Inzwischen ist die Kette beim Zehnmeterturm geöffnet worden, und ich steige die Leiter hoch, vorsichtig, es geht ja nur barfuß, und ich habe Angst auszurutschen. Oder zieht man seine Badelatschen erst oben aus und wirft sie ins Wasser, bevor man selber springt?

Dann bin ich tatsächlich oben, obwohl ich lieber noch weiter Leitern hochgestiegen wäre. Auf der Plattform herrscht eine aufgeregte Stimmung. Für einen kurzen Moment sind wir die Elite Berlins, sofern wir nicht versagen. Manche lassen andere vor, weil sie noch zögern. Einer der Jungs gibt allen die Hand, weil er sich aus dem Leben verabschiedet. "War schön, Sie kennengelernt zu haben", sagt er zu mir. Dann ist er weg, wieder mit Rückwärtssalto. Vielleicht fällt man in diesem Alter nicht so schnell, weil man leichter ist? Aber das ist physikalisch Unsinn, die Fallgeschwindigkeit hat nur mit dem Luftwiderstand zu tun. Springt man vom Zehnmeterturm, ist man beim Aufprall nach 1,4 Sekunden 50 Kilometer pro Stunde schnell.

Ich beuge mich über das Geländer an der Seite und gucke runter, ob wirklich Wasser im Becken ist und ob der vor mir schon weggeschwommen ist. Ich habe ja eigentlich schreckliche Höhenangst. In meiner Kindheit war die Geschichte von einem vierjährigen Mädchen aus Magdeburg ein kollektiver Mythos, das, als die Mutter kurz einkaufen ging, aus dem Fenster gefallen ist, 22 Meter tief, und von einem zufällig vorbeilaufenden russischen Offizier in seinem Mantel aufgefangen wurde. In Magdeburg steht bis heute ein Denkmal, das an diesen Vorfall erinnert. Sicher sollte die Geschichte dazu beitragen, dass wir unseren Frieden mit der Präsenz russischer Soldaten in unseren Straßen machten. Aber ich habe mich jahrelang nicht getraut, den Kopf aus einem Fenster zu lehnen, weil er angeblich schwerer als der Körper war und ihn hinter sich herziehen würde.

Dann bin ich dran und nähere mich langsam dem Rand der Plattform. Dahinter ist tatsächlich Schluss. Ich darf jetzt nicht nachdenken, aber wie sollte ich das ausgerechnet hier nicht tun? Ein Samurai trifft seine Entscheidungen in sieben Atemzügen, aber so viel Zeit habe ich nicht, ich muss so tun, als sei längst entschieden, dass ich springe, damit sich mein Kopf nicht einschaltet. Die Füße gehen vor, der Kopf wird schon nachkommen. Ich gehe wie betäubt auf meine Tanzschulpartnerin zu, die ich seit ein paar Wochen beobachtet habe, das erste Mädchen, das ich zum Tanzen auffordern werde. Und kurz bevor ich etwas sagen kann, stürze ich in den Abgrund, absurd schnell, das ist also diese Gravitation. Diesmal halte ich den Mund geschlossen, schon um nicht zu schreien. Wie Luzifer bei seinem Höllensturz ins Erdinnere schieße ich ins Wasser. Es ist herrlich, so weit weg von allem zu sein: "Hier können sie mich lange suchen." Dann tauche ich wieder auf, ich muss gar nichts dafür tun. Die Welt kommt mir sofort freundlicher vor, das Leben leicht, ich kann wieder lächeln.

Bin ich jetzt ein anderer Mensch? Muss ich meine Kurzbiografie umschreiben? Ich habe jedenfalls großen Hunger bekommen, wie früher nach dem Schwimmunterricht. Manchmal leistete sich einer von uns Pommes, und die anderen lauerten, ob ihm etwas runterfiel, um sich daraufzustürzen. In der S-Bahn zogen wir unsere Badekappen über das Gesicht wie Bankräuber und hofften, dass die Zugestiegenen sich erschraken. Jetzt prüfe ich auf der Heimfahrt in der Scheibe der S-Bahn mein Spiegelbild und bin erleichtert, dass ich nicht spontan ergraut bin. Ein Zehnjähriger hinter der absurden Maske eines 46-Jährigen.

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