Dass in den USA nun reihenweise Konföderierten-Generale vom Sockel gestoßen werden, hat eine erregte Debatte ausgelöst. Darf man, soll man das? Wo führt das hin? Der Denkmalsturz ist vielen Beobachtern suspekt. Statt einen Akt der Befreiung in ihm zu erblicken, wittern sie Dogmatismus; nicht als belebend empfinden sie die Entschlossenheit der Aktivisten, sondern als bedrohlich: als Vorbote von Säuberung und Zensur, ja als Auftakt zu einem neuen Bürgerkrieg.

Dabei spaltet nicht der Streit über Statuen wie die des Südstaatengenerals Robert E. Lee in Charlottesville die Vereinigten Staaten – die Debatte macht die bestehende Spaltung nur besonders deutlich sichtbar. Auch geschichtsvergessen, wie mancher Kritiker meint, ist das Abräumen des einen oder anderen Bronzekameraden aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg nicht. Wer ein Denkmal stürzt, greift schließlich nicht die Geschichte selbst an, sondern eine ihrer Deutungen.

Zur Erinnerung: Im späten 19. Jahrhundert und in den ersten drei Dekaden des zwanzigsten, als die 700 Standbilder errichtet wurden, die an die Kriegshelden der Konföderierten erinnern, herrschte in den Südstaaten ein gnadenloses Regiment der Segregation nach Hautfarbe. Die Jim-Crow-Gesetze – benannt nach einer Spottfigur aus den sogenannten Minstrel-Shows, in denen Weiße, schwarz geschminkt, den "dummen Südstaaten-Nigger" verhöhnten – enthielten den Afroamerikanern elementare Bürgerrechte vor, die sie sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder erstritten. 1915, genau 50 Jahre nach dem Bürgerkrieg, gründete sich der Ku-Klux-Klan neu, nachdem er unmittelbar nach der Niederlage von 1865 schon einmal sein blutiges Unwesen getrieben hatte. Vor diesem Hintergrund wurden Lee und andere Kriegshelden in Bronze gegossen und in Stein gehauen.

Gewiss, ihre Standbilder dienten auch dem Zweck, eine Spaltung zu überwinden – die zwischen Nord und Süd. Sie waren ein Zugeständnis an die unterlegene Partei. Zugleich aber haben sie eine andere Spaltung vertieft – die zwischen Schwarz und Weiß. Den Krieg gegen die Nordstaaten haben Männer wie Lee verloren, den rassistischen Krieg gegen die afroamerikanische Minderheit setzten sie und ihre Nachfahren mit brutalem Erfolg fort. Bis heute haben sich die USA nicht davon erholt.

Platz für neue Sichtweisen

Nun ist es lobenswert, die eigene Sichtweise auf die Geschichte skeptisch zu betrachten und vor Absolutierung zu warnen. Zugleich aber wäre es naiv, zu glauben, Ehrenmale aus der Stein- und Bronzezeit seien allein dadurch geadelt, dass sie ein bisschen Patina angesetzt haben. Und warum sollte sich in einem Amerika, in dem die "Weißen" längst nicht mehr allein das Sagen haben, die Erinnerung an ein so bedeutendes Ereignis wie den Bürgerkrieg der Jahre 1861 bis 1865 an vielen Orten noch immer zuvorderst dadurch vollziehen, dass die Betrachter zu Kriegshelden aus der Jim-Crow-Ära aufblicken müssen?

Es spricht daher nichts dagegen, ein wenig auszumisten. Und den entstehenden Platz zu nutzen, um anderen, lange Zeit unterdrückten Sichtweisen auf das Vergangene Gestalt zu geben. Wo sind die Denkmale für die Gelynchten, Versklavten, Entrechteten? Mit ein bisschen Debatte jedenfalls ist es nicht getan: Der aufgeklärte Blick des Betrachters macht nicht, wie einige hoffen, aus dem affirmativen Ehrenmal von einst einen kritischen Gedenkort von heute. Die alten Heldenbilder taugen so wenig dazu, an die Schrecken von Bürgerkrieg und Sklaverei zu erinnern, wie eine Arno-Breker-Skulptur als Mahnmal für die Opfer des Holocausts.

Und wer wird als Nächstes gestürzt?, fragen die Kritiker bang. Sie fragen zu Recht. Nicht jedoch, weil man mit dem Denkmalstürzen besser gar nicht erst beginnen sollte, da man nie weiß, wo es endet. Sondern weil sich die beteiligten Aktivisten und Lokalpolitiker in den USA entscheiden müssen, welchen Kampf sie ausfechten wollen.

Die massenhaft herumstehenden Propagandafiguren der Jim-Crow-Ära zu attackieren ist das eine. Das im späten 19. Jahrhundert von der italienischen Einwanderergemeinde gestiftete Kolumbus-Denkmal in New York zu demontieren, wie es der Bürgermeister der Stadt Bill de Blasio nun unter großen Protesten erwogen hat, etwas anderes.

Im einen Fall geht es um eine konkrete Intervention in die brennende Debatte über den Rassismus der heutigen amerikanischen Gesellschaft. Im anderen um eine Grundsatzdebatte über ein halbes Jahrtausend europäischer Kolonialgeschichte. Es stimmt wohl, dass auch diese in der breiten Öffentlichkeit bisher zu wenig geführt wurde. Dem Ringen um eine Anerkennung der noch immer marginalisierten afroamerikanischen Geschichte aber hilft es nicht, sich im Übereifer zu verzetteln. Den gedenkpolitischen Kampf gegen das Ku-Klux-Klan-Amerika, das sich derzeit in der Alt-Right-Bewegung neu formiert, gewinnt nicht, wer den Fokus ins Uferlose weitet. Auch wenn der große Georg Christoph Lichtenberg zweifelsohne recht hat: "Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung."