Nehmen wir an, Sie sind zu einem Grillfest eingeladen. Alle Gäste loben den Geschmack und finden nichts daran, dass das Grillfleisch aus Tofu und die Würstchen aus Seitan bestehen. Dann wird aus Gründen der Verdauung geraucht. Obwohl kein Tabak verbrennt, steigt Qualm auf, Waldmeister-Aroma breitet sich aus. Zur E-Zigarette wird entkoffeinierter Espresso serviert, gezuckert mit Süßstoffpillen. Schließlich reicht jemand ein Smartphone herum, auf dessen Display Urlaubsfotos mit Palmen, Sandstrand und türkisfarbenem Wasser zu sehen sind – aufgenommen in der Niederlausitz. "Abtauchen im Südpazifik auf einem 200 Meter langen Sandstrand bei 28 Grad Celsius": So werben die "Tropical Islands" in der Nähe von Rietzneuendorf-Staakow, geöffnet täglich von 6 bis 24 Uhr. Die Selfies vor nachgebauten balinesischen Hütten und Strandhotels samt ökoverträglicher Klimaanlage haben einen Sepia-Stich, als stammten sie aus dem Jahr 1962. Auf Instagram kam diese Retro-Bildbearbeitung gut an, es gab Likes im hohen zweistelligen Bereich. Ein Bild des vermeintlichen Grillfleischs wird auf Facebook gepostet, wo der Gastgeber 463 Freunde hat. Er bekundet, regelmäßig in einer veganen Metzgerei einzukaufen. Abgerundet wird der Abend mit Eiscreme aus aromatisiertem Pflanzenöl.

Ist die Szene wahr oder erfunden? Als ob es darauf noch ankäme, in einer Welt der Virtualität, in der vieles nicht mehr das ist, was es zu sein scheint! Tatsache ist: All das ist Realität, steakförmiges Nichtfleisch ebenso wie die E-Zigarette, die Souvenirs aus den künstlichen Tropen, die auf alt getrimmten Fotos. Ob ein Gebilde aus Tofu noch Steak heißen darf oder ein digitaler Unbekannter Freund genannt werden kann, ist nicht nur ein sprachphilosophisches Problem, sondern zeigt vielmehr, dass die grundlegende Frage nach Authentizität und Wahrheit heute schwerer denn je zu beantworten ist. Vieles spricht dafür, dass wir heute in der "Epoche der Surrogate" leben, wie es der argentinische Autor Martín Caparrós in seinem Buch Der Hunger diagnostizierte.

Vom Surrogat, vom Ersatzstoff als Geschäftsmodell, lebt vor allem die Nahrungsmittelindustrie gut: Süßstoff statt Zucker, Milchpulver im Schokoriegel, Kaffee ohne Koffein, Champagner ohne Alkohol, Butter ohne Cholesterin und sogenannter Analogkäse (in dem nur Palmöl, Wasser, Stärke, Aromakonzentrat und Emulgatoren stecken und der keines natürlichen Reifungsprozesses bedarf). Das geschmacksverwandte Kunstprodukt spart Produktionszeit und -kosten, gewiss.

Aber es geht längst um weit mehr. Tofu-Fleisch und Seitan-Würstchen wären vor 20 Jahren als Spleen einer ernährungspolitisch korrekten Reformhaus-Minderheit belächelt worden, heute sind sie massentauglich. Es sind Beispiele für einen sozioökonomischen Modus Operandi, den man das Als-ob-Prinzip nennen könnte. Es wirkt keineswegs allein beim Essen, sondern scheint zum prägenden Muster der spätmodernen Gesellschaft zu werden, in der die Menschen mittels Imitation oder Simulation dem Ersatz eine ebenso hohe Priorität einräumen wie dem Original.

