Zadie Smith, 1975 als Tochter eines weißen Engländers und einer afrokaribischen Einwanderin im armen Nordwesten Londons geboren, erzählt in ihrem jüngsten Buch von einem Mädchen, das im armen Nordwesten Londons mit einer Mutter aus Jamaika und einem Vater aus der englischen Arbeiterklasse aufwächst. Das heißt nicht, dass Swing Time, so der Titel, autobiografisch wäre; es heißt nur, dass sich die Autorin in dem, was sie schildert, extrem gut auskennt. Sie hat ihr Herkunftsmilieu schon mehrfach literarisch genutzt, in dem international umjubelten Debüt Zähne zeigen (2000) ebenso wie in ihrem vierten Roman London NW (2012), der das Stadtviertel Willesden, man könnte von einem sozialen Brennpunkt sprechen, selbst zum herrischen Helden macht.

Welche Bedeutung hat die Herkunft? Kann man ihr entkommen, und wenn, um welchen Preis? Und was, wenn diese Herkunft selbst sich ändert, weil der Zeitgeist sie inzwischen anders einschätzt (Schwarze zum Beispiel nicht mehr offen diskriminiert, von Intellektuellen sogar hofiert werden) oder weil der Ort der Herkunft sein Gesicht verliert, im Falle des Londoner Einwanderer- und Arbeiterviertels sich gentrifiziert? Das ist Zadie Smiths größtes Thema: die Zeit, die alles verändert, was sie in sich trägt – aber auch alles, was sie wandelt, weiter mit sich schleppt.

Der Titel Swing Time meint im neuen Roman nicht nur die goldene Ära des populären Jazz, von der die Hauptfigur und ihre Kindheitsfreundin besessen sind, die beide von einer Karriere als Tänzerin träumen. Der Titel meint auch buchstäblich die immer schwingende, alle bewegende, mitreißende Zeit, die von sich aus herrische Tanzfiguren auf den Boden der sozialen Wirklichkeit projiziert. Der Mensch ist nicht frei, mag er so viel zappeln, wie er will. Er zappelt immer mit und oftmals nur etwas Vorgegebenes nach.

Zadie Smith, man darf sich von ihrer betulichen Erzählweise nicht täuschen lassen, ist eine philosophische Schriftstellerin. Sie will etwas sagen, und sie hat das, was sie sagen will, sehr gründlich durchdacht. Auch wenn sie die Puppen tanzen lässt, tanzen diese auf einem grundsoliden Boden.

Man beachte die sorgfältig konstruierten Gegensatzpaare: Die eine Freundin verfolgt den Kindheitstraum und wird tatsächlich Tänzerin, die andere Freundin (aus deren Perspektive erzählt wird) wird, obschon studiert, nur Assistentin eines Stars, einer herrischen Popdiva mit den Zügen Madonnas. In der Lebensbilanz aber verkehrt sich der Gegensatz: Die Freundin, die ihrem Traum folgt, fällt in die soziale Misere der Herkunftswelt zurück, während die Freundin, die ihre Kindheit verrät, dafür mit Emanzipation belohnt wird.

Ein ähnliches Spiel der Gegensätze bei den Eltern: Die Mutter der erzählenden Freundin ist schwarz, ihr Vater weiß – die schwarze Mutter ist ehrgeizig, gelehrt, kühl und macht schließlich als Politikerin Karriere, der weiße Vater ist resigniert, liebevoll, schwach und versackt schließlich, von der Frau verlassen. Auch hier folgt die Umkehrung: Der weiße Vater erleidet ein schwarzes Schicksal – Antriebslosigkeit und Resignation –, die Mutter ein weißes Schicksal – Ehrgeiz und Kälte. Bei der tanzenden Freundin ist dagegen die Mutter weiß und der Vater schwarz – die Mutter treusorgend und schlampig, der Vater fern, ein Kleinkrimineller. Die weiße Mutter fördert das Tanzen der Tochter – und damit ein schwarzes Schicksal, denn der Traum vom Tanzen ist natürlich (oder jedenfalls hier) ein schwarzer Traum. Noch dialektischer: Indem sie einen schwarzen Traum fördert, fördert sie auch einen schwarzen Albtraum: nämlich das Zurücksinken der am Ende scheiternden Tochter in die Sozialhilfeexistenz.

