Der Euro-Terrorismus, der in den Siebzigern ausbrach, pflegte mit Kriegsgerät zu arbeiten. Die Waffen der Wahl von IRA, Eta (Basken) oder Roten Brigaden waren Bomben und Sturmgewehre. Dito das Instrumentarium der Nahost-Kollegen: Palästinenser, Iraner, Hisbollah, der libanesischen Clans. In der nächsten Phase kam der Sprengstoffgürtel dazu, die Bombe auf zwei Beinen. Allen gemein war ein hoher Organisationsaufwand: Die Killer mussten ausgebildet und geführt, mit den Mordgeräten eingeschleust werden. Vorbei. Die jüngste Phase ist der Do-it-yourself-Terror.

Nizza, Berlin, Westminster, Barcelona: Ein Auto, einen Laster kann jeder mieten oder klauen; er braucht weder Genossen noch Training, sondern nur die richtige Idee. Die gab ihm Al-Kaida schon 2010 in ihrem opulent gestylten Magazin Inspire mit "The Ultimate Mowing Machine". Besorg dir ein Fahrzeug, und "fahr so schnell, wie du kannst, um so viele Leute wie möglich niederzumähen". Wie überzeugend der Vorschlag war, zeigt die interkulturelle Verbreitung. In Charlottesville schlug ein christlicher Nazi mit dem Auto eine mörderische Schneise durch die Menge.

Die jüngste Ausgabe von Inspire (Nr. 17) präsentiert eine noch effizientere Idee unter dem Titel "Zugentgleisungs-Operationen". Denn: "Es ist so gut wie unmöglich, ein gigantisches Schienennetz zu sichern" – allein in den USA böten 245.000 Kilometer ein "ideales Ziel". Seitenweise breitet das Magazin aus, wie der "einsame Dschihadist" ein "Entgleisungs-Werkzeug" bauen kann. Dazu braucht er nur, was er im Baumarkt findet: Metallsäge, Stahlblech, Bohrer. Plus Styropor, um eine Gussform für einen handlichen Zementblock zu basteln.

Das sei "einfach" und wecke keinen Verdacht. Auch sei es keine "Märtyreroperation" und "kann wiederholt werden". Gewiss würden Gleise regelmäßig inspiziert, folglich sollte der Gotteskrieger bis kurz vor der Durchfahrt warten. Je schneller der Zug, etwa ein TGV, desto größer das Massaker. Wo? Am besten auf einem hoch gebauten Viadukt, damit die Wagen in die Schlucht stürzen. Die Ziele? "Alle, die gegen unsere Religion verstoßen: jüdische Interessen, USA, Nato, Russland".

Grundsätzlich gilt: "Ideen brauchen keine Visa." Damit reagiert Al-Kaida, die sich vom IS nicht den Rang ablaufen lassen will, auf das immer dichter werdende Sicherheitsnetz im Westen – auf Grenzkontrollen, TV-Kameras, wo Menschen zusammenströmen, Gesichtserkennung, Überwachung des Internets. Die besten Ideen sind immer die einfachsten. Was ist simpler als der Anschlag eines Einheimischen, der sich selber rekrutiert und nachbaut, was Inspire ihm Bild für Bild zeigt?

Die New Yorker Polizei twittert Beruhigendes: Ihr "robuster, breit gefächerter Anti-Terror-Apparat" decke auch den Zugverkehr ab. Die britischen Behörden sind nicht ganz so optimistisch, stecken ihnen doch die 56 Toten im Londoner Nahverkehr von 2005 in den Knochen. Sie sorgen sich um Eisenbahnen als den "Bereich, der noch nicht attackiert worden ist".

Mag sein, dass Inspire 17 nur Panik schüren will. Aber die Nr. 2, die "Mähmaschinen"-Ausgabe, hat womöglich Nizza und Barcelona inspiriert. Zumindest sollten die Dienste prüfen, ob diese Bastelei tatsächlich funktioniert und nicht bloß Psychokriegführung ist. Die gehört genauso zum Terror wie die Nagelbombe.