Man erkennt es am Umgang mit dem Regenwurm. Noch vor ein paar Monaten hätte Jenny beim Anblick so eines sich windenden, nackten Geschöpfes laut geschrien: "Iiiiiiiih!" Die Siebenjährige aus Berlin-Hellersdorf kniet mit rosa Leggings und pinkfarbenen Ballerinas auf dem Acker, um Pflanzlöcher zu graben, als ein besonders fetter Wurm direkt neben ihren Händen kreucht. Jenny jubelt: "Der ist gut für den Boden!"

Wenn das kein Indiz für die pädagogische Wirkung der Schulgartenarbeit ist. In diesem Fall haben vier Sä- und Erntehelfer daran mitgewirkt. Gemeinsam mit den Kindern aus der Pusteblume-Grundschule buddelt sich das Team im Nieselregen durch lange Reihen voller Zucchini und Möhren, Tomaten und Bohnen, Kohlrabi und Lauch. Die vier sind Mitarbeiter der GemüseAckerdemie, eines ungewöhnlichen Bildungs-Start-ups. Das gemeinnützige Unternehmen aus Potsdam unterstützt Kitas und Schulen, wenn die Nutzgärten kultivieren wollen. Der Beitrag, den die Schule dafür zahlen muss, richtet sich nach ihren finanziellen Möglichkeiten. Ebenso individuell läuft die Betreuung der Gartenarbeit ab – solange die Fachleute gebraucht werden, beraten sie auch.

Nur drei Jahre nachdem der junge Bauernsohn und Agrarökonom Christoph Schmitz die Idee hatte, haben bereits 50 "Ackerdemiker" in 12 Bundesländern 5.400 Kindern an 134 weiteren Schulen das Gärtnern beigebracht. Und auch dieser Erfolg ist ein Indiz. Er steht für das deutsche Schulgartenparadox.

Einerseits beobachten die Experten: Solche Lern-Biotope haben Konjunktur. Das überrascht auch kaum angesichts der weitverbreiteten Debatten über pestizidfrei, frisch und regional erzeugte Lebensmittel, urbane Gärten oder "Bildung für Nachhaltigkeit"; jene Floskel, die beim Kompostieren, Pflücken und Schmecken an Anschaulichkeit gewinnt.

Doch auf der anderen Seite zeigt der Aufstieg eines privaten Dienstleisters, dass viele Kollegien beim Ackern offenbar Nachhilfe brauchen. Aus der Bildungspolitik jedenfalls kriegen sie für schulische Agrikultur wenig Rückenwind.

So wird die Schulgartenpädagogik in der staatlichen Lehrerausbildung nur selten angeboten oder gewählt, weil es – außer im Bundesland Thüringen – später in der Praxis kein eigenes Fach dafür gibt. Ministerien verweisen auf den Sach- oder Naturwissenschaften-Unterricht, explizit kommt das Buddeln und Jäten in den Bildungsplänen meist nicht vor. Ob sich eine Schule aber freiwillig auf den Aufwand an Zeit und Kosten einlasse, das hänge meist vom Engagement eines einzelnen, passionierten Lehrers ab, kritisiert Birgitta Goldschmidt, die sich in Rheinland-Pfalz für die noch junge Bundesarbeitsgemeinschaft Schulgarten engagiert. "Und wenn der oder die Zuständige mal krank, schwanger oder pensioniert ist, dann wächst schnell Gras über den Garten." So ein richtiger eigener Acker blieb also lange eine – oft belächelte – Sache für Waldorfschulen oder Nachmittags-AGs.

Auch die kleine Pusteblumen-Grünanlage läge wohl noch immer brach, hätte nicht Katja Wallis die Initiative ergriffen. Jennys Lehrerin überzeugte ihre Kollegen von der Idee, das verlassene Gelände neu zu beleben. Verwunschen liegt es hinter Bäumen zwischen den spröden Hellersdorfer Siedlungsblocks.

Neben einem neuen Geräteschuppen haben Lehrer und Schüler gemeinsam eine große Hütte aus Ästen und Zweigen gebaut. Am Zaun stehen Hochbeete, rund um den großen Acker gibt es einen Apfelbaum, Beerensträucher und eine steinerne Spirale, zwischen deren Windungen duftende Kräuter wie Thymian, Salbei oder Zitronenmelisse wachsen. Doch nicht immer reichten die Planstunden aus, um Anbau- und Unterrichtspläne zu erstellen und alles so vorzubereiten, dass die Schüler selbst Hand anlegen können, sagt Wallis: "Ich verbringe hier auch immer wieder Freizeit."

Umso hilfreicher ist es deshalb, dass die GemüseAckerdemie solchen Schulen organisatorische Mühen abnimmt und mit konzeptionellen Anstößen zur Seite steht. Das "Sozialunternehmen" rückt mit Agrarstudenten oder landlosen jungen Landwirten als zusätzlichen Helfern im Unterricht an, wenn Erntezeit ist oder neu gepflanzt werden kann. Es besorgt das Saatgut, bringt Harken und Schaufeln mit, liefert Broschüren mit didaktischen Ideen und bunte Unterrichtsmaterialien mit Videos und Quizspielen. Aktuelle "Acker-Infos" gibt es außerdem in einer wöchentlichen Mail: jetzt Tomaten ausgeizen oder Kartoffeln häufeln!