Mal im eng geschnittenen Zweiteiler, mal im Trachtenlook mit Lederhose, mal im Marathon-Outfit – Bundeskanzler Christian Kern reist landauf, landab und bemüht sich, Optimismus zu verbreiten. Ein Wahlsieg sei noch möglich, behaupten er und seine Helfer. Es ist der verzweifelte Versuch, verlorenes Terrain zurückzugewinnen und einen verkorksten Wahlkampf noch auf den letzten Meilen zu retten. Schön langsam aber wird die Zeit knapp.

Mittlerweile erinnert der rote Wahlkämpfer ein wenig an den unglücklichen Frevler Sisyphos, den die Götter mit einer unlösbaren Aufgabe bestraft hatten. Jedes Mal, wenn Kern ein paar Meter gutmachen kann und es den Anschein hat, er würde in Fahrt kommen, passiert ein Missgeschick, das alle Anstrengungen wieder zunichtemacht. Das jüngste ereignete sich am Wochenende: Aus heiterem Himmel erklärte der Wiener Bürgermeister Michael Häupl, Kerns Parteifreund, er werde drei Monate nach dem Wahltag zurücktreten. Das war an sich keine sonderliche Neuigkeit, aber die knappe Bemerkung fachte wieder den Konflikt an, der seit geraumer Zeit um die Nachfolge des mächtige Genossen schwelt und erst vor wenigen Wochen mühsam kalmiert werden konnte. Die geeinte Schlagkraft der roten Parteiorganisation ist unerlässlich, will Kern auch nur den Hauch einer Chance haben, seinen Rückstand aufzuholen. Wenn allerdings neuerlich die Flügelkämpfe entbrennen, bleibt kaum mehr Energie für die Hauptsache. Und die heißt noch immer Christian Kern und Kanzleramt.

Es muss auch dem erfahrenen Wahlkämpfer Häupl bewusst gewesen sein, dass sein Ablenkungsmanöver nur Schaden anrichten kann. Was der Bürgermeister damit bezweckte, gibt allseits Rätsel auf. Hat sich Häupl bereits gar mit einer Niederlage abgefunden und die Wahl verloren gegeben?

Derweil schnurrt die Wahlkampfmaschine von Herausforderer Sebastian Kurz mustergültig. Alle Versuche, ihn anzukleckern, haben bislang nicht das Geringste bewirkt. Der Außenminister lässt sich kaum je aus der Reserve locken. In den meisten Medien macht er eine glänzende Figur. Sein Team hat die Wahlkampagne unter Kontrolle und steuert unbeirrt den vorausberechneten Kurs. Kurz verfolgt konsequent seine zentralen Botschaften, gibt nur preis, was die ausgeklügelte Strategie gerade vorsieht. Bislang funktioniert der Wahlkampf des jungen Herausforderers wie aus dem Lehrbuch.

In dieser Situation ruhen nun alle Hoffnungen auf Christian Kern. Wenn schon die Wahlkampfbotschaften nicht so recht zünden wollen und das Kampagnenteam außer Tritt geraten ist, so soll der Kanzler in den bevorstehenden TV-Konfrontationen – in den nächsten Wochen kommt es im ORF ebenso wie auf den Privatsendern zu einer Flut an politischen Diskussionen – das Blatt im letzten Augenblick wenden. Hinter dieser Va-banque-Strategie steckt eine gewagte Überlegung: Vor allem auf der Zielgeraden würden die Fernsehduelle den Wahlkampf dominieren, und dort könne dann Kern seine Trümpfe ausspielen. Letztlich würde Kern in der Statur eines Kanzler durch souveräne Auftritte den Ausschlag geben.

Christian Kern ist zweifellos ein rhetorisches Ausnahmetalent, der wahrscheinlich viele seiner Mitbewerber locker in die Tasche steckt. Ob das allerdings ausreicht, den slicken Herausforderer Kurz zu überflügeln, scheint fraglich. Wenn sich die beiden wenige Tage vor der Wahl am 11. Oktober im Sendezentrum am Küniglberg gegenübersitzen, werden zwei sehr selbstbewusste Politiker unterschiedlichen Typs aufeinandertreffen, die vor allem eines gemeinsam haben: Sie sind sich ihrer charismatischen Ausstrahlung durchaus bewusst und wissen beide diese Qualität effektiv einzusetzen.

Soll die rote Aufholjagd auch nur eine geringe Chance haben, dürfen sich die Genossen keine Pannen mehr leisten. Aber entscheidend wird ein paradoxer Faktor sein, auf den das Kern-Team keinen Einfluss hat: Wenn die Freiheitlichen, von denen Kurz bislang den größten Teil seiner neuen Unterstützer abgesahnt hat, zu ihrer alten Form zurückfinden, könnten sie sich als die ausschlaggebenden Wahlhelfer der SPÖ entpuppen.