Der im Mai gewählte neue französische Präsident Emmanuel Macron steht vor entscheidenden Wochen. An diesem Donnerstag gibt die Regierung die Pläne für seine Arbeitsmarktreform bekannt. Sie gilt als "Mutter der Reformen" in Frankreich. Dank eines Gesetzgebungsverfahrens, das eine Abstimmung im Parlament umgeht, tritt die Reform schon in drei Wochen in Kraft. Es könnten sehr unruhige Wochen werden.

Macron will Entlassungen erleichtern, damit Unternehmer vor Neueinstellungen nicht länger zurückschrecken. Außerdem möchte er das Vertretungsmonopol der Gewerkschaften in den Betrieben brechen. Für 95 Prozent der französischen Unternehmen, nämlich all jene mit weniger als 300 Angestellten, soll fortan gelten: Entscheidet selbst! Richtet euch nicht nach nationalen Vorgaben, zum Beispiel bei der Arbeitszeit. Die 35-Stunden-Woche gäbe es dann in Frankreich nur noch auf dem Papier.

Das sind Veränderungen, die den bis heute vom marxistischen Geist nicht völlig abgefallenen Franzosen schwerfallen. Fortschritt bedeutete in Frankreich bisher, dem Kapital etwas abzunehmen und nicht etwa, ihm Geschenke zu machen. Genau danach aber sieht Macrons Reform aus. Noch hält sich die französische Arbeitgeberseite vornehm mit Applaus zurück. Aber nur weil sie keinen unnötigen Widerstand provozieren will.

Der alte französische Arbeiterstolz, dem Chef nie die Hand zu reichen, hilft niemandem

Den wird es trotzdem geben. Die ehemals kommunistische CGT-Gewerkschaft, die immer noch schlagfertigste Arbeitnehmervertretung in Frankreich, kündigte für den 12. September eine Großdemonstration an. Eine Woche später will der linke Parteiführer Jean-Luc Mélenchon seine Truppen auf die Straße führen. Schon glauben laut Umfragen 80 Prozent der Franzosen, dass ihnen ein heißer Herbst mit massiven Protesten bevorsteht.

Nicht zufällig stammt der international erfolgreichste Wirtschaftsbestseller der vergangenen Jahre, Thomas Pikettys Das Kapital im 21. Jahrhundert, aus Frankreich. Der Wirtschaftsmathematiker Piketty erneuert darin mit vielen Daten die Beweisführung des alten Marx, dass der Kapitalismus die Reichen reicher und die Armen ärmer macht. Immer noch. Das haben alle, die sich jetzt Macron in den Weg stellen wollen, dank Piketty nicht vergessen.

Dennoch haben die Kritiker Macrons unrecht, auch was ihre Idee des Fortschritts betrifft. Sie sehen Frankreichs soziale Debatte nur im nationalen Kontext. Sie glauben an den Erhalt eines nationalen Sozialstaats, so wie er seit dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa Modell gestanden hat. Tatsächlich gibt es bisher keine Alternative dazu. Neue Arbeiten des italienischen Ökonomen Pasquale D’Apice von der Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen der EU-Kommission zeigen, dass innerhalb des EU-Systems bisher nur 0,2 Prozent des Bruttosozialprodukts von Reich nach Arm umverteilt werden. Die Hoffnung auf ein soziales Europa trügt also noch.

Und dennoch: Genau da will Macron hin. Deshalb macht er heute in Frankreich, was andere in Europa vorgemacht haben – vor allem Deutschland mit der Agenda 2010 und seiner anhaltend erfolgreichen Dialogkultur in Unternehmen. Auf den ersten Blick scheint Macrons Reformpolitik nicht zu dem großen Ziel eines sozialen Europas zu passen, aber indirekt dient sie nichts anderem.

In Unternehmen die Dialogkultur zu stärken ist schon deshalb richtig, weil der alte französische Arbeiterstolz, dem Chef nie die Hand zu reichen, keinem mehr weiterhilft. Frankreichs Gewerkschaften haben diesen Geist zu lange gepflegt, weshalb sie heute in Kleinbetrieben kaum Vertreter haben. Also will Macron den Dialog zwischen Patron und Beschäftigten dort auch ohne Gewerkschaften einführen. Insofern ist der Bruch des gewerkschaftlichen Vertretungsmonopols an dieser Stelle fast schon eine soziale Maßnahme.