An der Produktion der ZEIT-Ausgabe 40/15 vom 1. Oktober 2015 waren mehrere Flüchtlinge beteiligt, sie schrieben Beiträge, wurden interviewt, brachten Ideen ein. Jetzt wollten wir wissen, was aus ihnen geworden ist, wie sie die vergangenen zwei Jahre erlebt haben. Nicht alle waren erreichbar oder willens, noch einmal zu berichten. Vier unserer damaligen Mitarbeiter stellen wir auf dieser Seite vor, sie geben Auskunft, wie sich ihr Leben geändert hat.

"Nach Silvester war es etwas schwierig"

Der 28-jährige Zenagabriel Tekle wurde vor zehn Jahren in ein Arbeitslager in Eritrea gesteckt. Seine Flucht führte ihn im Jahr 2013 nach Köln; seine Geschichte stand in der Ausgabe 40/15.

"Seit ich im Herbst 2015 zu Besuch in der Redaktion der ZEIT war, ist in meinem Leben viel passiert.

Damals, vor zwei Jahren, absolvierte ich in Köln noch einen Integrationskurs. Mein Asylantrag war bereits angenommen worden. Ich lernte schnell Deutsch und hatte gute Noten. In Eritrea hatte ich als Reifenmechaniker gearbeitet, aber hier in Deutschland war meine Berufserfahrung nicht viel wert. Ich wusste, dass ich noch mal eine Ausbildung machen muss, um in meinem früheren Beruf arbeiten zu können.

In Köln traf ich auf die Leute von der Flüchtlingsinitiative ›Willkommen in der Moselstraße‹. Ein Netzwerk aus Ehrenamtlichen hatte in den Räumen einer Kirche in der Kölner Südstadt einen Treffpunkt und Hilfe für Flüchtlinge organisiert. Dort half man mir auch beim Deutschlernen. Einer der Ehrenamtlichen half mir, eine eigene Wohnung zu finden. Dort wohne ich noch heute: direkt neben einer Kirche, in den Räumen eines früheren Studentenwohnheims.

Im Frühjahr 2016 machte ich ein erstes Praktikum bei einer Kfz-Werkstatt. Später fragte der Bayer-Konzern bei meiner Sprachschule an, ob sie Flüchtlinge vermitteln könnten. So kam ich an ein weiteres Praktikum bei Bayer und an einen Sprachkurs, den das Unternehmen bezahlt hat.

Danach schrieb ich mehrere Bewerbungen. Ich wollte die Ausbildung als Reifenmechaniker beginnen. Im August 2016 bekam ich die Antwort von einer großen Reifenwerkstatt mit mehreren Filialen in Deutschland. Sie ließen mich einen Eignungstest machen, etwas Mathe, ein wenig Sprache, danach konnte ich anfangen. Seit September 2016 bin ich dort Auszubildender. Die Arbeit macht mir Spaß, ich lerne viel.

Mit dem Geld komme ich über die Runden. Für die Ausbildung bekomme ich rund 660 Euro brutto, die Miete für die Wohnung bezahlt das Jobcenter. Wenn alles nach Plan läuft, bin ich im Herbst 2019 fertig. Dann hoffe ich auf meinen ersten festen Job und das erste Gehalt. Ob ich übernommen werde, weiß ich noch nicht.

Das Einzige, was ich bisher noch nicht geschafft habe: einen deutschen Führerschein zu machen, den ich sicherlich später für die Arbeit brauchen werde. Das kommt vielleicht noch.

Meine Freundin kenne ich noch aus Eritrea. Sie kam sieben Monate nach mir nach Deutschland. Hier in Deutschland haben wir uns verliebt. Sie wohnt noch in einem kleinen Ort in Rheinland-Pfalz. Vor ein paar Tagen ist unser erstes Kind auf die Welt gekommen, ein Junge. Jetzt suchen wir nach einer gemeinsamen, größeren Wohnung in Köln. Unser jetziger Vermieter – die katholische Kirche – hat uns auf eine Warteliste für eine Familienwohnung gesetzt.

Im Rückblick bin ich in Deutschland alles in allem gut aufgenommen worden. Viele der Leute von der Willkommensinitiative sind heute meine Freunde. Wir feiern zusammen Geburtstage oder Sommerfeste. Ich helfe in der Initiative mittlerweile selbst, wenn andere Flüchtlinge Probleme haben oder Hilfe mit der deutschen Sprache benötigen.

Nur nach der Silvesternacht 2016 war es etwas schwierig in Köln. In den Monaten danach riet man uns, den Hauptbahnhof zu meiden oder nur in kleinen Gruppen aus dem Haus zu gehen. Das hat sich aber wieder gelegt."

Aufgezeichnet von Philip Faigle