Rund 80.000 Menschen besuchten die Art Basel Hongkong, Asiens führende Messe für zeitgenössische Kunst mit 242 Galeristen aus 34 Ländern, dieses Jahr im März. Doch so toll das klingt, ist eine solche Riesenveranstaltung nicht jedermanns Sache.

Die Veranstalter der Art-o-Rama, die am vergangenen Wochenende in Marseille stattfand und knapp 6.000 Besucher hatte, streben solche Massen gar nicht an. Die 26 Galeristen, die dort ausstellten, kommen überwiegend aus europäischen Städten, vertreten zumeist jüngere Künstler und arbeiten mit dünnen Budgets. Wie viele andere Händler, die im unteren bis mittleren Preissegment agieren, suchen sie Alternativen zu den globalen, für sie kaum erschwinglichen Blockbuster-Messen.

Gemeint sind vor allem die Art Basel mit Standorten in Basel, Hongkong und Miami, die Londoner Frieze und die Pariser Fiac. Sie versammeln die Kapitalelite der Händler und Galeristen und wollen durch teure Werke der Künstler mit den höchsten Auktionsumsätzen von Gerhard Richter bis Jeff Koons immer weiter expandieren. Sie sind wie kleine Konzerne und residieren in Luxusimmobilien an einer wachsenden Zahl von Standorten. Diese Galeristen behandeln Kunstwerke als Statussymbole und Investmenttrophäen für die Reichen.

Das hat durchaus sein Gutes: Diese Global Player stabilisieren die Preise für den gesamten Kunstmarkt und bewahren ihn vor Zusammenbrüchen. Bloß geht dadurch die Schere im Handel auseinander. Während die großen Galerien weiter wachsen und eine Dependance nach der anderen eröffnen, wobei sie über immer atemberaubendere finanzielle Mittel verfügen, suchen die anderen, deren Mittel eher noch schmelzen, nach Überlebensstrategien. Viele Messen setzen deshalb auf den Charme der Nische, bieten günstige Standmieten, entwickeln intime Formate und wählen Städte mit besonderem Flair als Schauplätze. Die Messe als Salon wird auf diese Weise zum Geschäftsmodell.

Die Art-o-Rama in Marseille offeriert Standmieten, die der Kölner Galerist Philip von Rosen mit einem Preis von rund 3.000 Euro für bis zu 40 Quadratmeter als "sehr günstig" beschreibt. Sein Berliner Kollege Daniel Marzona hebt "die einzigartige Atmosphäre" hervor, in der er Kunst zeige, die er "so nirgendwo sonst realisieren könnte". Der Galerist lobt auch die Regionalität der Messe.

In Kopenhagen finden gleich zwei junge Messen zur selben Zeit statt

Tatsächlich spielt der lokale Faktor solcher Messen eine große Rolle: Das gilt für die Art Salzburg, die von nur sechs Galeristen im August veranstaltet wurde. Auch die Schweizer Stadt Lugano bietet einen See und ein herrliches Alpenpanorama. Das jüngste Ergebnis der dortigen Kulturambitionen ist die "Wopart: Work on Paper Art Fair", die Mitte September zum zweiten Mal stattfindet. Die Messe konzentriert sich auf Zeichnungen und tritt mit 62 Galeristen auf, darunter so etablierte wie Karma International aus Zürich, die Galerie Buchmann in Berlin und Lugano oder Monica de Cardenas aus Mailand mit Dependancen in Lugano und nahe St. Moritz.

"Lugano ist noch nicht übersättigt mit Kulturevents", erklärt Luigi Belluzzi die Wahl des Ortes. Der Kulturveranstalter hat die Messe ins Leben gerufen. Zeichnungen habe er ausgewählt, sagt er, damit Händler mit preisgünstigen Arbeiten neue Kunden gewinnen könnten.

Auch Skandinavien gilt als Region mit Entwicklungspotenzial. So gibt es in Kopenhagen zeitgleich zwei Messen vom 31. August bis 3. September. Die Code Art Fair findet zum zweiten Mal statt und bietet 75 Galeristen Raum, darunter einigen aus der Topriege. Sogar zwei der ganz großen, Continua und Perrotin, sind dabei. Sie alle lockt die Perspektive, im Norden ein neues Kundennetzwerk aufzubauen.

Aus diesem Grund gibt es seit fünf Jahren auch die Chart Art Fair in der dänischen Hauptstadt. Sie konzentriert sich auf 33 führende Galerien aus den skandinavischen Ländern und feiert ihr Jubiläum mit Ereignissen wie dem Straßenprojekt der französischen Starkünstlerin Laure Prouvost. Die Gewinnerin des Turner-Preises hat 2.000 Poster ihres erotisch-ironischen Projekts in Kopenhagen auf Litfaßsäulen oder Häuserwände geklebt.

Man merkt es im Norden wie im Süden auf den kleineren, überwiegend neuen Messen: Was die Galeristen motiviert, ist der Versuch, wieder eine Balance zwischen dem globalen und dem lokalen Kunstmarkt zu finden. Sie haben dabei vor allem jüngere Künstler im Blick, die sie oft von Anfang an aufbauen und fördern.

Mit ihnen viel Geld zu verdienen ist zunächst nahezu unmöglich. Hinter der Messe als Salon steht also auch einiger Idealismus.