Endlich waren sie flach, nach Jahrmillionen. Untertunnelt mit einem Bauwerk, das seinesgleichen sucht. Als vor gut einem Jahr der neue, 57 Kilometer lange Eisenbahntunnel durch den Gotthard eröffnet wurde, da war es um die Alpen geschehen. Statt obendrüber geht es seither unten durch. Tief durchs Gestein. Ohne Kehrtunnel, ohne Steigungen. Flach.

Es ist der Triumph des Menschen über eine Landschaft, die er einst fürchtete. Der endgültige Sieg über das todbringende Gebirge.

Doch in diesen heißen August-Tagen, da feiern die Alpen ihr Comeback – als Hort des Schreckens.

Am Mittwoch vor einer Woche stürzte im Bergell, oberhalb des Dorfes Bondo, der Berg ins Tal. Vier Millionen Kubikmeter Gestein und Geröll, das Anderthalbfache der Cheopspyramide, donnerten vom Piz Cengalo mit 200 Kilometer pro Stunde durch das Bondasca-Tal. Acht Wanderer werden seither vermisst. Die Suche nach ihnen wurde inzwischen eingestellt. Vermutlich sind sie tot.

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Schon 2011 verwüstete ein kleinerer Bergsturz ein paar Hausgärten und den Campingplatz von Bondo. Seither war klar, da kommt noch mehr runter. Also schützte sich das Dorf nach zähen Diskussionen mit einem Überlaufbecken und einer Mauer.

Im Bergell realisierten sie bereits damals: Es wird eng im Tal. Der neuerliche Bergsturz rüttelte nun auch die Unterländer auf.

Nicht nur weil zwei der verstorbenen Wanderer im Mitteland lebten. Die Naturkatastrophe nahm ihnen, die sich Wochenende für Wochenende im Hochgebirge tummeln, die Illusion, dass sie allein darüber entscheiden, welches Risiko sie eingehen wollen. Ob sie mit oder ohne Seil zum Gipfel steigen, in Turn- oder Wanderschuhen einen schmalen Grat begehen.

Die beeindruckenden Bilder der grollenden Steinlawine, die aufstiebenden Staubwolken, die mitgerissenen Maiensäße und vom Schlamm begrabenen Baumaschinen, sie zeigten ihnen: Die Alpen sind eben doch kein touristischer Freizeitpark. "Sie sind ein Störfall", sagte der Alpenforscher Werner Bätzing vor einigen Jahren: "Dort erfährt der Mensch, dass er, anders als in den Städten, die Natur technisch nie im Griff hat."

Da sind die Gletscher mit ihren unpassierbaren Schründen. Da sind das unberechenbare Wetter, die unwegsamen Pfade. Aber da ist auch, und das ist neu: das Klima, das sich aufheizt. In den Alpen fast doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt. Seit dem Beginn der Industrialisierung um knapp zwei Grad Celsius. Eine Folge davon: Die Berge bewegen und verändern sich viel schneller als bisher.