Vorher

Das Problem: Katja Naber will eine gute Lehrerin sein, das wollte sie immer, aber es gibt da ein Problem, das sie in ihrer E-Mail an die ZEIT schildert: Der Klassenraum ist zu klein für ihre dritte Klasse, 28 Kinder sitzen dicht an dicht. Naber weiß, dass sie mit dem Problem nicht allein ist. Republikweit sind viele Klassen überfüllt. Schulen müssen immer mehr Kinder aufnehmen, weil die Einzugsgebiete größer werden und zugleich benachbarte Schulen schließen. Manche Schulleitung reagiert mit einem Aufnahmestopp. Andere vertrauen auf die Lehrkräfte, sie reichen das Kapazitätenproblem nach unten durch oder stapeln Containerräume auf den Schulhof. Natürlich gibt es dramatischere Situationen als an der Grundschule Kampstraße, wo Naber lehrt, in Lemgo, Kreis Lippe. Aber soll sie sich deshalb arrangieren? Von den Studenten erhofft sich Naber eine neue Perspektive. Mehr Platz auf demselben Raum – geht das überhaupt? Lässt sich vielleicht in die Höhe bauen?

Die Diskussion: Ende April reist das Team der Gestaltungsberatung zum ersten Mal nach Lemgo. Sie freuen sich über den Auftrag, sie wissen, dass eine gute Idee Signalwirkung haben kann. "Was dort funktioniert, kann auch woanders funktionieren", sagt einer der Studenten, Torben Körschkes. Katja Nabers Klassenraum liegt auf der ersten Etage des weißen Zweckbaus: 58 Quadratmeter, Tische in Reihe, rechts Materialfächer in der Schrankwand, links Heizung und Fenster, ein Lehrerpult, bunte Bilder, Weltkarte, Bücher. Auf den ersten Blick der Grundschulausstattungsklassiker. Das Zimmer wirkt voll, aber nicht zum Bersten. Das eigentliche Problem erschließt sich erst durch die Nutzung: An einer offenen Ganztagsschule wird in den Klassen auch gefrühstückt, betreut und getobt. Auf den regulären Unterricht folgen Hausaufgabenbetreuung, Sport- und Musikstunden am Nachmittag. "Wird schwieriger als gedacht", brummt Gvantsa Jiadze, sieht aber nicht aus, als würde sie das stören.

Zurück in Hamburg machen sich die Studenten an die Arbeit. In der Konzeptionsphase ist kein Vorstoß zu kühn, keine Idee verboten. Einmal wird überlegt, in den Raum eine begehbare zweite Ebene einzuziehen, einem Hochbett gleich – aber dann verworfen, zu aufwendig, so viel Budget haben sie auch nicht. Über Wochen sitzen die jungen Designer Kersting, Körschkes und Jiadze zusammen, skizzieren und diskutieren, entwerfen und verwerfen, oft bis in die Nacht, im Neonlicht der Werkräume. Sie recherchieren Sitzmodelle. Flexible Möbel. Und: Sie lesen über Unterrichtsmodelle.

Je mehr Zeit verstreicht, desto grundsätzlicher werden die Fragen. Wieso sind Tische und Stühle durchgenormt an einer Schule? Sind Drittklässler nicht unterschiedlich groß, breit, dünn gewachsen? Müsste man da nicht ansetzen? Das Team denkt immer radikaler. In Lemgo glaubt Katja Naber noch, dass sich nur der Klassenraum verändert. In Hamburg glauben die Studenten, dass sich auch der Unterricht verändern muss. Sie identifizieren drei Körperpositionen, die im Klassenraum eingenommen werden: sitzen, stehen, liegen. Das wird die Basis für die Umgestaltung des Raumes. 50 Prozent Sitzen, 30 Prozent Stehen, 20 Prozent Liegen und Aktion – diese Empfehlung, von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltung und Bewegung publiziert, fundiert ihren Ansatz theoretisch.

