Wenn Bernhard Horstmann mit seinem Audi durch Werpeloh rollt, am Revers seines schwarzen Sakkos ein kleines Kreuz, dann kann er viele Hinterlassenschaften seines Vorgängers sehen: die Franziskus-Statue vor der Kirche, das indonesische Batak-Haus-Museum, das Kriegerdenkmal. All das hat Horstmanns Vorgänger geschaffen: Pater Matthäus, Kapuzinerbruder, 30 Jahre katholischer Dorfpfarrer von Werpeloh.

Einer, über den die Werpeloher erzählen, dass er ihr Denken verändert habe. Unser Pater. Einer, der mal eben in die Küche platzte und das Abendbrot segnete. Ein Dorfheiliger.

Aber Horstmann, raspelkurze Haare, eckige Brille, kein Blatt vor dem Mund, sieht die Spuren seines Vorgängers selten, manchmal ist er tagelang nicht in Werpeloh. Er hat sechs weitere Gemeinden zu betreuen, alles in allem fünf Friedhöfe, sechs Kindergärten, 9.500 Seelen, jährlich 110 Beerdigungen und noch einmal so viele Taufen. Er hat viel zu tun.

Horstmann ist die Antwort der katholischen Kirche auf die neue Zeit: Wo Priester fehlen und sich Kirchenbänke leeren, wo Einnahmen wegbrechen und Gemeinden zusammengelegt werden, da sind Manager gefragt.

Es gibt nur ein Problem: Die Werpeloher hadern mit der neuen Zeit. Und sie hadern mit Bernhard Horstmann.

Horstmann steuert seinen Audi über die Landstraße und gibt Gas. Er hat einen Termin in einem Kindergarten im Nachbardorf Sögel, vier Kilometer von Werpeloh entfernt. 30 Minuten hat er für das Gespräch eingeplant. "In der Woche habe ich 40 bis 45 Stunden mit Kundenkontakt", sagt er. Alles ist eng getaktet.

Sein Vorgänger Pater Matthäus musste nicht streng planen, als er 1973 nach Werpeloh kam. Er konnte flanieren, hämmern, sägen, plaudern. Geburtstagsbesuche erledigte er gern im Blaumann; er glaubte an Außerirdische und zog einmal für eine Woche ins Moor, um sie willkommen zu heißen, wie ein Freund freimütig erzählt; er sandte Bauern aus, um magische Findlinge zu suchen, die er zu einem Steinkreis anordnete; er ließ schon früh Messdienerinnen zu und kritisierte das Zölibat.

Einige Geschichten über Matthäus klingen fast biblisch. Einmal soll eine Frau zu ihm gekommen sein, schwanger mit Zwillingen, die Ärzte sollen aus medizinischen Gründen zur Abtreibung geraten haben. Nicht nötig, ich sehe die Kinder in deiner Küche spielen, habe Matthäus gesagt. Und so sei es gekommen.

Als er selbst schwer krank wurde, pflegten ihn die Männer des Dorfes über mehrere Monate hinweg im Schichtdienst, trugen den greisen Mann ins Bett. Zu seinem Tod gravierten die Werpeloher Matthäus’ Autokennzeichen in eine Gedenktafel: EL – MT 28. "Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende."

Fünf Jahre nach Matthäus’ Tod, im Jahr 2010, kam Bernhard Horstmann in die Pfarrgemeinschaft Sögel. Dass er die Werpeloher aufforderte, sich von ihrem alten Pater abzunabeln, tragen ihm einige immer noch nach. "Mein Fall ist er nicht", ist auch deshalb eine häufige Antwort in Werpeloh auf die Frage nach Horstmann.

In Sögel steigt Horstmann aus seinem Auto und eilt in den Kindergarten. Mit zwei Erzieherinnen bespricht er das Programm für eine Kindermesse. Eine der Frauen sagt: "Ich habe einen Text aus der Kinderbibel fürs Evangelium rausgesucht, ich hoffe, der ist dir nicht zu ... na ja, ist halt kindgerecht, weißt du?" – "Ja, ja ...", sagt Horstmann. Wenig später, noch während sie die letzten Details klären, rafft er seine Unterlagen zusammen. Die Zeit ist um.

"Ich bin kein Saure-Gürkchen-und-Tomaten-Pfarrer", sagt Horstmann, obwohl er plaudern kann, wenn er will, und scherzen sowieso. "Aber ich ertrage es nicht, wenn es zu tüddelig wird." Seine Termine pflegt er in seinem Smartphone. Er sagt "ich ticker dir das rüber", wenn er Nachrichten verschickt. Er ist ein Manager, so sieht er sich. Nur so kann er sieben Gemeinden, ja, was? Koordinieren? Verwalten? Im Griff behalten?