Dass wir Zeitgenossen es bemerken, wenn Geschichte geschieht, ist keinesfalls sicher, noch weniger, dass wir sie richtig interpretieren. Das gilt auch für den, nun ja, mutmaßlichen, offenbaren, relativen oder was auch immer Niedergang der USA. Edward Luce, Brite, Oxford-Professor, zeitweilig Mitarbeiter der US-Regierung, hat dazu ein brillantes Buch geschrieben. Es erschien auf Englisch und trägt den Titel: "Amerika und das Gespenst des Abstiegs". Darin trägt Luce all jene Faktoren zusammen, die darauf hindeuten, dass die USA sich in einer fundamentalen Krise und im Abstieg von ihrer globalen Führungsposition befinden, als da wären: die tiefe Verunsicherung der Mittelschicht, die neue amerikanische Angst, die Herrschaft der Plutokraten über das politische System, dessen galoppierende Selbstzersetzung sowie der Aufstieg Chinas, der die USA alsbald zur respektablen Nummer zwei auf dem Globus degradieren wird.

Äußerer Machtverlust und innere Krise scheinen die Systeme zu überfordern, auch die Menschen. Dass sich draußen in der Welt alles regeln lässt und dass es in den USA jeder durch eigene Stärke nach oben schaffen kann, diese beiden korrespondierenden Überzeugungen haben massiv an Kraft verloren. Überall sind Verzerrungen zugunsten kleiner Gruppen, meist der Reichen, und zuungunsten der Allgemeinheit zu beobachten. Kompromisse wären dringend notwendig und scheitern doch (siehe die Beispiele auf dieser Seite).

Der Vordenker des ultimativen Erfolgs des amerikanischen Modells, Francis Fukuyama, nannte den Befund von Luce zu Recht "zutiefst verstörend". Auf der anderen Seite hört er sich schon fast vertraut an. Umso mehr fällt auf, was bei Luce fehlt: Dass die USA, die früher die mächtige Sowjetunion in Schach halten konnten, neuerdings nicht mal mehr mit deren Schrumpfform, mit Russland, so recht fertigwerden; dass die USA im Mittleren Osten das Gegenteil von dem erreicht haben, was sie erreichen wollten: Allenthalben herrscht Unordnung, statt einer mächtigen islamistischen Terrorgruppe gibt es jetzt zwei (Al-Kaida und IS); und der Iran ist stärker denn je. Dasselbe gilt in Ostasien, wo die USA den neuen chinesischen Machtanspruch nicht entscheidend eindämmen können, während Kim Jong Un nuklear immer stärker wird. Auch der Drogenimport aus Lateinamerika, einstmals als Vorhof der USA bezeichnet, nimmt zu statt ab. Kurzum: Der Hegemon verliert den Griff auf die Welt. Und, was vielleicht genauso folgenreich ist: Die USA verlieren den einen großen Feind, den sie dreimal hatten (Deutschland, Nazideutschland/Japan, Sowjetunion) und einmal glaubten zu haben (den zum "Islamofaschismus" aufgeblasenen Terror). Heute gibt es da draußen nur noch Partisanen, zu klein für eine große Geschichte.

Allerdings kann man Luce kaum vorwerfen, dass er diese irritierenden Phänomene der jüngeren Zeit unterbelichtet, schließlich ist sein Buch – und das ist vielleicht das Frappierendste daran – schon 2012 erschienen, mitten in der Hoch-Zeit des Präsidenten Obama, vier Jahre vor Trump.

Was man derzeit sieht – Charlottesville und die Folgen, der irrlichternde Präsident –, ist also mehr als eine Abirrung, nur was ist es?

Vor hundert Jahren, am 6. April 1917 um 3 Uhr nachts (Washingtoner Zeit), begann mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg das amerikanische Zeitalter. Diese Epoche scheint nun zu Ende zu gehen, wenngleich der Niedergang der USA ganz anders aussieht und auch empfunden wird als etwa das Ende der Sowjetunion. Dort gab es einen Systemwechsel, Staaten sagten sich von Moskau los, kommunistische Herrscher flohen oder brachten sich um. Und man dachte: Endlich! Im Falle der USA ist das Bild verworrener, man spürt die Krise, man sieht den globalen Machtverlust, und man denkt: O Gott! Wer soll diese Lücke bloß füllen?

Das drohende Ende des amerikanischen Zeitalters ist schwerer zu erkennen, weil es sich in Gestalt einer Witzfigur namens Donald Trump zu vollziehen scheint. Und jeden Tag fragt sich die Weltöffentlichkeit: Ist es nur er, oder sind es die USA? Betriebsunfall oder Zeitenwende?

Tatsächlich spricht viel dafür, dass Donald Trump weder der Auslöser noch der Grund, sondern nur Symptom und Katalysator des Niedergangs ist, der fuchtelnde und fluchende Agent von historischen Kräften, die er selbst nicht durchdringt. Dafür durchdringen sie ihn. Trump ist so wenig der Autor dieser Geschichte, wie Döblins Romanfigur Franz Biberkopf das Ende von Weimar verursacht hat, es rauscht alles durch ihn hindurch. Dennoch ist Trump nicht dumm, er spürt die Ängste, die dunkleren Motive, die Verführungen seines Volkes – und befeuert sie. Viele seiner irrationalen Äußerungen spiegeln die Dilemmata und Brüche der amerikanischen Gegenwart.