Das Überraschende an dieser düsteren Aufführung im Moskauer Basmanni-Bezirksgericht vergangene Woche war nicht etwa, dass der russische Regisseur Kirill Serebrennikow von Männern in Sturmhauben in den Gerichtssaal hereingeführt wurde oder während der Anhörung in einem Käfig ausharren musste – das ist bei Verfahren in Russland üblich. Selbst die Vorwürfe, über die Jahre umgerechnet etwa eine Million Euro veruntreut zu haben, waren nicht überraschend – damit musste Serebrennikow spätestens seit der Durchsuchung seines Gogol-Zentrums und der Festnahme dreier Mitarbeiter im Mai rechnen. Das eigentlich Seltsame war, wer gekommen war, um ihm beizustehen, mit Bürgschaftsangeboten oder Bittbriefen an Wladimir Putin persönlich. Schriftsteller, Sänger, Herausgeber, Regisseure und Schauspieler standen dicht aneinandergedrängt, die sonst kaum künstlerische Nähe verbindet: Manche von ihnen kritisieren seit Jahren den Autokratismus des Putinschen Regimes, andere sind von ihm abhängig, wieder andere lassen sich sogar von Wladimir Putin persönlich mit Orden auszeichnen. Das Schicksal des Kirill Serebrennikow hat sie zusammengeführt. Vielleicht, weil es bei diesem Prozess um mehr geht als das Leben eines begabten und furchtlosen Regisseurs, der offen schwul lebt – auch das eher eine Seltenheit in der russischen Elite. Dieser Prozess, diese Verhaftung sind ein Signal. Wofür steht es?

Kirill Serebrennikow ist einer der bekanntesten russischen Regisseure. Er inszeniert im Ausland, im Oktober sollte er die Oper Hänsel und Gretel in Stuttgart aufführen. In Russland leitet er seit fünf Jahren das Gogol-Zentrum. Für seinen jüngsten Film Der die Zeichen liest (über einen Schüler, der in christlichen Fundamentalismus entgleitet) bekam er internationale Filmpreise, in Russland aber viel Kritik.

Ein Freigeist ist Serebrennikow, ein Nonkonformist, aus Sicht konservativer Russen vielleicht auch ein Provokateur, aber eins ist er sicher nicht: ein Kreml-Gegner. Er galt als Protegé von Wladislaw Surkow, damals die Nummer zwei im Regierungsapparat und später einer von Putins Beratern. Das Gogol-Zentrum konnte Serebrennikow nur deshalb übernehmen, weil ihn der damalige Kulturminister der Stadt Moskau, Sergej Kapkow, zum Leiter ernannte – begleitet von heftigen Widerständen und Anschwärzungen durch das alte Ensemble. Es war das Jahr 2012: Medwedews Präsidentschaft ging zu Ende, in die Teile der Mittelschicht ihre Hoffnung auf Modernisierung und Rechtsreformen gelegt hatten – vergeblich. Mit Serebrennikow aber brach zumindest in der kulturellen Szene in Moskau eine neue Zeit an. Das verstaubte Gogol-Theater, der Albtraum jeder Schulklasse, die verpflichtend hingekarrt wurde, wurde zu einer einzigartigen Experimentierbühne für Theater, Konzerte, Diskussionen und Zusammenarbeit unterschiedlicher Ensembles. Serebrennikow lotete Grenzen aus, dehnte sie aus – dank staatlicher Förderung. Gewiss hat er Feinde – er hat aber auch mächtige Unterstützer gehabt.

