Das momentane Erlebnis, ein schöner Sommertag am See etwa, wird gleich schon von dessen digitaler Verarbeitung überlagert: Nicht mehr das Glück im Augenblick erhält Wert und Bedeutung, sondern die Nachbearbeitung des Ereignisses selbst wird zum Glückserlebnis. Der Als-ob-Modus führt zu einer Verselbstständigung in einer Spirale aus Belohnung, Belohnungsbedürfnis, erneuter Befriedigung des Belohnungsbedürfnisses und so fort. "Es ist ein großes Problem, dass die neuen Technologien dabei unsere sozialen Normen aufweichen und so grundlegende Dinge wie Zuhören, Ausreden lassen oder den Respekt gegenüber anderen zerstören", resümiert Diefenbach. "Man übernimmt die Angebote der Technik, ohne sich zu fragen: Was will ich wirklich, und wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um?"

Natürlich lässt sich hier eine offenbar anthropologische Grundkonstante erkennen. Schon im Ägypten des vierten Jahrtausends vor Christus lassen sich Surrogate nachweisen. So hat man vor vielen Jahren bei Abusir el-Melek schwarz-weiß gefleckte Tongefäße ausgegraben, die offensichtlich Imitationen von wertvolleren Steingefäßen mit demselben Muster waren – ein wenig so, wie heute Fototapeten den Anschein teurerer Materialien erwecken. "Nicht als ob das Bestreben, teurere Stoffe durch billigere oder leichter zu bearbeitende von gleichem Aussehen zu ersetzen, früher unbekannt gewesen wäre", kommentierte 1912 der Kunsthistoriker Gustav Edmund Pazaurek in seinem Buch Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe.

Mit erstaunlichem Weitblick hat Pazaurek damals schon den Trend zur Imitation in der Moderne erkannt:

"Wenn sich unsere Zeit mit so appetitlichen Problemen befasst wie mit der Herstellung von Butter aus Petroleum und von Schnaps aus Fäkalien, dann verdient sie ohne Zweifel die wenig schmeichelhafte Bezeichnung der Epoche der Surrogate. Die geradezu staunenswerte Entwicklung der Technik und noch mehr die riesigen Fortschritte der Chemie haben als unerwünschte Nebenerscheinung eine Surrogatwirtschaft großgezogen, wie sie in diesem Umfange keine Zeit vor uns kannte."

Was würde Pazaurek wohl heute sagen, da die Digitalisierung alle Prozesse hochgradig beschleunigt hat und das Volumen des Wissens die Komplexität der Sachverhalte derart hat anwachsen lassen, dass für die Suche nach dem Echten, Ursprünglichen kaum noch Zeit bleibt. Der Einzelne ist getrieben von Stress und Konkurrenzdenken in hochkompetitiven Ballungsräumen, und der hohe Aufwand an alltäglicher Realitätsbewältigung lässt reale Erfahrungen oft gar nicht mehr zu.

Delegation und Verlagerung sind der Kern des Als-ob-Modus. Wer den Kitzel einer Kletterpartie erleben will, aber dafür keine Zeit hat oder das Risiko eines realen Absturzes scheut, klettert mit Datenbrille in die virtuelle Realität. Solche Anwendungen zielen auf bestmögliche Reduktion von Gefahr bei höchstmöglicher Erlebnisverdichtung und bedienen die Sehnsucht nach totaler Sicherheit. Je brüchiger das Sicherheitsgefühl in der realen Welt wird, umso attraktiver erscheint uns das Als-ob-Erlebnis.

