Hanns Grössel (1932–2012) war kein Literaturpapst, sondern eher ein selbstloser Messdiener der Literatur. Er hatte ein kurzes Leben als Lektor des Rowohlt Verlages und ein langes Leben als Hörfunkredakteur. In den dreißig Jahren, die er beim WDR verbrachte, fand er Zeit, bedeutende Werke der dänischen und französischen Nachkriegsliteratur zu übersetzen und zu rezensieren. Bald galt er in Deutschland als der neben François Bondy wichtigste Vermittler französischer Gegenwartsliteratur. Die ZEIT- Leser der siebziger und achtziger Jahre verdankten Hanns Grössel die Bekanntschaft mit den jeweils neuesten Büchern aus der damaligen Hauptstadt der europäischen Literatur. Grössel schrieb über den Nouveau Roman von Nathalie Sarraute und Claude Simon, aber auch über die verfemten Genies der Kollaboration wie Drieu la Rochelle und Louis-Ferdinand Céline. Er verteidigte einen pornografischen Mystiker wie Georges Bataille und vertiefte sich in das autobiografische Werk des Exzentrikers Michel Leiris – immer kenntnisreich, begeisternd, unbestechlich und verlässlich. Ein Lebenswerk, das vergessen wäre, gäbe es nun nicht einen wunderbaren Band, in dem all das noch einmal gelesen werden kann: eine persönliche Geschichte der französischen Literatur von einem ihrer größten Bewunderer.

Hanns Grössel: Im Labyrinth der Welt Essays und Kritiken zur französischen Literatur; Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2017; 544 S., 30,– €