Seit den G20-Krawallen ist der Leipziger Stadtteil Connewitz ins Gerede gekommen – als eines der autonomen Zentren der Republik. Der Bundesinnenminister würde dort jetzt am liebsten durchgreifen. Wie gefährlich ist Connewitz?

Wer wissen will, was der Reiz von Connewitz ist und zugleich das größte Problem, der stößt am Ende auf eine Wand aus Beton. Sie steht an einer Kreuzung im Leipziger Süden und ist so etwas wie das Begrüßungsschild zu diesem Viertel. Ein paar Quadratmeter, auf denen sich Staat und Autonome bekämpfen. Nicht mit Pflastersteinen und Wasserwerfern. Sondern: mit Malerfarbe und Sprühdosen.

Per Sprühdose wird, an dem einen Tag, "No Cops" auf die Wand geschrieben. Per Malerfarbe wird, am anderen Tag, mit oranger Farbe genau dieser Schriftzug wieder übermalt. Immer wieder. Es ist ein kleiner, mühsamer, täglicher Kampf ausgebrochen um die Deutungshoheit in einem Viertel, das regelmäßig in den Fokus deutscher Sicherheitsbehörden gerät.

Unter dem Schriftzug "No Cops" steht noch ein anderer Spruch. Einer, den das Ordnungsamt bisher nicht übermalt, weshalb ihn jeder, der in Connewitz ankommt, sehen kann: "Antifa-Area".

Connewitz: Das ist, neben der Hamburger Schanze und der Rigaer Straße in Berlin, eine der Autonomen-Hochburgen Deutschlands. Streitet die Republik über linke Gewalt, schaut sie immer auch hierher, in diesen Leipziger Stadtteil. Nach den Randalen beim G20-Gipfel in Hamburg, nach den Bildern, die in ganz Deutschland für Entsetzen sorgten, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU): "Was es in Connewitz in Leipzig gibt, kann man nicht hinnehmen." Der sächsische CDU-Innenminister Markus Ulbig sprach von einem "Nährboden" für Linksextremisten, den man in Connewitz finde; der Leipziger Polizeipräsident Bernd Merbitz von "rechtsfreien Räumen". Man konnte den Eindruck gewinnen, dass da ein Stück Leipzig zur No-go-Area geworden sei. In jedem Fall ist Linksextremismus nun Wahlkampfthema, die Bekämpfung linker Gewalt sozusagen Chefsache. Das Versprechen von Thomas De Maizière nach den G20-Krawallen, von jetzt an konsequent gegen Linksextreme vorgehen zu wollen, führte gerade zum Verbot der Plattform linksunten.indymedia.

Was heißt es, wenn ein Viertel "Antifa-Area" ist? Wie wirkt sich das auf eine deutsche Großstadt und ihre Bürger aus? Und vor allem: Wie gefährlich ist so ein Stadtteil? Die ZEIT hat in den vergangenen Wochen in der Szene recherchiert. Hat mit der Polizei gesprochen, mit der Stadtverwaltung, mit linken wie mit konservativen Politikern – vor allem aber mit jenen, von denen viele gar nicht öffentlich reden wollen. Mit den Autonomen, die diesen Stadtteil so prägen. Eines kann man vorab sagen: Hier, im Leipziger Süden, zeigt sich wie unter einem Brennglas, was eine starke linke Szene mit einer Stadt macht. Was sie von ihr zu fürchten hat. Aber auch, was sogar zu gewinnen.

Dass die Ereignisse von Hamburg nachwirken, zeigt sich dieser Tage sogar im Rathaus einer Kleinstadt nahe Leipzig, in Wurzen. Dort rufen Geschäftsinhaber an und fragen, ob sie um ihre Schaufensterscheiben fürchten müssen. In Wurzen findet am Samstag eine Demo gegen Rechtsextremismus statt, Anmelder ist Andreas Blechschmidt – jener Sprecher der Hamburger linken Szene, der neben anderen hinter der "Welcome to Hell"-Demo während des G20-Gipfels steckte. Es gab schon ähnliche Demos in Wurzen wie die nun angemeldete, die friedlich verliefen; die Polizei rechnet auch diesmal mit keinen größeren Ausschreitungen – und Blechschmidt wird nicht einmal persönlich erwartet. Dennoch zeigen die Anrufe etwas: Deutschland wird nervös, wenn die Linken kommen.