Warum greifen Menschen zum Surrogat, selbst wenn sie – wie im Falle des Steaks, der Zigarette oder des Kaffees – das Original haben könnten? Womöglich, weil das Original ungesund ist oder ethisch unkorrekt wäre oder im Moment nicht erschwinglich ist; womöglich aber auch, weil schlicht die Zeit zur Erfahrung des Echten fehlt. Wer lieber im heimischen Beach-Club statt in der Karibik ausspannt, der spart Flugkosten, Zeit und Urlaubstage, muss keinen Jetlag, Sandflohbiss oder Sonnenbrand fürchten und hat dennoch ein paar erholsame Stunden. Und wer den realen Mauritius-Effekt nicht leibhaftig erfahren kann, erfährt eben den simulierten Tropen-Effekt im leibhaftigen Spreewald. Die Vorstellung eines Ortes, scheint es, ist wichtiger geworden als der Ort selbst.

Der Sommertag am See wird von seiner Digitalisierung überlagert

Schlägt sich das in den Prioritäten deutscher Urlauber nieder? Im Großen nicht, sagt der Kieler Psychologe Martin Lohmann, Leiter des Instituts für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa, der seit Jahrzehnten das Reiseverhalten analysiert. Wer es sich leisten könne, bevorzuge noch immer das Original. Im Kleinen aber schleicht sich der Surrogat-Modus überall ein. Am Urlaubsort, sagt Lohmann, lassen wir uns gerne eine real nicht vorhandene Idylle vormachen – Potemkinsche Dörfer, in deren Hauptstraßen der freundliche italienische Fischer seinen Fang zeigt oder die griechische Taverne mit aufgehängten Oktopussen just jenes Ambiente inszeniert, welches das Stereotyp verlangt. Der Südländer liefert, was der Nordländer wünscht. Die romantisierte Scheinwelt, mit der Letzterer sich dann auf Facebook Prestigepunkte sichert, verschweigt, dass der Einheimischen echtes Leben oft von Geldnot, Härte und Arbeitslosigkeit geprägt ist. Womöglich stammt der appetitlich ausgelegte Fang gar nicht aus dem leer gefischten Meer vor Ort, sondern vom Großmarkt, als Beute irgendeiner Hochseeflotte.

In der Multioptions-Gesellschaft samt all ihren kulissenhaften Unschärfen und inflationierten Wahlmöglichkeiten, wie der Schweizer Soziologe Peter Gross unsere Lebenswelt bereits 1994 umschrieben hat, stehen selbst die Originale unter dem Verdacht, nur Schein zu sein.

Für Authentizität und Originalität müsste man sich auf einen oft langwierigen und nachhaltigen Erfahrungsprozess einlassen, dessen Ergebnis weder steuer- noch berechen- und oft nicht kontrollierbar ist. Im Als-ob-Modus ist man der mühsamen Suche nach dem Echten von vornherein enthoben. Der Als-ob-Modus grundiert eine Lebenswelt, in der sich die Menschen – auch als Reaktion auf die steigende Zahl an Reizen und Impulsen im Alltag – zunehmend im Konjunktiv organisieren: vielleicht, vielleicht nicht, jederzeit flexibel, ohne Verbindlichkeit, ohne Gewähr. Durch Surrogat und Als-ob-Prinzip entzieht man sich Festlegung und Kontrolle, Rechenschaft und Verantwortung. Ist der Zeitgenosse daran selbst schuld?

Ja und nein. Er ist zugleich Täter und Opfer, Nutzer und Benutzter einer technologischen Entwicklung, die den Als-ob-Modus in den vergangenen Jahren entscheidend forciert hat. In ihren Studien zur Interaktion von Mensch und Technik hat die Wirtschaftspsychologin Sarah Diefenbach von der Ludwig-Maximilians-Universität München die steigende Verlagerung des realen Erlebens in den digitalen Raum eingehend analysiert. "Untersuchungen zeigen, dass wir mittlerweile mehr mit Menschen schreiben als reden; die authentische, direkte Kommunikation verlagert sich in Chats, auf Foren oder Plattformen wie Facebook mit Personen, die man zum Teil gar nicht kennt", sagt Diefenbach. Diese Selbstdarstellung führe zur Schönung des eigenen Ego, die mit der real existierenden Wirklichkeit der Person oft nichts mehr zu tun habe.

