Ein paar Kilometer vor unserem Ziel werde ich plötzlich nervös. Vor uns erheben sich die Bögen der Fehmarnsundbrücke, unten in den Wellen jagen die Kitesurfer vorbei, am Straßenrand steht ein rot-weißer Windsack waagerecht in der Luft. Daneben ein Warnschild: Für leere Transporter ist die Brücke gesperrt, es stürmt zu sehr. Und für uns?

Wir sind unterwegs nach Fehmarn und einem Mythos auf der Spur: dem Kult um die Bullis. Seit Jahren muss ich mir VW-Bus-Schwärmereien anhören. Von meinen Eltern (die ihr Exemplar nach einer aufregenden Reise durch ganz Europa, aber leider vor meiner Geburt, verkauften), meiner Frau (die mit einem Bulli Autofahren gelernt hat und sich später unter Tränen von ihm trennen musste) und meinem Ex-Mitbewohner (der seinen Bulli noch inniger liebte und pflegte als unsere Wohngemeinschaft). Aber selbst damit gefahren bin ich noch nie.

Bis zu dem Tag, an dem ich mit der Familie aufbreche zum "Midsummer Bulli Festival", einem der größten Bulli-Treffen überhaupt, 1.200 Busse werden erwartet. Wir sind mit einem geliehenen T6 unterwegs, der jüngsten Generation des VW-Busses, ausgestattet mit hydraulischem Aufstelldach, Standheizung, Kühlschrank, Kocher. Wir wollen wissen, ob uns dieser schnittige Hightech-Brocken unter all den Liebhabern mit ihren rundlichen, alten Gefährten Respekt verschaffen wird – oder doch eher Mitleid oder gar Verachtung. Wir wollen herausfinden, warum sich so viele Menschen mit so viel Passion einem Auto und einer Marke verschrieben haben. Wir haben unsere Kinder mitgenommen, sie sind zwei und sechs Jahre alt, weil wir ausprobieren möchten, ob der "T6 California Ocean" ein gutes Familienauto abgäbe.

Viel mehr als unsere Kinder haben wir aber auch nicht an Bord, die ausgeklügelten Staufächer sind kaum gefüllt, so sind wir von den 3,1 Tonnen Maximalgewicht weit entfernt. Sind wir zu leicht für den Sturm? Langsam rollen wir über die Brücke. "Wackelt hin und wackelt her", singt unsere Tochter auf der Rückbank, und mit einigen Schlenkern erreichen wir Fehmarn. Das Abenteuer kann losgehen!

Der Zeitpunkt dafür ist ganz passend, der Bulli sorgt im Moment für viele Schlagzeilen. Gerade hat VW angekündigt, von 2022 an einen Bus mit Elektromotor in Serie herzustellen, Name: "Buzz", er soll "das Bulli-Fahrgefühl in die Zukunft" tragen. Und die Vergangenheit ist auch ein großes Thema, denn der Bulli wird 70 Jahre alt. 1947 fertigte der niederländische VW-Importeur Bernardus Pon eine Skizze an, auf der ein bulliges, kastenartiges Gefährt zu sehen war. Aus der Idee entwickelte VW seinen legendären T1. Zum Geburtstag hat der Konzern zwei Jubiläumsmodelle des T6 auf den Markt gebracht, und Anfang August gab es eine große Parade: Hunderte Bullis tuckerten von Wolfsburg über die A 2 nach Hannover. Dort wird das Kultauto seit jeher gebaut; auch unser T6 ist dort 2016 vom Band gelaufen.

Rendite auf Rädern

Durchschnittspreise der auf Mobile.de gehandelten Bullis (Generationen T1 bis T4)

Mobile.de © ZEIT-Grafik

VW mag mit dem Dieselskandal eine Menge Ärger haben, aber der Bulli-Gemeinde macht das nichts, das werden wir in den kommenden zwei Tagen merken. Keiner schimpft auf VW oder den Diesel, keiner redet über Fahrverbote in Innenstädten, keiner spricht über die Schummelsoftware, mit der VW und andere Autohersteller ihre Motoren manipuliert haben – die meisten Bullis stammen ohnehin aus einer Zeit, in der Autos mit Software so viel anfangen konnten wie Esel mit Benzin.

Unser Bus hingegen ist Hightech, hat ein eingebautes Navi, Sprachbedienung, Abstandsregler. Kaum haben wir ihn am Südstrand von Fehmarn geparkt, scheitern wir daran zum ersten Mal. Wir haben uns vor dem Ausflug YouTube-Videos angesehen, um beim Aufrichten des Aufstelldachs Routine vortäuschen zu können (mehr als ein Knopfdruck ist nicht nötig). Aber nun schaffen wir es nicht, Fahrersitz und Beifahrersitz nach hinten zu drehen, damit sie mit der Rückbank zu einer Sitzgruppe verschmelzen. Unsere Tochter schreit "Hunger", unser Sohn turnt auf dem Tisch herum, und ich hänge krumm in der Fahrertür. Da steht plötzlich ein anderer Bulli-Besitzer neben uns, sagt "Lass mich mal", löst die Handbremse, klappt die Armlehnen hoch, verschiebt die Sitze ein Stück, dreht sie, zieht die Handbremse an. Dann ist er wieder verschwunden.

Hilfsbereitschaft ist unter Bulli-Besitzern ein weitverbreiteter Charakterzug. Genauso wie eine meist unaufdringliche Kontaktfreude. Mit unseren Nachbarn Michael Baltruschat und Monika Förster kommen wir leicht ins Gespräch. Die beiden sind mit ihren T3-Bussen namens Paul und Paula angereist, sie tragen Bulli-T-Shirts, haben selbst genähte Bulli-Gardinen und Eierbecher in Bulli-Form. Monika erzählt uns, dass wir zwar "als Personen herzlich willkommen sind", aber der T6 – nun ja – kein echter Bulli sei. Unter den echten Bulli-Besitzern gelten nämlich nur jene Busse als Bullis, bei denen der Motor im Heck sitzt und mit Luft gekühlt wird – also alle Modelle von T1 bis T3. Unser Bus aber hat einen Frontmotor, gekühlt mit Wasser, in gewisser Weise ein trojanischer Bulli. Die Strafe folgt auf der Straße: "Alle echten Bulli-Fahrer grüßen sich unterwegs", sagt Monika, "aber diese ganzen neuen Autos: Nie!"