Jetzt haben sie mich, die Terroristen. Die Sonne scheint. Die Sommerkleider der drei jungen Mädchen neben mir auf der Verkehrsinsel leuchten. Ein Kleinbus kommt mit hohem Tempo auf die Kreuzung zugerast. Aus den offenen Fenstern schallt arabische Popmusik. Blitzschnell vervollständigt meine Fantasie die Szene: Der Kleinbus rast in die Menschengruppe. Es ist nur Kopfkino. Doch das "Was wäre, wenn" kommt nicht aus dem Nichts. Fernsehbilder aus mehreren Jahren Terrorgeschichte, tief im Kopf abgespeichert, verselbstständigen sich in diesem Augenblick – das Rot-Weiß der Absperrbänder aus Hubschrauberperspektive, die weißen Tücher, die die Leichen bedecken, Polizeisprecher und Politiker, die immer wieder in die Mikrofone rufen: "Uns kriegt ihr nicht. Wir werden unsere offene Gesellschaft nicht preisgeben. Unsere Werte nicht, unsere Freiheit nicht, nicht unser Recht und nicht unsere Art zu leben."

In diesem Moment auf der Verkehrsinsel im schönsten Sonnenschein hat der Terror für eine Sekunde gesiegt. Ich verachte mich. Verachte den kalten Schweiß auf der Haut, schäme mich, dass ich diesen Kurzfilm im Kopf nicht abschalten kann. Mit quietschenden Reifen kommt der Kleinbus zum Stehen. Vier junge Leute, Mädchen und Jungen, zappeln in ihren Sitzen fröhlich zur Musik. Ein paar Jugendliche haben an einem lauen Sommertag ein paar Dezibel Ferienlaune zu viel. Ich muss mich bei ihnen entschuldigen für meine Verwechslungsbereitschaft. Männer, die ihnen von Ferne ähnlich sehen, haben meine Einbildungskraft eingenommen, sie haben sich meines fraglosen Vertrauens in den Alltag bemächtigt mit ihrer kalten Lust zu töten. Genau das ist es, was sie wollen. Sie wollen mich hier haben, ängstlich, in Schockstarre, entsetzt über mich selbst, misstrauisch alle Menschen um mich herum taxierend.

Allein bin ich damit nicht. Ein Freund fährt freitags nicht mehr ICE. Freitage sind Terrortage. Andere meiden Popkonzerte, islamisch geprägte Urlaubsländer, Shoppingmalls, Menschenansammlungen, ja sogar Weihnachtsgottesdienste. Sie tun es verschämt. Sie reden selten drüber. Sie passieren beim Kirchentag Kontrollpunkte, als sei das schon immer so gewesen. Und noch Wochen nach dem fröhlichen Christenfest raunen sie sich zu: Gott sei Dank, es ist nichts Schlimmes passiert. In den Blicken sieht man es manchmal. Sie schämen sich. Sie wollen sich nicht fürchten. Sie wollen nicht, dass der Terror im Kopf lauter ist als die Bläsermusik. Sie lieben die freie, offene Gesellschaft, sie engagieren sich für Flüchtlinge, trauen den demokratischen Institutionen noch was zu, lesen alles, was es an differenzierten Einsichten über den Dschihadismus gibt.

Doch zwischen der Gegenwehr der Worte wächst die Ohnmacht wie Unkraut. "Wir haben keine Angst!", rufen die Demonstranten mit ihren Kerzen in der Hand am Tag nach dem Attentat, in Paris, Nizza, London, Manchester, Barcelona. Natürlich haben sie Angst. Dass sie trotzdem kommen, dass sie sich gegen das Fürchtenmüssen auflehnen, ist die Botschaft, die berührt.

Der Macht eines Nihilismus, der nicht einmal mehr eine großartige Begründung braucht, nur eine Religion, die sich nicht genug gegen diese Art der Begründung wehrt, hat die Freiheit erst mal wenig entgegenzusetzen. Ihr Lob wirkt nach jedem Terrorakt falsch. Wahre Freiheit ist leise. Es gibt sie nur im Modus des Selbstverständlichen. Das Lob der Freiheit gerät dagegen zunehmend zur Verteidigungsrede. Frei sind wir auch nicht mehr in den Debatten nach den Terrorakten. Vielleicht wird die "Sinnkrise des Islam" (Abdel H. Ourghi) angesichts der Mordlust auf göttlichen Befehl hier am deutlichsten.

Es ist kaum noch möglich, klug und differenziert darüber zu sprechen, welcher Anteil dieser Religion und seiner Gegenwartsdeutungen den Hass nicht nur ermöglicht, sondern als einzige Botschaft übrig lässt – und welche innerreligiösen Gegenkräfte zu mobilisieren wären, damit die Botschaft der Zerstörung nicht weiterwuchert. Wer Bürgerkriegsrhetorik und Islamophobie meiden will, hat es schwer in dieser Debatte. Was muss geschehen, damit die Alltagsreligion vieler Muslime sich aus der "versteinerten Zeit" befreit und kritische Fragen wie freiheitliche Aneignung auszuhalten bereit ist?

