Und wenn die Richter recht gehabt hätten, die Baudelaire gleich nach Erscheinen seines Gedichtbandes Die Blumen des Bösen im Jahr 1857 wegen "der Beleidigung der öffentlichen Moral und der guten Sitten" zu einer Buße verurteilten und sechs seiner Gedichte verboten? Wenn sie das Schockierende an Baudelaire besser empfunden hätten als manche der Lobredner, die ihn seither mit gelehrten Finessen in einen unnahbaren Klassiker verwandeln? Natürlich ist es für fortgeschrittene Leser nett zu wissen, wo Baudelaire mit Sprechhaltungen der Renaissance-Lyrik spielt, wo er seinen Kollegen Vigny und Hugo, Musset und Lamartine lyrisch antwortet und wo er strenge, wo liberale Sonette schreibt. Nur sollte man nicht vergessen, dass in Baudelaires so vollendeter konservativer Formkunst ein revolutionärer Inhalt steckt. Baudelaire war ein Radikaler und ein Rebell. Und er war es zeitlebens mit schnell wechselnden Begründungen.

Nie haben ihn seine Freunde glühender gesehen als in den Tagen der 48er Revolution. Baudelaire, ein 26-jähriger Dandy, hatte, wie sich ein Freund erinnert, "gerade den Laden eines Waffenhändlers geplündert. Er trug ein schönes doppelläufiges Gewehr, ganz glänzend und neu, und eine großartige Patronentasche aus gelbem Leder. Er schrie herum, refrainartig wiederholend, man solle den General Aupick erschießen". Was ein Glück, die Revolution als Familiendrama auszufechten: Aupick, der General der Ordnungsmacht, war Baudelaires gehasster Stiefvater!

Später hat sich Baudelaire von der Politik abgewandt und das Posierende seines revolutionären Furors durchschaut, aber den Systemhass des Outcasts behielt er, und er hat sie seinen Blumen des Bösen mitgeteilt. Was wir heute in exquisiten Dünndruckausgaben lesen, sind zum größten Teil Wut- und Gluttexte, heftige gegen sich und andere gerichtete Dolchstiche eines 20- bis 25-Jährigen, hochverschlüsselte zwar, gleißend hellsichtige und beißend selbstkritische, schmerzhaft zerrissene auch. Aber eben stets lyrische Aggressionen eines an sich und der Gesellschaft Verzweifelnden.

Die Richter haben also schon was gemerkt, und auch wir können uns heftig gepackt fühlen, wenn wir von den verbotenen Gedichten etwa dasjenige lesen, das so fein in unsere funkelnden LGBTQ-Zeiten passt. Verfemte Frauen ist das überaus deutliche Bettgespräch zweier Lesbierinnen nach ihrem ersten Akt. Für Hipolyta, die Jüngere, war es das erste Mal mit einer Frau. Sie leidet, ist unruhig, war’s richtig, fragt sie sich und will doch weitermachen: "Und dennoch fühle ich, wie dich mein Mund begehrt." Delphine, die Ältere, Entschiedenere, lobt die zarten Küsse einer Frau, indes die Zudringlichkeiten eines Liebhabers "sich in dich pflügen / Mit tiefen Furchen, als ob über dich ein Karren fahr; // Sie werden dich wie ein beladenes Gespann zerdrücken (...)" Und sie wehrt die Frage nach dem Richtigen ab: Liebe lasse sich nie mit Rechtschaffenheit verbinden, man müsse sich für einen Herrn entscheiden. Während des ganzen Gesprächs haben die beiden ihre Körper mit steigender Erregung betrachtet, nun schreit die Jüngere auf und ergibt sich einer typisch Baudelaireschen zerrissenen Geilheit: In ihrer Lust ist Schmerz, in ihrem Herzen ein Abgrund, sie will an Delphines Brüsten das Nichts, zwischen ihren Beinen Grabeskühle finden.

