"Früher haben die Bewohnerinnen die Schuld noch verstärkt bei sich gesucht", sagt Imlinger. "Heute kommen sie mit aufrechtem Gang und im Bewusstsein darüber, dass sie sich schützen können."

Das liegt auch an einem Durchbruch, an dem Rosa Logar in den neunziger Jahren entscheidend beteiligt war: Gewalttätige Ehemänner dürfen sich nach einer Ausschreitung zwei Wochen lang nicht mehr der gemeinsamen Wohnung nähern. Das Betretungsverbot war damals einmalig in Europa. Eingebettet wurde es in das vor 20 Jahren in Kraft getretene Gewaltschutzgesetz, das Logar mit der damaligen Frauenministerin Johanna Dohnal entwickelt hat. Mit der Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen ist es 2011 zum EU-Standard geworden.

Die Konvention, die Österreich vor vier Jahren ratifiziert hat, gibt auch einen Minimalstandard von einem Frauenhausplatz pro 10.000 Einwohner vor. Doch in Österreich gibt es nur 766 Plätze, mehr als 100 fehlen zur Erfüllung der Quote. Allein im letzten Jahr mussten die Frauenhäuser 336-mal Frauen wegschicken, die sich an sie gewandt hatten, weil es kein freies Bett mehr gab.

Für Asylwerberinnen müssten viele Frauenhäuser alle Kosten selber tragen

Besonders prekär ist die Lage in Tirol: Hier gibt es nur 35 Plätze in Notunterkünften. Der Bau eines neuen Frauenhauses wurde vor Jahren beschlossen, doch er verzögert sich immer weiter. Grund seien, so hieß es zuletzt aus dem Büro der zuständigen Soziallandesrätin, vergabe- und verfahrensrechtliche Fragen – und auch finanzielle.

Denn der Betrieb eines Frauenhauses ist teuer. Maria Imlinger, die Leiterin des Frauenhauses in St. Pölten, spricht von einer jährlichen Summe im sechsstelligen Bereich. Die Finanzierung der Häuser, die als Vereine organisiert und in zwei Dachorganisationen zusammengeschlossen sind, erfolgt hauptsächlich über Förderansuchen bei der öffentlichen Hand. Doch die Förderungen sind Ländersache und laufen nach höchst unterschiedlichen Regeln ab.

Manche Häuser kämpfen seit Langem ums Überleben. Das Frauenhaus in Hallein ist besonders stark auf Spenden angewiesen, denn das Land Salzburg hat die Mittel für den Nachtdienst gestrichen. Und in Tirol sind von den wenigen Notunterkünften gar nur 16 Plätze mit den nötigen Sicherheitsvorkehrungen ausgestattet.

Mit der unterschiedlich geregelten Finanzierung geht noch ein anderes Problem einher: Asylwerberinnen können vielerorts gar nicht aufgenommen werden. Denn wenn sie ein Flüchtlingsnotquartier verlassen, fallen sie aus der vollen Grundversorgung, und viele Häuser müssten die Kosten für die Betreuung dieser Frauen irgendwie selber aufbringen. Auch Maria Imlinger nimmt keine Asylwerberinnen auf – allerdings gibt es für diese in Niederösterreich ein eigenes Frauenhaus in Hollabrunn.

"Es ist nicht so, dass ausländische Männer automatisch gewalttätiger sind", sagt Imlinger. Natürlich gebe es Probleme mit anderen Kulturen, der Ehrverletzung und Parallelgesellschaften. Das möchte sie gar nicht wegreden. Aber es gebe einen einfachen Grund, warum mehr Migrantinnen im Frauenhaus sind: "Österreicherinnen haben oft ein breites soziales Netzwerk. Sie gehen dann zur Tante, zu einer Freundin oder weiter weg." Frauen, die fliehen mussten, seien häufig allein und schutzlos, und auch Migrantinnen, die schon lange in Österreich leben, fehlt oft ein Netzwerk außerhalb des engsten Familienkreises, in dem die Gewalt stattfindet.

Doch immer öfter kennen auch Migrantinnen ihre Rechte. "Zwei Frauen aus dem arabischen Raum haben ihre Männer vor Kurzem angezeigt", erzählt Imlinger. "So etwas trauen sich oft nicht einmal die Österreicherinnen."

Einen Unterschied beobachtet Maria Imlinger dennoch: Österreichische Männer misshandeln anders. "Sie tun es mit weniger sichtbar hinterlassenen Spuren", sagt Imlinger. "Und sei es nur deshalb, weil sie wissen, dass es Konsequenzen gibt, und sie Schiss haben."