Es ist gängig, den humanitär gesinnten Zeitgenossen, der den Multikulturalismus begrüßt und die Willkommenskultur hochhält, "links" zu nennen, den realitätsbezogenen Zeitgenossen hingegen, der eine Obergrenze der Zuwanderung fordert und vor einer Islamisierung warnt, hingegen "rechts". Was abermals in das öffentlich gepflegte Bild passt, die Linken seien weltoffen und die Rechten borniert. Letztlich geht es um die Kategorien des Eigenen und des Fremden. Wer links ist, neigt zum Internationalismus, er kann also das Eigene für nebensächlich halten und muss es nicht näher bestimmen. Als Konservativer jedoch kann ich mich vor dieser Frage nicht drücken, obwohl die möglichen Antworten in manche Fallen führen.

Unbestreitbar bedienen sich viele Anstrengungen, das Eigene zu definieren, bei rechten oder rechtsradikalen Theorien. Dazu gehört der Begriff des Völkischen, der aus zweierlei Gründen unbrauchbar ist. Erstens ist er rassisch und biologisch aufgeladen und führt schon deshalb in die Irre, weil die deutsche Bevölkerung zu keiner Zeit in diesem Sinn homogen gewesen ist. Zweitens hat der Begriff eine wahrhaft üble Geschichte, die allgemein bekannt sein sollte und es verbietet, mit dem "Völkischen", was immer das sein soll, auch nur versuchsweise zu operieren.

Es gibt allerdings Versuche, das Eigene nicht rassisch-biologisch, sondern kulturell zu bestimmen und an die zunächst unverdächtige Tradition der deutschen Romantik anzuknüpfen. Damals erblickte man im Brauchtum, in den alten Liedern und Erzählungen den ungehobenen Schatz dessen, was eigentlich das Deutsche sei. Es war die Zeit, als die Germanistik zur Wissenschaft wurde, als Clemens Brentano und Achim von Arnim die Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn präsentierten und die Brüder Grimm ihre berühmten Kinder- und Hausmärchen. Später zeigte sich, dass nicht wenige dieser Märchen französischen und orientalischen Ursprungs waren. Mit anderen Worten: Es führt nicht weiter, wenn man das Eigene im Sinne eines "deutschen Wesens" kulturell überhöhen und somit eingrenzen will.

Ein anderer Versuch ist der Begriff der Leitkultur. Zuweilen wird er verknüpft mit dem des christlichen Abendlandes. Dieses bedeutet den meisten Zeitgenossen nur noch wenig. Daraus folgt aber keineswegs, dass es bedeutungslos geworden wäre. Auch wenn die Zahl der aktiven Christen abgenommen hat, so sind doch die kulturellen Traditionen, in denen wir leben und denken, vom Christentum geprägt. Auch das Grundgesetz, nicht nur seine Präambel, ist ohne christliche Wertvorstellungen undenkbar. Dabei kommt es nicht darauf an, ob die Nachkommen dieses christlich-kulturellen Zusammenhangs an Gott glauben, zumal die Frage, was das konkret heißen soll, an Gott glauben, selbst von Gläubigen nicht leicht zu beantworten ist. Sondern nur darauf, dass eine Tradition, die sich über Jahrhunderte herangebildet hat, nicht von heute auf morgen verschwindet.

Mir selber hat dieser Gedanke erst spät eingeleuchtet. Katholisch erzogen, als Ministrant und später als Cusanus-Stipendiat zu bescheidenen Ehren gelangt, trat ich in den Jahren der Revolte aus der Kirche aus – um Dezennien später wieder zurückzukehren. Ich erspare dem Leser die Geschichte meiner doppelten Konversion und sage nur dies: Es war die ehrfurchtgebietende Geschichte der christlichen Kultur samt ihren Werken der Architektur, der Musik und der bildenden Kunst, die mich allmählich nachdenklich stimmten und darauf brachten, dass dieser Reichtum an Schönheit und gedanklicher Tiefe etwas mit seiner Ursprungsidee, also mit der christlichen Botschaft, zu tun haben müsse.