Der Glaube an das Surrogat

Das momentane Erlebnis, ein schöner Sommertag am See etwa, wird gleich schon von dessen digitaler Verarbeitung überlagert: Nicht mehr das Glück im Augenblick erhält Wert und Bedeutung, sondern die Nachbearbeitung des Ereignisses selbst wird zum Glückserlebnis. Der Als-ob-Modus führt zu einer Verselbstständigung in einer Spirale aus Belohnung, Belohnungsbedürfnis, erneuter Befriedigung des Belohnungsbedürfnisses und so fort. "Es ist ein großes Problem, dass die neuen Technologien dabei unsere sozialen Normen aufweichen und so grundlegende Dinge wie Zuhören, Ausreden lassen oder den Respekt gegenüber anderen zerstören", resümiert Diefenbach. "Man übernimmt die Angebote der Technik, ohne sich zu fragen: Was will ich wirklich, und wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um?"

Natürlich lässt sich hier eine offenbar anthropologische Grundkonstante erkennen. Schon im Ägypten des vierten Jahrtausends vor Christus lassen sich Surrogate nachweisen. So hat man vor vielen Jahren bei Abusir el-Melek schwarz-weiß gefleckte Tongefäße ausgegraben, die offensichtlich Imitationen von wertvolleren Steingefäßen mit demselben Muster waren – ein wenig so, wie heute Fototapeten den Anschein teurerer Materialien erwecken. "Nicht als ob das Bestreben, teurere Stoffe durch billigere oder leichter zu bearbeitende von gleichem Aussehen zu ersetzen, früher unbekannt gewesen wäre", kommentierte 1912 der Kunsthistoriker Gustav Edmund Pazaurek in seinem Buch Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe.

Mit erstaunlichem Weitblick hat Pazaurek damals schon den Trend zur Imitation in der Moderne erkannt:

"Wenn sich unsere Zeit mit so appetitlichen Problemen befasst wie mit der Herstellung von Butter aus Petroleum und von Schnaps aus Fäkalien, dann verdient sie ohne Zweifel die wenig schmeichelhafte Bezeichnung der Epoche der Surrogate. Die geradezu staunenswerte Entwicklung der Technik und noch mehr die riesigen Fortschritte der Chemie haben als unerwünschte Nebenerscheinung eine Surrogatwirtschaft großgezogen, wie sie in diesem Umfange keine Zeit vor uns kannte."

Was würde Pazaurek wohl heute sagen, da die Digitalisierung alle Prozesse hochgradig beschleunigt hat und das Volumen des Wissens die Komplexität der Sachverhalte derart hat anwachsen lassen, dass für die Suche nach dem Echten, Ursprünglichen kaum noch Zeit bleibt. Der Einzelne ist getrieben von Stress und Konkurrenzdenken in hochkompetitiven Ballungsräumen, und der hohe Aufwand an alltäglicher Realitätsbewältigung lässt reale Erfahrungen oft gar nicht mehr zu.

Delegation und Verlagerung sind der Kern des Als-ob-Modus. Wer den Kitzel einer Kletterpartie erleben will, aber dafür keine Zeit hat oder das Risiko eines realen Absturzes scheut, klettert mit Datenbrille in die virtuelle Realität. Solche Anwendungen zielen auf bestmögliche Reduktion von Gefahr bei höchstmöglicher Erlebnisverdichtung und bedienen die Sehnsucht nach totaler Sicherheit. Je brüchiger das Sicherheitsgefühl in der realen Welt wird, umso attraktiver erscheint uns das Als-ob-Erlebnis.

