Die Funktion einer Tür ist eindeutig. Wer von einem Raum in den nächsten möchte, öffnet sie. Hat man sie durchschritten, schließt man sie wieder. Das ist im gewöhnlichen Leben so. Das könnte auch im Theater so sein. Es sei denn, es gibt Slapstick. Dann fällt die Tür gerade dadurch auf, dass sie ihre eindeutige Funktion nicht erfüllt. Sie klemmt, wenn man sie öffnen will; sie fliegt auf, wenn man sie sanft schließen sollte, sie knallt, sie kracht und fällt am Ende ganz aus dem Rahmen.

The Play that Goes Wrong heißt das Stück, das am Montag im St. Pauli Theater Premiere feierte, auf Deutsch: "Das Stück, das schiefgeht". Acht Schauspieler traten auf, die wahren Hauptdarsteller aber waren Kulisse und Requisiten. Die Tür, die Standuhr, die Chaiselongue, das Wandgemälde von einem Dackel, das Familienwappen, das Bücherregal, das Drehscheibentelefon auf dem Tisch, die Degen, der Teppich. Sie alle hatten nur einen Zweck: ihren eigentlichen Zweck möglichst effektvoll aushebeln.

Das ging so: Die Verlobte eines vermeintlich Ermordeten läuft zeternd von der Bühnenmitte in Richtung Tür. Ihr Bruder öffnet die Tür von der anderen Seite und knallt sie ihr ins Gesicht. Sie taumelt, fällt auf den Boden, bleibt bewusstlos liegen. Der Bruder beugt sich über den leblosen Körper, spricht seinen eingeprobten Text weiter: Ganz ruhig, Florence, hör mit dem Geschrei auf.

Oder so: Florence, die noch nicht wieder aus ihrer Bewusstlosigkeit aufgewacht ist, wird nun von einer Assistentin des Theaters gespielt. Sie hat sich leidlich als Schauspielerin zurechtgemacht und läuft mit einem Stapel Zettel in der Hand über die Bühne, weil sie den Text nicht auswendig kann. Als sie angestrengt auf den obersten Zettel blickt, stolpert sie über den Teppich und stürzt. Die Zettel fliegen durch den Raum, sie sammelt sie ein, natürlich in falscher Reihenfolge, setzt sich auf die Chaiselongue, blickt ihre Bruder an und sagt: "Gib mir tausend Küsse, ich gehöre dir." Der Bruder stutzt und antwortet: "Selbstverständlich, dazu sind Brüder ja da."

Slapstick ist Schadenfreude in Handlung übersetzt. Mit Slapstick lässt sich jedes noch so ambitionierte Sujet verulken und auf den Boden der rein körperlichen Tatsachen zurückholen. Aber eine Story als Grundlage für die Pannen und Peinlichkeiten muss es schon geben. Sie geht so: In einem englischen Schloss wird ein Adliger ermordet. Er steht kurz vor der Verlobung, seine Verlobte ist allerdings gar nicht so unglücklich über den Mord, schließlich hat sie eine Affäre mit dem Bruder des Mannes. Im Laufe des Stücks taucht ein Inspektor auf, der Bruder der Verlobten ist entsetzt über die Affäre seiner Schwester, es geschieht ein weiterer Mord, und ein Gärtner erscheint mit einem vermeintlichen Beweisstück.

Und dann die zweite, tatsächliche Geschichte, das Stück hinter dem Stück: eine Schauspieler-Truppe aus der Schweiz, alles hoch motivierte Laien, hat nur einen Vormittag lang Zeit, um dieses Stück zu proben. Entsprechend läuft alles schief.

Die Schauspieler treten dem Schauspieler, der den toten Adligen spielt, auf die Hand, dass der aufschreit.

Der Bruder sieht an der Wand einen Haken, will sein Jackett aufhängen, wieder und wieder fällt es zu Boden, bis er mit seiner Hand die Wand abtastet und merkt, dass der Haken nur aufgemalt ist.

Die Text gibt vor, dass der Bruder einen Stift vom Tisch für den Inspektor mitnimmt. Dort liegt aber kein Stift, also nimmt er, weil er ja irgendetwas in der Hand haben muss, einen Schlüssel. Der Butler, der kurz darauf den Schlüssel sucht und ihn nicht findet, nimmt stattdessen ein Notizbuch. Der Bruder sucht kurz darauf das Notizbuch und nimmt aus Verzweiflung die Vase mit. Als der Inspektor zum Verhör schreitet und nach Stift und Notizbuch verlangt, bekommt er stattdessen Schlüssel und Vase ausgehändigt und klimpert, in seiner Not mit dem Schlüssel schreibend, auf der Vase herum.

Gewehrsalven lösen sich im falschen Moment. Der Butler kann keine Fremdwörter aussprechen und schaut immer in die Innenfläche seiner Hände, wo er sich die Begriffe notiert hat. Bilder fallen von den Wänden, der Kaminsims bricht weg, der Gärtner rennt den einzigen Stützpfeiler für ein Obergeschoss über den Haufen, was bei den Schauspielern oben für eine ordentliche Schieflage sorgt. Und immer wieder liegt eine neue Florence bewusstlos auf dem Boden, erschlagen von Türen und ähnlich harten Gegenständen.

So kalauert sich das Stück durch den Abend – und bleibt, obwohl durchgehend auf zwei Ebenen unterwegs, eindimensional.

Natürlich: Schlechte Darsteller gut zu spielen gehört zu den schwersten Übungen auf der Bühne. Das gelingt gut im St. Pauli Theater. Besonders der Bruder der Verlobten, gespielt von Eric Hättenschwiler, gibt den eifrigen Dilettanten mit herrlichem Eifer und Können. Aber am Ende reicht das nicht für einen gänzlich gelungenen Theaterabend.

Slapstick muss nicht subtil sein – aber es muss Tempowechsel geben, ein Spiel mit den Tonlagen. Diese Art des Klamauks lebt vom Timing. Spielt man nur mit Vollgas, hechelt man irgendwann den Pointen hinterher oder türmt sie übereinander. So verpasst sich ein Stück am Ende selbst.

"The Play that Goes Wrong", St. Pauli Theater, bis 27. August, 29. August – 3. September, 5.–10. September, 12.–17. September 2017. Beginn: 19.30 Uhr, sonntags 18 Uhr