Niemand sollte sich täuschen, das hier ist keine Ausstellung, es ist ein Schauprozess. Und wenn kein Schauprozess, dann doch eine Abrechnung: mit dem Museum, der Kunst und der deutschen Geschichte.

Zum Beispiel Emil Nolde. Von ihm sind in der Ausstellung der Bremer Kunsthalle vier Aquarelle zu sehen, alle zeigen sie dunkelhäutige Männerköpfe. Die Bilder verdanken sich einer Reise nach Papua-Neuguinea, bezahlt vom Reichskolonialamt, wo Nolde, nach eigener Auskunft, "einige ganz von jeder Zivilisation unberührte Erstheiten der Natur und Menschen" kennenlernen wollte. Doch traf er dort weniger auf Unberührtes als auf Europäer, deren Mission "zerstörerisch" wirkte, wie er in seinem Tagebuch schrieb. So malte er an gegen diese Zerstörung, hielt fest, was nicht mehr zu halten war. "Echt und herb" sollten die Bilder sein, damit niemand sie "in parfümierten Salons" ausstellen würde.

Nun, die Räume der Kunsthalle sind nicht parfümiert, dafür liegt eine scharfe Note des Verdachts in der Luft. Erstens habe Nolde die Menschen unter Zwang porträtiert, viele hätten Angst gehabt, ihr Körper könne, als Objekt des Malers, in dessen Besitz geraten. Zweitens habe Nolde nicht "die Persönlichkeit des Dargestellten" herausgearbeitet, vielmehr reproduziere seine Kunst "das Format anthropometrischer Fotografien, die in der Kolonialzeit genutzt wurden, um sogenannte 'Rassentypen'" zu bestimmen. Drittens habe der Künstler "das ebenfalls rassistisch konnotierte ›Urwesen‹" der Bevölkerung einfangen wollen. Viertens sah er die Menschen nicht als gleichwertig an, sondern rückte sie in die Nähe von Tieren, sie hätten, notierte er, "wie schwarze Panther oder Leoparden" geschaut. Fünftens beklagte er zwar das zerstörerische Treiben seiner Landsleute, doch diese "Ressourcenausbeutung verewigte Nolde nicht in seinen Aquarellen". Fazit: Seine Kunst habe "die Rassismen und Exotismen der Kolonialzeit entscheidend" mitgeprägt. So beklagt es der Katalog.

Verschärfend kommt hinzu, dass Nolde von "Eingeborenen" sprach und die Aquarelle so betitelte. Dieser Begriff sei "im Kontext von Versklavung und Kolonialismus aber ausschließlich auf unterworfene Gesellschaften außerhalb Europas angewandt" worden, sagt die Ausstellung, weshalb im Museum nur von E*********** die Rede sein darf.

Kein anderes Kunstmuseum in Deutschland hat sich bislang die Mühe gemacht, seine Sammlungen so energisch nach kolonialistischem Kultur- und Gedankengut zu durchforsten. Auf welche Weise profitierten Künstler wie Gauguin, Kirchner oder eben Nolde von der Ausbeutung des Südens? Welcher Blick auf das Fremde bestimmt ihre Kunst? Und was soll das Museum mit den Werken tun?

Bremen konnte schon im 19. Jahrhundert mächtig vom Handel mit Kolonialwaren profitieren, nicht zufällig waren viele der Mäzene der Kunsthalle als Reeder und Kaufleute tätig. So lässt sich tatsächlich behaupten, dass es das Museum ohne den Kolonialismus kaum gäbe, jedenfalls nicht in seiner stolzen Größe und mit seiner exzeptionellen Sammlung.

Auch die Kunst selbst sähe oft anders aus, darauf will die Ausstellung hinaus. So malte Paula Modersohn-Becker auf einem Stillleben von 1905 nicht nur Äpfel, sondern auch "in Plantagenarbeit hergestellte Bananen" und verweise damit, sagt der Katalog, auf Bremens "zentrale Rolle als Umschlagplatz für Südfrüchte" und nehme "einen Wendepunkt im deutschen Konsumverhalten vorweg".