Gesundheitsreligiöser Fanatismus fragt nicht mehr, wofür es sich eigentlich zu leben lohnt

Nahezu alle Beispiele der "Epoche der Surrogate" lassen sich auf eine zentrale Formel reduzieren: Optimierung durch Vermeidung – einerseits von Kosten und Zeitaufwand, andererseits von Schmerz, Leid und Risiko bei gleichzeitiger Optimierung von Gesundheit und Genuss. Süßstoff soll gesünder sein als Zucker und trotzdem süß, E-Zigaretten sollen unschädlich sein und ermöglichen dennoch den Nuckeleffekt. Und wer sich für eine Party kurzzeitig per Kochsalzinjektion die Brüste vergrößern lässt (was durchaus praktiziert wird), will sich eben keinem möglichen Scheitern, keiner Zurückweisung, aber auch keiner irreversiblen Festlegung aussetzen und dennoch erotische Aufmerksamkeit erregen. Fleischimitation mittels Tofu oder alkoholfreier Champagner sind Beispiele einer an reiner Funktionalität ausgerichteten Askese, die mit christlicher Religion nichts, mit weltlicher Optimierung alles zu tun hat. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller diagnostiziert bereits die wohlüberlegte "Lust-Vermeidung" als Grundzug der Gegenwartskultur. Deren Mitglieder fragten vor lauter "gesundheitsreligiösem Fanatismus" und Verängstigung gar nicht mehr, wofür es sich zu leben lohnt und was sie vom Leben haben möchten.

Andererseits lässt das Surrogat ein Hintertürchen offen; das Leben im Konjunktiv erlaubt den Traum, immer noch eine Möglichkeit zu haben. Wer das Original probiert, hat es ein für allemal verbraucht. Solche Endlichkeit zu akzeptieren ist eine schwieriger werdende Herausforderung für Menschen, die sich durch die immer wiederholten Erzählungen vom unendlichen Wachstum selbst weisgemacht haben, das Leben ständig reproduzieren zu können.

Corriger la fortune, das Schicksal korrigieren – mit diesem Wahlspruch huldigt die aufgeklärte Menschheit seit mehr als 250 Jahren dem mechanistischen Menschenbild des französischen Arztes, Atheisten und Philosophen Julien Offray de La Mettrie. Der Geist des nützlichkeitsorientierten Materialismus steuert bis heute das Denken und Handeln der Menschen westlicher Gesellschaften: gegen jeden Defekt eine Pille, gegen jeden Schmerz eine Spritze, gegen jede Störung eine Therapieform. Schwächen, Scheitern und Schmerzen gilt es nicht mehr zu ertragen, sondern zu verhindern. Wer trotz möglicher Korrekturen versagt, erkrankt oder untergeht, hat nach dieser Logik sein Schicksal selbst zu verantworten.

Da könnte der Als-ob-Modus ja doch eine geradezu kluge Strategie sein, mit der Inflation der – oft konkurrierenden – Ansprüche an das eigene Leben umzugehen. Die Religionspsychologie bietet für die Bewältigung der widersprüchlichen Wirklichkeit den schönen Begriff "Coping" (englisch für "Bewältigung") an. Will heißen: Wer sich in einer transzendenten Heimat zu Hause fühlt, wird mit den Zumutungen und Bedrohungen des irdischen Alltags besser fertig. Und eine transzendente Heimat ist ja nichts anderes als ein in die Spiritualität verlagertes Als-ob-Reich. Man führt sein Leben, als ob es eine weitere Dimension hätte. Deshalb glaubt der Mensch ja auch: Weil er vertrauen muss, um zu überleben; für ein gutes Leben kann man das Vorhandene nicht permanent infrage stellen.

Da der heutige Mensch meist nicht mehr an Götter glaubt, drängt sich ihm der Glaube an das Surrogat auf, weil es Wohlbefinden, Lust und Erlösung auf einer anderen Ebene verspricht. Wollte der Zeitgenosse permanent auf unbedingter Originaltreue bestehen, müsste er sich krebserregender Sonnenstrahlung aussetzen, für handgeschöpften Mozzarella aus der Emilia-Romagna teuer bezahlen und möglicherweise ein demütigendes erotisches Desaster ertragen. Was erst der Anfang eines surrogatfreien Lebens wäre, denn er müsste sich mit hohem Sachverstand zu jeder Zeit an jedem Ort über alle Details jedes Produkts allzeit kundig machen.

Als ob das wünschenswert wäre.

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