Wenn es nun also einen wie Kirill Serebrennikow trifft, was bedeutet das für die Kulturschaffenden in Russland? Woran sich sofort die Frage knüpft: Wie vertragen sich Kunst und staatliche Förderung in einem autoritären System? Staatlich geförderte Kultur ist in einem solchen nie Selbstzweck, sondern immer auch ideologischen Zielen unterworfen. Zu Sowjetzeiten, besonders unter Stalin, diente die staatliche Kultur dem Kampf um die Seelen, der Erschaffung des neuen sozialistischen Menschen. Im heutigen Russland, das in keiner Weise mit der Stalinzeit zu vergleichen ist, soll Kultur die Bürger patriotisch ertüchtigen (so wie das Internet nach Wunsch des konservativen Kulturministers Wladimir Medinski vorzugsweise "patriotisch" sein solle, um sich im Krieg um die Gemüter gegen den Westen durchzusetzen). Medinski hat den Preis für staatliche Förderung klar formuliert, als sich Künstler über Zensur in der Kultur beklagten: Wer Geld annimmt, hat die Erwartungen des russischen Staates zu erfüllen. Als der Regisseur Andrej Swjaginzew seinen großartigen Film Leviathan in die Kinos brachte, eine trostlose Hiob-Geschichte, die er in den Norden Russlands verlegte, warf Medinski ihm vor, er habe mithilfe von Steuergeld den russischen Staat bespuckt. Der Film wurde 2015 für den Oscar nominiert, Medinski aber fand, ein solches Werk verdiene keine staatliche Unterstützung. Seinen neuen Film Unliebe drehte Swjaginzew daraufhin ohne Förderung durch den russischen Staat.

Weshalb nach Serebrennikows Verhaftung nun ein anderer Regisseur, Iwan Wyrypajew, mit einem offenen Brief eine Debatte losgetreten hat: Geht das, sich staatlich subventionieren zu lassen und künstlerisch frei zu sein? Wyrypajew glaubt nicht daran. Die Kulturschaffenden, die Geld vom Staat nähmen und an die Kraft ihrer Kunst glaubten, betrügten sich selbst. "Das Erste, was wir, die Kulturschaffenden, die Intelligenzija, die fortschrittlichen Menschen in Russland, tun können, ist, die Macht nicht weiter zu unterstützen", schrieb er. Doch wie die Kunst finanzieren in einer Gesellschaft, in der es kaum Stiftungen und private Förderung gibt?

Die Lösung des Dilemmas bleibt vorerst so unklar wie Serebrennikows Verhaftung selbst. Ist er zu weit gegangen? Hat er provoziert mit Sex und Homosexualität und seiner Religionskritik? Wladimir Putin hat die Beamten, die das Gogol-Zentrum durchsucht haben, als "Dummköpfe" bezeichnet, aber nun hat sich sogar der Inlandsgeheimdienst in die Ermittlungen eingeschaltet. Bedeutet das, dass sich der Flügel der Hardliner im Machtzentrum durchgesetzt hat? Schon im August soll der Kulturminister die Aufführung von Serebrennikows Stück Nurejew am von der Nomenklatura geliebten Bolschoitheater vorerst verhindert haben. Sucht man nun an Serebrennikow ein Exempel zu statuieren?

Niemand, der sich vergangene Woche für ihn einsetzte, glaubt, dass dieser Prozess etwas mit Rechtsstaatlichkeit zu tun haben könnte. Womöglich hat Serebrennikow sogar tatsächlich gegen Gesetze verstoßen – doch selbst wenn seine Unterstützer diese Möglichkeit in Betracht ziehen, glauben sie offenkundig nicht, dass dies der Grund ist, warum er nun vor Gericht steht. Sondern? Man wolle allen deutlich die Spielregeln zeigen, schreibt der Galerist Marat Gelman. Zeigen, dass sich die Situation längst verändert habe, nur dass es noch nicht alle Kulturschaffenden bemerkt hätten. Kirill Serebrennikows Prozess, der im Oktober beginnt, erinnert sie brutal daran, dass die Zeiten andere geworden sind.

Nachtrag: Die Theaterregisseure Thomas Ostermeier und Marius von Mayenburg protestieren mit einer Petition gegen Kirill Serebrennikovs Verhaftung.