Gute Scham schützt. Falsche Scham dagegen führt in Selbsttäuschung oder Selbstverachtung. Mathematisch Begabte bekämpfen die Scham mit Kalkül. Wir fürchten uns vor dem Falschen, sagen Risikoforscher. Es ist um ein Vielfaches wahrscheinlicher, auf anderen Wegen ums Leben zu kommen als bei einem Terroranschlag. Nur geht es gar nicht um Wahrscheinlichkeiten. Es geht um die schiere Möglichkeit. Es geht um das Misstrauen, die vorauseilenden Maßnahmen und Entscheidungen, über die zu sprechen schon einer Kapitulation gleicht. Der Raum der Gewalt ist nicht weit weg, er kann sich unversehens öffnen, Hinter jeder Ecke kann der Terror warten.

Wie so viele habe ich Strategien entwickelt, mit dem Schrecken zu leben. Lasse mir Ermittlungsstände aufs Smartphone schicken, schaue gebannt auf die Karten, die die Fahrwege der Terroristen rot markieren. Versuche zu verstehen, zu ergründen. Merke mir Namen von Verdächtigen – eine Obsession des Verstehenwollens. Gila Lustiger, Schriftstellerin und Pariser Jüdin, beschreibt in ihrem Buch Erschütterung, wie sie mit Freunden nach dem Anschlag auf das Bataclan darüber redet, warum die Terroristen das Feuer während des sechsten Songs der Eagles of Death Metal eröffnet haben. Die Wut des Verstehens legt sich über die Angst. Gibt es irgendeine geheime Botschaft, irgendeinen noch so verqueren Sinn? Dieses Verstehenwollen hat einen tückischen Grund, wie Treibsand zieht er nach unten, in die stumme Selbstbeschämung.

Ich will den Terror nicht länger mit Sinn ausstatten, will die Beglaubigungen der Täter nicht akzeptieren und über ihre Motive nichts mehr wissen. Will mich erst recht nicht gewöhnen an die Feinde in meinem Kopf. Gegen ihr Eindringen gibt es keine Einlasskontrollen und keine mobilen Betonwände. Nur die Einsicht, dass ich einer falschen Scham aufgesessen bin. Das hat der Terror schon geschafft: dass ich meinen Urteilen nicht mehr traue und den Menschen, die mir in der U-Bahn gegenübersitzen. Mag sein, dass Vernachlässigung und das Gefühl der Inferiorität das kalte Feuer des Fanatismus entfachen. Dagegen mehr zu tun ist mühsam, aber nötig. Nur werden nicht alle, die es schwer haben, Terroristen. Sie sind nicht Opfer ihrer Verhältnisse.

Vielleicht erwacht der wahre Widerstandsgeist erst, wenn wir einander eingestehen, dass wir den Kampf gegen den Terror auch verlieren könnten: Die innere Freiheit und die äußere, die innere Gewissheit und die äußere, verlieren an die, die aus der uneingestandenen Angst politisches Kapital schlagen. Wie reagiert eine angefasste, bedrohte, verängstigte Gesellschaft, wenn wirklich etwas, ja vielleicht alles auf dem Spiel steht?

Wir müssen raus aus der falschen Scham. Erst dann können wir nachvollziehen, was sich verändert hat, schleichend und ohne unser diskursives Einverständnis. Innere Widerstandskraft kann nur da wachsen, wo Verletzlichkeit zum Thema werden darf. Frei werden wir erst dann sein, wenn wir uns die Deutung der Ereignisse zurückholen und nicht länger den Tätern überlassen. Human reagieren wir auf den Schrecken, wenn wir die Opfer in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellen und vor ihren Geschichten nicht ausweichen. Jeder könnte an ihrer Stelle sein. Sie haben Unfassbares erlebt, das sie trennt von all denen, die diese Erfahrung nicht teilen: die Angehörigen der Toten, die Verletzten, die zufälligen Zeugen und die eben noch Davongekommenen. Was wissen wir über das Leben der Ersthelfer und der Polizistinnen, die morgens Leichenteile weggeräumt haben und abends ihre Kinder ins Bett bringen?

Wirklich human werden unsere verletzten offenen Gesellschaften nur sein, wenn wir mit der gleichen Akribie und Ausdauer, mit denen wir hinter die Motive der Täter kommen wollen, denen beistehen und derer gedenken, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Ihre Geschichten sind so wichtig wie schwer erträglich. Ihre Namen müssen wir uns merken. Sie haben einen hohen Preis für unsere Freiheit bezahlt. Ihren Zorn und ihre Tränen müssen wir aushalten. Sie erinnern uns daran, wie fragil unser Leben und unsere Lebensart ist. An ihnen können wir menschliche Nähe und Zuwendung zeigen, in der Solidarität mit ihnen können innere Abwehrkraft und äußere Stärke wachsen.

Dann kriegen sie uns nicht.