Es läuft gerade etwas schrecklich schief im deutschen Fußball, wer sich das anschauen will, sollte ein Spiel von Dynamo Dresden besuchen. Am besten im K-Block, einer der wildesten Stehplatztribünen der Republik, hier sind die "Ultras Dynamo" zu Hause. Vergangenes Wochenende, Zweitliga-Heimspiel Dynamos gegen Sandhausen. Seit 25 Minuten singen knapp zehntausend Fans, ältere Männer und jüngere Frauen, Rentner und Teenager, Studierte und Tätowierte "Dyyy-naa-moo". Welch wundervoll verbindende Kraft eine Fankurve haben kann – denkt man.

Doch dann klettert eine jüngere Frau auf ein Geländer und holt beim Versuch, die Haupttribüne zum Mitmachen zu animieren, mehrfach zum Hitlergruß aus. Ein Durchtätowierter imitiert nach dem Tor des dunkelhäutigen Sandhäuser Stürmers Affengeräusche. Ein Glatzköpfiger kommentiert jede Schiedsrichterentscheidung mit dem Ruf: "Du schwule Sau!" Stinkefinger, Buhrufe und brutale Beleidigungen richten sich gegen jene Zuschauer der Haupttribüne, die sich erlauben, beim Stand von 0 : 4 schon in der 89. Minute den Heimweg anzutreten.

Am meisten erzählen Kritzeleien an den Eingängen zu den fünf K-Blöcken vom Potenzial, das sich hier auch versammelt. Sie lesen sich wie aus dem Poesiealbum der Wut: "Kein Fußball nur Randale", "Ohne Rücksicht auf Verluste", "Bullen töten". Angetrieben wird die Meute von ihrer Wut auf die Verantwortlichen im Fußball: "Fick dich DFB", haben sie am vergangenen Wochenende in fast allen deutschen Stadien auf Transparente gemalt. Von Woche zu Woche werden die Parolen hasserfüllter. Zum Beginn der neuen Bundesligasaison ist eine Eskalation im Gang, wie es sie lange nicht im deutschen Fußball gegeben hat.

Die Front verläuft zwischen dem DFB und dem harten Kern der Fankultur, den sogenannten Ultras, die es von der Bundesliga bis in die unteren Ligen in vielen Vereinen gibt und die in Deutschland rund 25.000 Anhänger mobilisieren können. Eigentlich verfeindete Fangruppen haben einen Pakt geschlossen und ihre Rivalität zurückgestellt, um beim "Krieg gegen den DFB" mitzumachen.

Die Ultras machen den DFB für die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs verantwortlich. Die explodierenden Ablösesummen, das Verschwinden der Ligaspiele aus dem Free-TV und die bröckelnde Vereinstreue ließen den Hass immer größer werden. Als der DFB im Februar 2017 mit einer kompletten Sperrung der Fantribüne in Dortmund nach Attacken von BVB-Ultras auf Leipziger Anhänger reagierte, spitzte sich die Situation zu.

Von der Demonstration der Stärke hatte sich der DFB eine Isolierung der Gewalttäter erhofft: Die friedlichen Fans, die sich zu Unrecht mitbestraft sehen, würden sich von den Randalierern distanzieren. Die Taktik ging jedoch nicht auf. Gewaltbereite Fans boten Schutzräume für Störer, es kam zu einer Solidarisierung in der Fanszene – gegen den DFB. Weil der Druck auf den Verband immer größer wurde, vollzog dessen Präsident Reinhard Grindel in der vergangenen Woche eine radikale Abkehr von der bisherigen Politik. Er kündigte an, "bis auf Weiteres" keine Kollektivstrafen für Fußballfans mehr zu beantragen, also Blocksperren, Teilausschlüsse oder Geisterspiele. Im Gespräch mit der ZEIT sagt Grindel: "Ziel muss sein, auch bei dem Strafenkatalog: Viel mehr Transparenz und vor allem Maßnahmen zu finden, die als gerechter empfunden werden. Ich werde auch ertragen, wenn das jetzt noch zwei, drei Spieltage so weitergeht. Man muss da einen langen Atem haben." Denn: "So, wie es ist, kann es nicht weitergehen." Das Entscheidende sei: "Wer mit uns redet, nimmt Einfluss auf unsere Entscheidungen. Wer nicht mit uns redet, hat keinen."

Aber wie reagieren die Ultras auf das Angebot? Wollen sie überhaupt reden?

Dresden, Block K, das Heimspiel gegen Sandhausen. Das Spiel ist seit 15 Minuten abgepfiffen. Mehrere Tausend Fans sind dageblieben und hören fast schweigend zu, was ihre Anführer zu sagen haben. Auf einem Podest haben sich drei Sprecher der Dresdner Ultra-Bewegung eingefunden: Dresdens Capo Stefan Lehmann, Rufname Lehmi. Ein Mann Anfang 30, gemütliche Statur, Vater eines Sohnes, er ginge auch als Hausmeister einer Mittelschule durch. Die beiden anderen sind jünger, vom Typ eher Soziologiestudenten: Einer trägt ein "Ultras Dynamo"-Shirt und einen schnittigen Seitenscheitel, der Zweite sieht ein bisschen wilder aus; längeres Haar, beide keine Schlägertypen. Sie reden durchdacht und ruhig in ein Mikrofon; von mehreren Megafonen wird ihre Ansprache in den K-Block übertragen. Es ist eine Art Taktikbesprechung der nächsten Feldzüge gegen den DFB – und ein Rückblick auf die jüngste siegreiche Schlacht.