Was genau? Der englische Ideenhistoriker Larry Siedentop hat es "die Erfindung des Individuums" genannt. Sie entstand aus der christlichen Überzeugung, dass alle Menschen von Gott geschaffen seien und daher die gleichen Rechte hätten. Das waren moralische, "natürliche" Rechte, im Unterschied zu jenen, die sich aus Herkommen und Stand ergaben. Siedentop schildert, wie die Entwicklung des Kirchenrechts, das seinerseits eine Umformung des römischen Rechts war, den Gleichheitsgedanken begründete, auch wenn er zunächst noch nicht "demokratisch" war, denn als oberster Richter in moralischen Dingen verstand sich der Papst in seiner Rolle als Stellvertreter Christi. Zu den Konsequenzen dieser Entwicklung zählte der Liberalismus, der die Freiheit des Individuums in den Mittelpunkt stellte, die Trennung von privatem Glauben und öffentlicher Angelegenheit auf die Tagesordnung setzte und damit die Trennung von Staat und Kirche. Der Säkularismus war die unbeabsichtigte Konsequenz, die aus der Idee der moralischen Gleichheit aller Menschen folgte. Sie bildet bis heute den Unterschied zwischen Orient und Okzident.

Wenn man also eine westlich-europäische Identität und daraus abgeleitet eine deutsche "Leitkultur" bestimmen wollte, müsste man sie in ebendiesen ideengeschichtlichen Zusammenhängen suchen. Das Problem aller Identitätsbestimmungen jedoch liegt darin, dass die Frage nach dem Eigenen in der Regel erst dann brennend wird, wenn sich das Eigene nicht mehr von selbst versteht. Dies ist gegenwärtig unzweifelhaft der Fall. Die Gegner des Gedankens einer Leitkultur nämlich behaupten, es gebe sie in Wahrheit gar nicht. "Deutschland besteht seit Generationen, auf jeden Fall schon lange vor der Ankunft einer nennenswerten Menge von Fremden, aus einer Vielzahl von Parallelgesellschaften. Sie verstehen sich nur mühsam, manche hassen sich, die meisten ertragen einander seufzend", schrieb Jens Jessen in der ZEIT. Er setzte sich mit dem Parteiprogramm der AfD auseinander, wo gefordert wird, Staat und Zivilgesellschaft müssten "die deutsche kulturelle Identität als Leitkultur selbstbewusst verteidigen". Jens Jessen erblickt darin einen Angriff nicht nur auf die Fremden, sondern auf alle, die einer weltoffenen, in jeder Hinsicht bunten Gesellschaft den Vorzug geben. Unabhängig jedoch davon, was die AfD unter "deutscher kultureller Identität" versteht, bin ich davon überzeugt, dass es diese Identität gibt.

Ich finde auch die heftig kritisierte Initiative des Bundesinnenministers Thomas de Maizière zum Thema Leitkultur lobenswert. Er schrieb, der Begriff Leitkultur habe zwei Bestandteile: "Zunächst das Wort Kultur. Das zeigt, worum es geht, nämlich nicht um Rechtsregeln, sondern ungeschriebene Regeln unseres Zusammenlebens. Und das Wort ›leiten‹ ist etwas anderes als vorschreiben oder verpflichten. Vielmehr geht es um das, was uns Richtschnur ist." Von den zehn Thesen des Ministers scheinen mir zwei besonders erwähnenswert. Erstens der Hinweis, dass wir Erben unserer Geschichte sind, und daraus folgt "ein besonderes Verhältnis zum Existenzrecht Israels". Zweitens die Feststellung: "Wir leben im religiösen Frieden. Die Grundlage dafür ist der unbedingte Vorrang des Rechts über alle religiösen Regeln."