Eines der gefährlichsten Kriegsgeräte kann man bei einem gewöhnlichen Autohändler kaufen: den Toyota Hilux – einen einfachen Pritschenwagen, der auch auf deutschen Straßen unterwegs ist. Der Hilux ist schnell, robust und wendig, weshalb ihn die Kämpfer des IS für den Truppentransport ebenso schätzen wie die Milizen der Taliban.

Das Auto als Kriegsgerät – mit dieser Thematik muss sich nun auch Daimler beschäftigen, und im Kern geht es in der Auseinandersetzung darum, wie weit die Verantwortung eines Unternehmens für seine Produkte reicht.

Das Bahrain Institute for Rights and Democracy (BIRD) wirft dem Konzern vor, dass bei Kämpfen im Osten Saudi-Arabiens mit Fahrzeugen, die mit Komponenten von Mercedes-Benz ausgestattet sind, Menschenrechtsverletzungen begangen worden seien. BIRD ist eine in Großbritannien registrierte Nichtregierungsorganisation. Ihr Schriftverkehr mit Daimler liegt der ZEIT vor.

Konkret geht es um Vorfälle in der Stadt Awamija, einer Hochburg der schiitischen Minderheit des Landes. Im August haben saudische Sicherheitskräfte mit dem Teilabriss der Altstadt begonnen, in der sich bewaffnete Oppositionskämpfer versteckt haben sollen. Angaben von Human Rights Watch zufolge mussten zwei Drittel der Bevölkerung ihre Wohnungen verlassen, die Nachrichtenagentur Reuters berichtet unter Berufung auf Augenzeugen von neun Toten. Die saudische Regierung begründet die Aktion offiziell damit, dass sie dort einen neuen Wohnkomplex errichten will.

Nach Recherchen von BIRD wurden bei der Räumungsaktion gepanzerte Fahrzeuge – sogenannte Armoured Personnel Carrier (APC) – vom Typ Al-Kaser verwendet. Diese seien ursprünglich in Südafrika gefertigt worden, inzwischen würden sie auch von einer saudi-arabischen Firma hergestellt. Laut BIRD sind die Al-Kaser mit einem Mercedes-Chassis und Mercedes-Motoren ausgestattet. Überdies habe Daimler mit der Firma ASP South Africa bei der Entwicklung des Fahrzeugs zusammengearbeitet.

Die Aktivisten berufen sich auf saudische Militärexperten und ein Interview des damals für Nutzfahrzeuge zuständigen Mercedes-Produktmanagers in Südafrika, Gert Grobler, mit der südafrikanischen Zeitung Engineering News im Jahr 2005. Darin ist von einem Auftrag über die Fertigung von 50 Al-Kaser-Fahrzeugen auf der Basis eines Mercedes-Chassis vom Typ Atego die Rede. Grobler wird mit der Aussage zitiert, er fühle sich "privilegiert", für das Projekt beratend tätig gewesen zu sein.

Bei Daimler heißt es, man nehme den Vorwurf "sehr ernst" und habe eine Prüfung eingeleitet. Diese habe ergeben, dass weder Daimler noch eine Tochtergesellschaft "Komponenten für Al-Kaser Armoured Personnel Carrier geliefert" habe. Zwar sei die Firma ASP South Africa damals an Mercedes-Benz Südafrika herangetreten, um gemeinsam ein Panzerfahrzeug zu entwickeln. Das habe man aber nach einer Prüfung abgelehnt. Das Interview mit dem Produktmanager sei vor der Ablehnung geführt worden. Grobler ist nicht mehr für Daimler tätig.

Das bedeutet indes nicht zwingend, dass keine Mercedes-Komponenten in dem Wagen verbaut sind. Denkbar ist etwa, dass sich das Unternehmen die Teile auch aus zweiter Hand besorgt. Daimler sagt dazu, es sei "gänzlich außerhalb unserer Kontrolle und Verantwortung, welche Verkäufe insbesondere gebrauchter Fahrzeuge über Dritte getätigt werden oder welche Aufbauten über Dritte auf Mercedes-Benz-Fahrgestelle montiert werden".

Rechtlich dürfte der Konzern sich korrekt verhalten haben. Das Atego-Chassis ist ein ziviles Produkt, das viele Lieferwagen verwenden. Es darf wie auch die entsprechenden Motoren frei exportiert werden. Genehmigt werden muss nur die Ausfuhr von Militärgütern. Im zuständigen Bundeswirtschaftsministerium heißt es, es seien im "fraglichen Zeitraum keine Re-Exportgenehmigungen" für militärische Fahrgestelle und Motoren aus dem Hause Daimler von Deutschland nach Südafrika erteilt worden.

Die Leitlinien der Vereinten Nationen gehen allerdings weiter. Sie halten Unternehmen an, sich dafür einzusetzen, dass mit ihren Produkten keine Menschenrechte verletzt werden. Nach Ansicht von BIRD und anderen Aktivisten schließt das auch den Weiterverkauf oder den Umbau dieser Produkte ein. Ob das eine legitime oder eine überzogene Forderung ist, mit dieser Frage muss man sich nun wohl auch in Stuttgart auseinandersetzen.

Mitarbeit: Yassin Musharbash