrat der SPD in Freital und nun ihr Bundestagskandidat. In seinem Geländewagen fährt er an diesem Tag ein paar Straßen seiner Stadt ab. Es geht vorbei an Neubauten, vereinzelt auch an Hausruinen aus den zwanziger Jahren. Weimarer Republik, lange her. Damals wurde Freital "Liebknechthausen" genannt, weil die Sozialdemokraten hier so stark waren. Heute spielt die SPD in diesem Wahlkreis, wie in ganz Sachsen, kaum noch eine Rolle. Weniger als elf Prozent erreichte sie hier 2013. Wenn in jüngster Zeit von Weimarer Verhältnissen die Rede war, ging es um etwas anderes. Um wachsendes Misstrauen gegen die Demokratie, gar um Verrohung.

Klaus Wolframm, in den Neunzigern aus dem Ruhrgebiet hierhergezogen, hat braune Haare und trägt eine schmale Brille. Seine Schornsteinfegerfirma liegt neben einem Getränkemarkt. Ja, sagt er, es sei "Pack" gewesen, das damals vor den Heimen randaliert hat. Aber dass Heidenau und Freital zu düsteren Symbolen wurden, dagegen wehrt er sich bis heute. Die meisten der 40.000 Einwohner seien friedlich und offen, sagt Wolframm. Man vergesse schnell, wie viele Freitaler sich in der Flüchtlingshilfe engagiert hätten. Wie viele Gegenproteste es gegen die rechten Demonstranten gegeben habe. "Da muss man schon genau sein mit seinem Urteil."

Wenn Wolframm über seinen Wahlkreis spricht, ist es schwer zu sagen, ob er bescheiden ist oder fatalistisch.

Die Ziele damaliger Tobsucht, die Flüchtlingsheime in Freital und Heidenau, stehen inzwischen leer. Aus den Ereignissen von 2015 scheinen leitzordnergraue Verwaltungsakte geworden zu sein: Acht Mitglieder der sogenannten Freitaler Gruppe stehen vor Gericht als mutmaßliche Rechtsterroristen. Und Wolframm bekommt auch keine Drohbriefe mehr. Ist die Wut, die damals in Freital sichtbar wurde, heute weg?

Bisweilen begegne sie ihm im Wahlkampf noch, die Wut von damals, sagt der SPD-Politiker, aber sie sei nicht mehr so schlimm, seitdem die Flüchtlinge aus der Stadt verschwunden seien. Kürzlich hat er eine Schule im Kreis besucht, Informationstag zur bevorstehenden Wahl. Ein Schüler fragte, warum die Regierung nicht einfach die Grenze schließe, mit Stacheldraht und Schussanlagen. Es fehle, sagt Wolframm, vielen Menschen an politischer Bildung.