"Die allermeisten von uns kennen den Zustand völliger Erschöpfung auf der Flucht, verbunden mit Angst um das eigene Leben oder das Leben der Kinder, zum Glück nicht. Menschen, die sich zum Beispiel aus Eritrea, aus Syrien oder dem Nordirak auf den Weg machen, müssen oft Situationen überwinden, die uns wahrscheinlich schlichtweg zusammenbrechen ließen." So sprach Angela Merkel im August 2015.

"Wohnungseinbrüche sind mit das Schlimmste, was einen ereilen kann. Das vergisst man nie." So spricht Merkel mit ernster Miene im Wahlkampf 2017, zum Beispiel vor idyllischer Kurbad-Kulisse in Steinhude. Wäre man Zyniker, könnte man ergänzen: Außer man ist Syrer. Dann gibt es schon einige schlimmere Dinge, die einen ereilen können, als Wohnungseinbrüche.

Zugegeben, diese Gegenüberstellung ist zugespitzt, ein bisschen ungerecht auch. Aber sie macht etwas deutlich, was die Kanzlerin selbst gerne verschleiert: Der Merkel-Sound hat sich geändert. Sicherheit ist ein zentrales Thema ihrer Wahlkampfauftritte. Aber es geht jetzt nicht mehr so sehr um die Sicherheit der Flüchtlinge, es geht um die Sicherheit der Deutschen.

Das hängt vor allem mit dem historischen Wochenende vom 4./5. September 2015 zusammen, als Merkel die Flüchtlinge aus Ungarn einreisen ließ, die sich an der Grenze zu Österreich drängten.

Damals sei es "um die Abwendung einer humanitären Katastrophe" gegangen, sagt die Kanzlerin bis heute. Worin genau die drohende Katastrophe bestand, hat Merkel allerdings nie erklärt. Sicher, die Menschen, die damals auf dem Bahnhof in Budapest ausharrten, in Zügen feststeckten und sich irgendwann auf eigene Faust auf den Fußmarsch Richtung Österreich und Deutschland machten, waren erschöpft, frustriert und nur unzureichend betreut. Aber warum war es ihnen nicht zumutbar, sich den üblichen Einreisekontrollen zu unterziehen?

Vor allem aber: Wenn humanitäre Aspekte die Leitlinie des Handelns in der Flüchtlingspolitik wären, wieso lässt Merkel dann heute nicht Menschen mit Transall-Maschinen aus den Lagern in Libyen retten? Denn die Verhältnisse dort sind fraglos wesentlich schlimmer, als sie es in Ungarn je waren. Deutsche Diplomaten sprechen offiziell von "KZ-ähnlichen Zuständen" in den libyschen Lagern – Folter, Vergewaltigungen, willkürliche Hinrichtungen.

Quelle: BAMF, Frontex, kleine Anfrage der Grünen-Fraktion, kleine Anfrage der Linken-Fraktion, UNO-Flüchtlingshilfe, Recherche: Benedikt Heber © ZEIT-Grafik: Gisela Breuer

Was 2015 humanitär zwingend schien, ist für Merkel heute offenbar politisch nicht mehr zwingend.

Beim Migrationsgipfel in Paris beriet Merkel erst am Montag gemeinsam mit Frankreichs Staatspräsident Macron und anderen europäischen und afrikanischen Regierungschefs, wie die Migrationsbewegungen nach Europa weiter eingedämmt und noch mehr Menschen von der Fahrt über das Mittelmeer abgehalten werden können. Dass die italienische Regierung die libysche Küstenwache bezahlt, damit sie Europa die Flüchtlinge etwas weiter vom Hals hält, wird offiziell nicht bestätigt. Doch wenn man mit hochrangigen Diplomaten im Hintergrund spricht, schaut man in unglückliche Gesichter: Die Zweischneidigkeit solcher Erfolge ist ihnen schmerzlich bewusst.

Man muss all dies der Kanzlerin nicht vorwerfen, im Gegenteil: Es ist richtig und notwendig, dass Deutschland seine Grenzen kontrollieren kann. Es ist richtig, dass nicht Schlepper bestimmen, wer kommt, sondern das Recht, und es ist eine Illusion, so zu tun, als gäbe es nur diese beiden Möglichkeiten: entweder Willkommen oder Abschottung.

Doch Merkel selbst hat zu dem Eindruck beigetragen, es gäbe keine Alternativen. Zum Beispiel durch den Satz: "Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land." Eine Entschuldigung hatte damals allerdings niemand verlangt, Merkel war nur gefragt worden, ob an dem ersten Septemberwochenende Fehler gemacht wurden.

Es wurden Fehler gemacht, ganz unvermeidlich, und Merkel hat daran gearbeitet, sie zu korrigieren. Man wusste allerdings nie so recht, was davon freiwillig geschah und was unter Druck.

Es drängt sich also schon die Frage auf: Hat die Kanzlerin ihren Kurs revidiert? Hat Merkel ihre ursprüngliche Politik in Wirklichkeit längst kassiert und lässt sich nur noch zu Unrecht als Willkommenskanzlerin feiern, wie die SPD argwöhnt? Kurz: Betreibt Merkel überhaupt noch Merkels Flüchtlingspolitik?

Das ist nicht so leicht zu sagen. Weil man dann erst einmal klären muss, was das denn genau ist: Merkels Flüchtlingspolitik.