Nachher

Die Umsetzung: Zweiter Besuch in Lemgo. Ein Projektor wirft Folien an die Wand, die das Vorher und Nachher zeigen. Man sieht: einen Rundtisch, an dem ein Drittel der Klasse Platz finden soll. Matten, die auf dem Boden vor der Tafel liegen. Und die Fensterbank, zur Werkfläche verlängert – hier kann im Stehen gearbeitet werden. "Das ist unser Vorschlag", sagt Helena Kersting. "Ist natürlich alles verhandelbar. Also, wenn Ihnen das jetzt zu viel ist ..." Sie gucken Naber an. Haben sie übertrieben? Zu viel Bruch mit dem Status quo? Die Lehrerin holt tief Luft, dann sagt sie: "Ich finde es toll!" Sie will das Zimmer ausprobieren. Erst mal aber kommt, wer kommen muss, wenn auch Waschbeckennutzung und Heizregelung verhandelt werden: der Hausmeister. Er sorgt sich um die Mattenhöhe, die Reinigung, ob Fluchtwege frei bleiben. "Ist trotzdem machbar", brummt er am Ende. Man einigt sich auf eine zweiwöchige Testphase. Eine Diskussion mit der Schulleitung, den Lehrern und Eltern soll auch stattfinden.

Also machen sich die Studenten an den Umbau. Verhaken zwei halbmondförmige Tischplatten zu einer großen, vertiefen die Fensterbank, entleihen Matten aus der Schulturnhalle. Kurz nach dem Umbau, an einem Freitag, dritte Stunde, ruft Naber ihre Schüler im Stuhlkreis zusammen. Sie erläutert Aufgaben zur freien Arbeit, dann beginnt die Verteilung. Acht Schüler flätzen sich auf die Matten, fünf sammeln sich am Fenster, der Rest sitzt am Tisch. Es ist nicht lauter als in anderen vierten Klassen. Naber eilt durch ihr neues Arbeitsumfeld, hierhin, dorthin, als habe sie nie anders unterrichtet. Einmal muss sie die Triangel schlagen, weil Unruhe aufbrandet. Einige Eingriffe in die Anordnung hat sie vorgenommen, drei Einzeltische aufgestellt, falls mal ein Kind allein sitzen muss. Die Matten stapelt Naber, um vor der Tafel mehr Fläche zu gewinnen. Sie versteht das als Zugeständnis an die Kollegen, die mit dem neuen Raum fremdeln. Ihr sei von Anfang an klar gewesen, dass sie vermitteln müsse, sagt sie. Um zu ermessen, wie sehr das Konzept herausfällt, muss man ja nur ein paar Schritte den Flur entlanggehen. Schon im nächsten Raum sitzen die Kinder brav in ihren Tischreihen, dem Frontalunterricht lauschend.

Am frühen Abend beginnt die angekündigte Podiumsdiskussion. Viele Eltern sind gekommen, auch ein Vertreter der Stadt, verantwortlich für den Schulbau. Mit beengten Räumen habe er immer wieder zu tun, sagt er. Hat diese Lehrerin zusammen mit den Studenten aus Hamburg eine Lösung gefunden? Eine, die auch für andere Schulen denkbar wäre? Er hört zu. Und tatsächlich, der Tenor ist positiv, die Kinder haben zu Hause nur Gutes berichtet. Beim Fragebogen, den Naber verteilt hat, gaben bis auf ein Kind alle an, der neue Raum sei besser als der alte. Auch den Eltern bereitet das Modell keine Sorgen, im Gegenteil: "Das soll bitte so bleiben", verlangt eine Mutter. Naber nickt, hofft sie ja auch.

Das Kollegium hingegen bleibt reserviert. "Die müssen Sie unbedingt ins Boot holen", hatte der Stadtvertreter gemahnt. Vor allem die Kollegen, die mit ihr das Klassenzimmer nutzen. Der Aufbau ist zunächst nur provisorisch: Der runde Tisch gehört den Studenten, die Matten sind aus der Turnhalle. Wenn das Modell eine Zukunft haben soll, dann wird Naber weitere Unterstützer finden müssen. Man ahnt: Sie wird weiterkämpfen.