Gesundheitsreligiöser Fanatismus fragt nicht mehr, wofür es sich eigentlich zu leben lohnt

Nahezu alle Beispiele der "Epoche der Surrogate" lassen sich auf eine zentrale Formel reduzieren: Optimierung durch Vermeidung – einerseits von Kosten und Zeitaufwand, andererseits von Schmerz, Leid und Risiko bei gleichzeitiger Optimierung von Gesundheit und Genuss. Süßstoff soll gesünder sein als Zucker und trotzdem süß, E-Zigaretten sollen unschädlich sein und ermöglichen dennoch den Nuckeleffekt. Und wer sich für eine Party kurzzeitig per Kochsalzinjektion die Brüste vergrößern lässt (was durchaus praktiziert wird), will sich eben keinem möglichen Scheitern, keiner Zurückweisung, aber auch keiner irreversiblen Festlegung aussetzen und dennoch erotische Aufmerksamkeit erregen. Fleischimitation mittels Tofu oder alkoholfreier Champagner sind Beispiele einer an reiner Funktionalität ausgerichteten Askese, die mit christlicher Religion nichts, mit weltlicher Optimierung alles zu tun hat. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller diagnostiziert bereits die wohlüberlegte "Lust-Vermeidung" als Grundzug der Gegenwartskultur. Deren Mitglieder fragten vor lauter "gesundheitsreligiösem Fanatismus" und Verängstigung gar nicht mehr, wofür es sich zu leben lohnt und was sie vom Leben haben möchten.

Andererseits lässt das Surrogat ein Hintertürchen offen; das Leben im Konjunktiv erlaubt den Traum, immer noch eine Möglichkeit zu haben. Wer das Original probiert, hat es ein für allemal verbraucht. Solche Endlichkeit zu akzeptieren ist eine schwieriger werdende Herausforderung für Menschen, die sich durch die immer wiederholten Erzählungen vom unendlichen Wachstum selbst weisgemacht haben, das Leben ständig reproduzieren zu können.

Corriger la fortune, das Schicksal korrigieren – mit diesem Wahlspruch huldigt die aufgeklärte Menschheit seit mehr als 250 Jahren dem mechanistischen Menschenbild des französischen Arztes, Atheisten und Philosophen Julien Offray de La Mettrie. Der Geist des nützlichkeitsorientierten Materialismus steuert bis heute das Denken und Handeln der Menschen westlicher Gesellschaften: gegen jeden Defekt eine Pille, gegen jeden Schmerz eine Spritze, gegen jede Störung eine Therapieform. Schwächen, Scheitern und Schmerzen gilt es nicht mehr zu ertragen, sondern zu verhindern. Wer trotz möglicher Korrekturen versagt, erkrankt oder untergeht, hat nach dieser Logik sein Schicksal selbst zu verantworten.

Da könnte der Als-ob-Modus ja doch eine geradezu kluge Strategie sein, mit der Inflation der – oft konkurrierenden – Ansprüche an das eigene Leben umzugehen. Die Religionspsychologie bietet für die Bewältigung der widersprüchlichen Wirklichkeit den schönen Begriff "Coping" (englisch für "Bewältigung") an. Will heißen: Wer sich in einer transzendenten Heimat zu Hause fühlt, wird mit den Zumutungen und Bedrohungen des irdischen Alltags besser fertig. Und eine transzendente Heimat ist ja nichts anderes als ein in die Spiritualität verlagertes Als-ob-Reich. Man führt sein Leben, als ob es eine weitere Dimension hätte. Deshalb glaubt der Mensch ja auch: Weil er vertrauen muss, um zu überleben; für ein gutes Leben kann man das Vorhandene nicht permanent infrage stellen.

Da der heutige Mensch meist nicht mehr an Götter glaubt, drängt sich ihm der Glaube an das Surrogat auf, weil es Wohlbefinden, Lust und Erlösung auf einer anderen Ebene verspricht. Wollte der Zeitgenosse permanent auf unbedingter Originaltreue bestehen, müsste er sich krebserregender Sonnenstrahlung aussetzen, für handgeschöpften Mozzarella aus der Emilia-Romagna teuer bezahlen und möglicherweise ein demütigendes erotisches Desaster ertragen. Was erst der Anfang eines surrogatfreien Lebens wäre, denn er müsste sich mit hohem Sachverstand zu jeder Zeit an jedem Ort über alle Details jedes Produkts allzeit kundig machen.

Als ob das wünschenswert wäre.

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