Man sieht: Allein diese Spiegelmotive geben Stoff für viele Seminararbeiten. Daniel Kehlmann hat der Autorin schon vor Jahren einen Platz unter den Klassikern des 21. Jahrhunderts zugewiesen (ZEIT Nr. 40/06). Er hat dabei aber weniger die Gedankenarbeit gemeint als die Fülle der Anschauung und Buntheit der Handlung früherer Bücher. Jetzt haben sich indes die Proportionen verschoben: Fülle und Buntheit sind auf Seite der Gedanken, während die Handlung zu Beiwerk herabgesunken ist. Die Autorin entwickelt einen enzyklopädischen Eifer bei dem Versuch, sämtliche Aspekte, Fallstricke, Täuschungen und fatalen Paradoxa schwarzer Identität zu entfalten, von der Heuchelei im Showbusiness bis zu den Wirkungen islamistischer Propaganda, aber an dieser Fleißaufgabe hängt nun auch die Handlung, wird hierhin und dorthin gezogen und schließlich nach Afrika, wo es verblendete Entwicklungshilfe zu besichtigen gibt.

Zu diesem Zweck ist auch die Madonna-Karikatur in den Roman gekommen. Der Popstar ist die selbstverliebte Stifterin eines Entwicklungshilfeprojektes und erlaubt nun, auch das Spiegelkabinett weißer Projektionen vorzuführen; denn der Afrikaner wird zum Schwarzen im Sinne des Klischees natürlich erst durch das Auge des Weißen. Die dialektische Intelligenz der Autorin zeigt sich abermals darin, dass dieses weiße Auge hier das Auge der schwarzen Erzählerin ist – sie hat den weißen Blick in London gelernt.

Die Bewunderung für die überlegene Dekonstruktion jedweden Klischees trägt aber nicht über jedwede Mühsal der Lektüre hinweg. Vielleicht hat Zadie Smith durch ihr kometenhaftes Debüt, durch Jugend, Schönheit und karibische Exotik (also den weißen Blick) eine ungerechtfertigte Erwartung an Hipness geschürt, an Morgenfrische und Kühnheit des Stils. Tatsächlich erinnert die Machart ihres Buches eher an das epische Lehrgedicht der Antike. Auch in Vergils Georgica wird ja die Landwirtschaft zwar belletristisch, aber vor allem sachgerecht abgehandelt. Ein besonders fleißiger Autor hat damals sogar die geografische Weltbeschreibung von Strabo in Verse gesetzt: um sie einem weiteren Publikum nahezubringen.

Und genau so könnte es Zadie Smith gelingen, eine reflektiertere Sicht schwarzer Identität beim Publikum durchzusetzen. Es ist auch nicht gesagt, dass ästhetische Einwände (Pedanterie, Literarisierung eines unliterarischen Stoffes) die Autorin kränken würden. Im Interview hat sie erklärt, dass ihr vor allem daran liege "darzustellen, wie vernünftiges Denken aussieht", und dass dies keine Kleinigkeit sei, "wenn man bedenkt, wie viel rhetorisch schön verpackter Irrsinn, wie viel Aufrührerisches, verdreht Emotionales im Umlauf ist".

In der Tat hält sich ihr Buch von allem verdreht Emotionalen und von allem rhetorisch schön verpackten Irrsinn – man könnte es auch Kunst nennen – denkbar fern. Sie beharrt, bei dem Thema wirklich keine Kleinigkeit, auf der Vernunft. Ihr episches Lehrgedicht über die Fallstricke schwarzer Identität, mag es Genussleser abschrecken, ist für ernsthafte Zeitgenossen sicher ein Gewinn.

Zadie Smith: Swing Time. Roman; a. d. Engl. v. Tanja Handels; Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017; 640 S., 24,– €, als E-Book 19,99 €.