Ähnlich verhalte es sich mit dem Kaffeegarten an der Weser von Elisabeth Perlia, denn hier werde ein "Genussmittel aus fernen Ländern, zumeist von unterbezahlten Arbeitskräften hergestellt" ganz offenbar "unbekümmert von der globalen Handelsgeschichte" genossen. Die Malerin zeige "das Kaffee-Trinken als Teil der weißen Identität".

Entstanden sind diese Texte in Kooperation mit der örtlichen Universität in Bremen, verantwortet werden sie von der Anthropologin Julia Binter, die eigens als Kuratorin nach Bremen geholt wurde. Inmitten der Debatte um das Humboldt Forum in Berlin plädiert sie mit ihrer Ausstellung für eine radikale Dekolonialisierung der Museen: Erkennt eure Schuld und zieht daraus die Lehren, ruft sie den Besuchern zu. Endlich soll Schluss sein mit Rassismus, Exotismus und Ausgrenzung.

Wohin führt das Gleichheitsgebot im Museum?

Deshalb darf das Negermädchen, ein Aquarell von Anita Rée, jetzt nur noch N****mädchen heißen. Und deshalb werden neben der westlichen Kunst auch Werke aus Kamerun oder dem Kongo gezeigt. Schon 1922 waren einige dieser Plastiken, sonst verwahrt im Übersee-Museum, in der Kunsthalle zu sehen. Damals wurden sie "nicht als gleichwertig mit europäischer Kunst angesehen", schreibt die Kuratorin Binter – und möchte das ändern.

Als politisches Programm verstanden, ist ihr Impuls nur zu berechtigt. Doch wohin führt das Gleichheitsgebot im Museum? Es führt dazu, dass nun in Bremen selbst das Modellschiff einer Reederei den Hinweis verpasst bekommt, der Künstler des Werks sei "unbekannt". Wenn aber alles Kunst ist und alle Künstler sind, es keine Rangordnung mehr gibt, dann hat sich die alte Idee des Museums erübrigt. Es war stets ein Ort der Ausschlüsse, hier wurde Originelles von weniger Raffiniertem geschieden, hier rang man um Qualitätsideale, und nur das Beste verdiente einen Platz an der Wand.

Erübrigt hätte sich aber auch das Ideal einer autonomen Kunst, die sich von moralischen Erwägungen frei machen darf. Der man nicht vorwirft, sie benutze die Welt nur als "Projektionsfläche für die eigenen Wünsche und Fantasien", wie es die Ausstellung tut. Denn das war ja einmal das vornehmste Privileg der Kunst: allein ihren Wünschen und Fantasien folgen zu dürfen.

Der unbescholtene, der naive, auch der böse Blick des Künstlers wird nicht länger gestattet sein, wenn sich das Museum in einen Ort verwandelt, an dem es gerecht und sittsam zugeht und sich niemand von irgendwem brüskiert fühlen darf. Und wenn schon das Motiv des Kaffeetrinkens problematisch ist, wie verhält es sich dann erst, wenn Alkohol ins Bild rückt (Manets Bar) oder gar sexuelle Gewalt ins Spiel kommt (Rembrandts Susanna)?

Mit ein paar ***** fängt es an, doch ist die antihegemoniale Friedenspflicht erst eingeführt, wird fast zwangsläufig die Frage auftauchen, ob nach dem Titel des Nolde-Aquarells nicht auch das Bild selbst, weil es so rassistisch sei, verboten gehöre. In den USA gibt es die Debatte längst, dort verlangen manche Protestgruppen lauthals, Werke abzuhängen und zu vernichten (ZEIT Nr. 31/17).

Klar, die Bremer Ausstellung ist aufklärerisch gemeint, doch ein Museum, in dem jeder und jede repräsentiert sein soll, in dem sich alle derselben, unser heutigen Moral zu beugen haben und Schuld zum letzten Qualitätskriterium wird, ist kein Museum mehr. Es ist eine Besserungsanstalt.

"Der blinde Fleck" läuft bis zum 19. November.

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