Die Richter waren vom Inhalt der Femmes damnées entsetzt. Baudelaire kam es auf etwas anderes an. Er hat das Gedicht kunstvoll mit blinkenden Signalwörtern wie "Schmerz" und "Leere", "Abgrund" und "Unendlichkeit" durchsetzt, allesamt Variationen des "mal", wie sie in den ganzen Blumen des Bösen immer wieder aufleuchten und deren Sinn es war, aus dem Band, der in der ersten Auflage von 1857 genau hundert Gedichte umfasste, ein zusammenhängendes Ganzes, ein Buch mit Anfang und Ende zu machen. Baudelaire hasste die Art, wie die Richter einzelne schockante Gedichte herauspflückten. "Das Buch muss als Ganzes beurteilt werden, und dann erteilt es eine schreckliche Lehre", schrieb er seinem Verteidiger. "Einer Lästerung werde ich Erhebungen der Seele zum Himmel gegenüberstellen, einer Obszönität platonische Blüten." Nur solches Auf und Ab könne "die Unrast und die Melancholien der modernen Jugend darstellen".

Nun kann man dieses Ganze so nuanciert lesen wie noch nie. Zum 150. Todestag Baudelaires präsentiert der Rowohlt Verlag verwegen eine vollständige Neuübersetzung. Sie stammt von Simon Werle, dem wir unter vielem fabelhaftem anderem auch eine hinreißende Übersetzung von vier Tragödien Racines verdanken. Jetzt hat er sich an Prousts Wort gehalten, "nichts ist so baudelairehaft wie Phèdre, nichts so sehr eines Racine würdig wie die Fleurs du mal", und er hat in dem von George bis Benjamin reichenden vielstimmigen Konzert der Baudelaire-Übersetzer sogleich eine eigene, vollkommen überzeugende Stimme gefunden. Werle geht mit dem strengen französischen Alexandriner, einem sechshebigen Reimvers mit einer Zäsur nach der dritten Hebung, freier um als die meisten seiner Vorgänger. Er erlaubt sich auch sieben Hebungen, und seine Verse haben oft einige Silben mehr als die französischen – mit doppeltem Ertrag: Werle gewinnt ohne Verlust an prosodischer Eleganz ein Maximum an Wörtlichkeit; erstaunlich, wie wenig er opfert, wie viel er retten kann! So viel Baudelaire war nie. Und er bringt durch die geräumigeren Platzverhältnisse in seinem Vers das Deutsche wenn schon nicht zum Klingen, da ist dem Französischen und Italienischen kaum gleichzukommen, so doch zum Schwingen – nicht zuletzt durch erstaunliche Reimfunde. Einzelne Verse können etwas laberig werden, was erstaunt angesichts seiner großen Klasse im Kompakten (die knappen Eulen sind ein Meisterstück). Und erstaunt angesichts des Elans, mit dem er den langen ersten Satz in Die Strafe des Hochmuts überträgt. Nicht zu überzeugen vermögen lediglich Werles gelegentliche Abweichungen vom Jambus in daktylische Metren wie im schönen Schlussgedicht Die Reise.

Wer sich, von Werle geführt, aufs Ganze dieses Bandes einlässt, kann allerdings noch nachhaltiger schockiert werden, als es die französischen Richter durch einzelne Gedichte waren. Er setzt sich einer Erfahrung, genauer: dem Durcharbeiten einer Erfahrung aus, die an Verzweiflung und Schmerz, an Sehnsucht, Eros und Ekstase, an Weltenvielfalt das meiste übertrifft, was die Romane der Moderne uns zugemutet haben. Er begibt sich, umgeworfen Mal für Mal, in ein Ganzes, das in jedem Gedicht spürbar und als Totalität doch nie zu fassen ist.

