Zaghaft nähert sich Lucy dem Grashaufen, den Kopf gesenkt, den Schnabel knapp über dem Boden. In dieser geduckten Haltung versucht die Henne, einen Grashalm aufzupicken. Doch bevor sie ans Futter gelangt, hackt blitzschnell ein anderer Hühnerschnabel nach Lucy und vertreibt sie. Der Schnabel gehört zu Mädi, die mit vorgestreckter Brust über das Futter wacht. Mädi ist die Chefin der Hühnerherde, einen Gockel gibt es nicht. Und Lucy kommt erst ans Gras, wenn Mädi das erlaubt.

Was für ein unglückliches Huhn, könnte man über Lucy sagen. Das stimmt vielleicht auch. Genauso richtig ist aber, dass Lucy ein sehr glückliches Huhn ist. Sie muss zwar damit leben, dass Mädi auf ihr herumhackt. Aber sie lebt – und das ist ein kleines Wunder.

Bis vor drei Monaten wohnte Lucy noch mit drei anderen Hühnern zusammen, in Regensburg, in Bayern. In dieser Herde war Lucy der Boss: Sie war die Erste, die sich den Salat schnappen durfte, sie bekam die dicksten Würmer und die schönsten Käfer ab, auf der Hühnerstange im Stall suchte sie sich den besten Platz zum Schlafen aus. Doch an einem Tag im Mai, ganz früh am Morgen, schlich ein Räuber ins Gehege. Vermutlich ein Fuchs.

Als Susanne, die Besitzerin der Hühner, später zu ihren Tieren kam, lagen zwei tot am Boden, ein Huhn fehlte ganz. Nur Lucy hatte überlebt. Wie erstarrt saß sie in der Ecke des Hühnerstalls. Sie sah richtig zerrupft aus, ihr Hintern war fast nackt, und sie blutete. Seither ist Lucy nicht mehr die alte. Sie legt auch keine Eier mehr, obwohl sie das mit ihren eineinhalb Jahren eigentlich noch viele Jahre können sollte.

Was geht wohl in Lucys Hühnerkopf vor? Wie fühlt sich so eine Henne? Solche Fragen beschäftigen auch Wissenschaftler. Man nennt sie Verhaltensforscher, weil sie versuchen herauszufinden, warum Tiere sich wie benehmen und auch, was sie fühlen und wie schlau sie sind. Aus dieser Forschung weiß man schon ziemlich viel darüber, wie Hühner so ticken. Zum Beispiel, wie sie miteinander reden: Sie verständigen sich mit mindestens 24 unterschiedlichen Gackerlauten.

Doch in Lucys Stall gab es ja nun keine anderen Hühner mehr zum Gackern, und ohne eine Herde kann kaum ein Huhn glücklich leben. Deshalb suchte Susanne eine neue Herde für Lucy, eine, die ihr sozusagen Asyl bot. So landete Lucy in einem Dorf einige Kilometer entfernt, bei Rosa. Sie besitzt neun Hennen und einen Hahn. Die Tiere leben dort in einem großen Hühnergarten, überall wachsen Büsche, in denen sie sich tagsüber vor Raubvögeln verstecken können, es gibt Sand, in dem sie scharren und nach Würmern suchen können, und einen großen Stall, um nachts geschützt vor Füchsen und Mardern in Ruhe zu schlafen. Es klang alles wunderbar. Doch es ging nicht gut.

Die anderen Hühner sahen Lucy wohl als Eindringling in der Herde, als Fremde, die ihnen Futter stehlen und die Gunst des Hahns streitig machen wollte. Verhaltensforscher wissen: Hühner haben eine strenge Hackordnung. In der ist geregelt, wer der Boss und wer die letzte Henne ist. Jedes Huhn muss hart kämpfen, wenn es Teil einer Herde werden will. In diesem Fall aber waren die Hühner besonders fies, und Lucy war noch ganz schön angeschlagen. Sie jagten sie im Kreis herum, flogen auf sie drauf, pickten immer wieder gegen ihren Kopf, ließen sie nicht ans Futter.

Zweimal versuchte Lucy zu fliehen. Einmal fand Rosa sie unter einem Baum, das zweite Mal fing Rosas Nachbar Robert sie auf der Straße ein. "Ich kann sie nicht schützen", sagte Rosa zu Robert. "Kannst du sie nicht nehmen?" Seitdem lebt Lucy in jener Herde, in der Mädi das Sagen hat.

Die ersten Wochen bekam Lucy dort einen Extraservice. Robert oder seine Frau standen jeden Morgen um fünf Uhr auf und öffneten nur für sie das Türchen zum Hühnergarten, damit sie dort in Ruhe herumlaufen und im Sand scharren konnte. Und tatsächlich: Lucys Federn wuchsen nach, sie fraß wieder mehr und wurde langsam kräftig. Und dann, eines Tages, ging Lucy zum ersten Mal in ihren Holzverschlag hinein, und die anderen ließen sie durch, ohne sie zu piesacken.

Susanne, Rosa und Robert, sie alle halten ihre Hühner wie Haustiere. Und natürlich wollen sie, dass es den Tieren gut geht. Doch auch für Bauern ist es wichtig zu wissen, was in den Hühnern vorgeht und wie sie gut zusammenleben. Schließlich wollen sie nicht, dass sich die Tiere ständig fetzen, verletzen und deshalb vielleicht weniger Eier legen.

Endlich wieder ein Ei zu legen, das versucht auch Lucy. Jeden Tag geht sie zum Nest und setzt sich hinein. Bisher klappt es nicht. Aber immerhin hat sie sich einen Platz in der neuen Herde erkämpft. Sie ist zwar nun das letzte Huhn in der Rangfolge, doch sie gehört dazu. Und wer weiß, vielleicht arbeitet sich Lucy einmal wieder hoch, zur Chefin.