Bahnreisende wissen: Der Hauptbahnhof von Hannover ist ein ödes Einkaufszentrum mit Schnellbahnanschluss nach Hamburg und Berlin. Nichts gibt es hier, nur Wartezeit. Ich treibe mich also im Bahnhofskiosk herum.

Aber auch auf einer hässlichen Bühne können schöne Stücke aufgeführt werden, und jetzt hebt sich der Vorhang: Eines meiner Großprojekte liegt endlich am Kiosk. Die Titelgeschichte in einem Magazin. Showtime!

Das Schöne an dem Beruf des Journalisten ist: Alles ist persönlich. Meinung, Ideen, Texte. Nichts an der Recherche ist standardisiert, nichts am Schreiben automatisiert. Ein Beruf, der einem auf den Leib rückt. So wie die Leser, mit denen man anschließend diskutiert: Wie hättest du’s denn formuliert? Was denkst du? Ist das wichtig, richtig, gut? Das Schlimme an diesem Beruf ist aber auch: Alles ist persönlich. Jede Anmerkung, jede Kritik.

Über Wochen saß ich an diesem Text, einem Politiker-Porträt. Habe den Redaktionsleiter überzeugt. Die Pressestelle. Den Politiker. Habe einen Termin bekommen, eilige 60 Minuten. Habe mich mit fünf, sechs Menschen unterhalten, die mehr verstehen als ich. Im Text kommen sie nicht vor, denn diese Menschen sind zwar sehr schlau, aber auch sehr unbekannt – und würden beim Lesen nur ablenken. Ich habe mich abgesichert, die Zitate und Fakten zum Gegenlesen geschickt. Mit dem Lektorat über Relativsätze, Kommata und Bezüge diskutiert. Mit der Redaktion die Überschriften und Bildunterschriften verhandelt. Bis kurz vor Andruck.

Und dann kommt das Magazin. Wird ausgeliefert, liegt an Bahnhöfen und Kiosken, auch in Hannover. Und schon diskutiert das Internet.

Noch im Bahnhofskiosk stehend, verfolge ich die Online-Diskussion über meinen Artikel. Ich blicke in einen Abgrund aus Häme und Hässlichkeit. Keiner der Kommentatoren hat den Text erkennbar gelesen, aber das Urteil steht: Ich bin, steht da, ein schlechter PR-Lakai, politisch unanständig und selbstverständlich gekauft.

Ich stecke das Telefon weg. Gleich kommt der Zug.