"Die Hügelkette, hinter der Neuglück lag, verschwand unter dichtem Nebel. Der Morgen brachte nie Farbe, das Land kannte in dieser Jahreszeit nur Grau." Zwei Sätze, und wir wissen, wo wir sind: Auf dem Weg ins Schwarze.

Noir hat in der deutschen Literatur eine schwache Tradition. Der Alltag, und besonders der von Abgehängten, von Verbrechern, von Gestrauchelten findet selten statt. Typisch für "literarischen" Umgang mit richtig fiesem Elend war Heinz Strunks Roman Der goldene Handschuh über den Serienmörder Honka. Kaum eine Kritik hat es erwähnt: Dem hypernaturalistisch geschilderten Grauen der allerärmsten Alkoholikerexistenzen hatte der Autor eine didaktische Parallelerzählung aus den gehobenen hanseatischen Trinkerkreisen zur Seite gestellt, als könne die Story auf einem Bein nicht stehen. Elend allein: nicht schön.

Jetzt aber: Dunkels Gesetz von Sven Heuchert. Tonfarbe Grau bis Schwarz. Die kargen Landschaftsbeschreibungen – marode Wälder, verseuchte Gewässer, rottige Straßen – wecken Erinnerungen an die Gulag-Sümpfe von Andrei Tarkowskis Stalker oder an die Ozarks im hinteren Missouri, die Daniel Woodrell in Winter’s Bone zu düsterem Leben erweckt hat.

Und doch ist die Gegend, in der der Ex-Söldner Richard Dunkel einen Security-Job annimmt, präzise bestimmt. Nicht durch die Angaben im Klappentext (belgisches Grenzgebiet), nicht durch die Ortsnamen Altglück und Neuglück, sondern durch die präzise Sprache. Angeblich soll sie im Kriminalroman von untergeordneter Bedeutung sein – hier ist Sprache alles, und sie stimmt bis aufs Effeff. Das "Walterchen" kann nur ein Landstraßenpuff im Ruhrpott-Nirgendwo sein. Und wenn einer "genau weiß, was Ambach is", also weiß, was läuft, dann lebt er irgendwo im weiten Schatten der B 1.

Die 16-jährige Marie, begrapscht und besabbert, und ihre Mutter, "tropft wie ’n Kieslaster", sind sozial aus dem Wohnpark zu Tankstellenhalter Achim aufgestiegen. Marie soll die speckige Tanke putzen, während Achim mit Zuhälter Falco über Drogenlieferungen verhandelt und Höchstgebote für ihre Jungfernschaft einholt. Aus Rumänien kommt der Sprinter mit dem Stoff, ein aufgegebener Stollen dient als Labor. Eine junge Frau ist da ums Leben gekommen, Dunkel nimmt seinen Security-Job ernst, er fühlt sich schuldig.

All das fügt sich zu einer sehr harten, sehr unlieblichen und sehr genauen Story zusammen über Überleben und Anstand unter denen, über die keiner spricht. Raymond Chandler forderte einst, der Kriminalroman solle auf der Straße und unter den einfachen Leute spielen. Hier ist einer.

Sven Heuchert: Dunkels Gesetz
Ullstein, Berlin 2017; 186 S., 14,99 €