Die ersten dreißig Gedichte der Blumen des Bösen gehören zum Großartigsten, was es in der Literatur gibt. Sie lesen sich wie der turbulente Roman von Baudelaires Leben. Der Dichter nimmt sich den Leser zur Brust, "Du heuchlerischer Leser, du mein Bruder, mir so gleichend!" Er lässt seine Mutter und sich seine Kindheit in blasphemischen Gesprächen mit Gott erzählen. Er bestimmt, fast geschichtsphilosophisch, sein Verhältnis zur Antike, zur mittelalterlichen Frömmigkeit und zum süßen, für dieses Buch so wichtigen Leben in den südlichen Kolonien. Und wendet sich seinen Frauen zu, abgründig leuchtend zumal Jeanne Duval, einer schwarzen Tänzerin und Schauspielerin aus Haiti, die über zwanzig Jahre sein Glück und Unglück war. In der Mitte öffnet sich der Band zur Stadtlandschaft der Pariser Bilder, zur Welt der Armen, der Prostituierten, der Obdachlosen. Die vollendeten Kleinen Greisinnen bezeugen Baudelaires bedingungslose Nächstenliebe. Und Der Schwan, wohl Baudelaires schönstes Gedicht, die komplexe Tiefe seiner Imagination.

Überhaupt die Imagination! Sie ist für Baudelaire "die Königin der Fähigkeiten". Und steht als solche auch im Mittelpunkt seiner Aufsätze zu Edgar Allan Poe, mit deren Neuübersetzung dtv in einer toll erdachten Ausgabe begonnen hat, die Baudelaires Kommentare mit einer Neuübersetzung der seinerzeit von ihm ins Französische übertragenen Poeschen Erzählungen verbindet. Die Imagination steht im Zentrum des Essays zu Richard Wagner, den Manesse neu übersetzt vorlegt. Und sie stand, im Salon 1859, schon im Fokus von Baudelaires Darstellung des Malers Eugène Delacroix. Wann immer Baudelaire auf seine Brüder im Geiste zu reden kommt, spricht er auch von der Imagination, diesem Sinn der "Entsprechungen" (Correspondances), denen er ein eigenes programmatisches Gedicht gewidmet hat.

Aber Baudelaire spricht nicht nur von Entsprechungen, er stellt sie auch her. Sein Poe-Porträt ist zugleich ein geheimes Selbstporträt. Seine Beschreibung der Tannhäuser- Ouvertüre ist auch eine der Blumen des Bösen. Und die Wirkung von Wagners Musik beschreibt er, ohne es zu sagen, mit Zeilen aus seinem Sonett Entsprechungen: "Wie lange Echos, die in weiter Ferne sich verweben / In einer finsteren und tiefen Unzertrennlichkeit". Unendlich wie diese Echos ist auf schwindelerregende Weise indes auch Baudelaire selbst. Wann immer man ein Grundwort ausgemacht zu haben glaubt – die meisten ruhen sich beim ennui aus, der Langeweile, die das Buch gleich in mehreren Gedichten durchdekliniert –, lässt Baudelaire alles nochmals kopfstehen. Sind nicht wenigstens das Nichts und der Tod letzte Gewissheiten?, fragt man sich nach langer Lesereise im Schlusskapitel Der Tod. Nichts da: "Selbst der Tod lügt", "das Nichts ist ein Verräter", dialektisiert Baudelaire. Und beschließt den Band, den er mit seiner Geburt begonnen hat, mit seinem Tod. Und welchem! Der Tod, der allen doch das Ende, ist ihm, im allerletzten Vers des Bandes, nur ein Anfang, um "zum Grund des Unbekannten" zu tauchen, "wenn er uns nur Neues schenkt!" – Plonger (...) / Au fond de l’Inconnu pour trouver du nouveau!

Charles Baudelaire: Les fleurs du mal – Die Blumen des Bösen. Gedichte.
Aus dem Französischen von Simon Werle; Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2017; 528 S.; 38,– €, als E-Book 29,99 €

Charles Baudelaire: Wein und Haschisch. Essays.
Aus dem Französischen von Melanie Walz. Manesse Verlag, München 2017; 224 S.; 22,95 €, als E-Book 18,99 €

Edgar Allan Poe: Unheimliche Geschichten.
Herausgegeben von Charles Baudelaire; aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Nohl, aus dem Französischen von Kristian Wachinger; dtv, München 2017; 424 S.; 28,– €, als E-Book 24,99 €