Ein junger Mann, Mitte 20, Tattoos, Piercing und einen "FCK NZS"-Button auf dem Basecap, sitzt an einem Donnerstag im August auf einer Parkbank in Connewitz. Seit fünf Jahren lebt er – nennen wir ihn Timm – im Viertel. Sein echter Name darf nicht in der Zeitung stehen, weil er nicht als Sprecher von etwas auftreten wolle. Denn die Antifa, sagt Timm, gebe es nicht. Antifa sei vielmehr eine Einstellung, "eine Aktion in einem Moment". Das heißt? Dass jeder Antifa sei, sobald er oder sie gegen Faschisten agiere. Ob auf Demos oder anderswo; ob friedlich oder nicht. Sagen wir: Es gibt Momente, in denen Timm dazugehört.

Timm schaut auf einen Spielplatz, auf dem Eltern in Büro-Outfit neben Eltern mit Irokesen-Frisur ihre Kinder beaufsichtigen, und zeichnet sein Bild von einer besseren Welt: ohne Hass, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus. Das Bild von Connewitz, wie er es sich vorstellt. "In diesem Viertel leben einfach Menschen, die sich darauf geeinigt haben, dass es hier keinen Hass geben soll", sagt er. Was andere das Gewaltpotenzial von Connewitz nennen, nennt er "Freiheitswillen".

Gut 18.000 Menschen leben in Connewitz. Wer vom autonomen Connewitz redet, spricht vor allem von einem Bereich zwischen drei Straßen, die das sogenannte Bermuda-Dreieck bilden. Hier haben Punks und Autonome in den Wendejahren viele leere Häuser besetzt. Hier lieferten sie sich Kämpfe mit Neonazis, die sich in anderen Stadtteilen niedergelassen hatten. Es war Umbruchzeit, die Polizei war nicht präsent; also half man sich selbst. Ein Denken, das bis heute hier in Connewitz vorherrscht.

Heute gibt es im Bermuda-Dreieck einen Blumenladen, Spätis. Ein Bistro, das Döner mit Soja-Fleisch anbietet. Trotzdem ist es hier anders als in allen anderen Teilen Leipzigs, des Ostens, vermutlich sogar Deutschlands. Das spürt jeder, der durch die Straßen geht, die Menschen, die Häuser, das Sein fühlt sich anders an. Wirklich jede einzelne Wand ist voll mit Graffiti. Die meisten Leute trinken ihr Bier lieber auf der Straße als in Bars; Punk-Musik tönt auch nach 22 Uhr aus den Fenstern, ohne dass sich jemand beschwert; Marihuanapflanzen gedeihen auf Fensterbänken. Und die obligatorischen Straßenmusiker vor dem Rewe sind hier keine Singer-Songwriter mit Gitarre. Sondern Punks mit Schlagzeug. Wirklich bedrohlich wirkt das alles nicht. Aber man trägt ja auch keine Polizei-Uniform. Und kein Thor-Steinar-T-Shirt.

Freiräume, sagt Timm auf seiner Bank, bekomme man nicht geschenkt. Freiräume müsse man sich erkämpfen. Im Alltag in Connewitz sieht dieser Kampf so aus: Wenn jemand mit einem T-Shirt von Thor Steinar – einer Marke, die gern von Rechtsextremisten getragen wird – über den Spielplatz vor Timm laufen würde, würde er diesen Menschen bitten zu gehen. Gewaltlos, erst einmal. Aber würde der Mensch nicht gehen wollen, würde es viele in Connewitz geben, die bereit wären, die Sache anders zu regeln. Auch Timm. Denn: "Gegen Faschisten stellt man sich nicht mit einer Kerze."

Der sächsische Verfassungsschutzbericht von 2016 zählte etwa 250 gewaltbereite Linksextreme in Leipzig. Nicht alle davon lebten in Connewitz. Leipzigs linke Szene ist längst auch in anderen Vierteln zu Hause, etwa im Osten der Stadt. Es ist ohnehin schwer, die Orte zu benennen, an denen sich die Szene trifft. Die militante Linke hat keine Kommandozentrale, sie ist ein loses Netzwerk ohne feste Strukturen, das auf vielen Einzelkontakten beruht, auf persönlichen Bekanntschaften. "Antifas" könnten sich im Conne Island zusammenfinden, von dem so oft die Rede ist, aber auch am Kneipentisch bei "Frau Krause", im Zoro oder ganz woanders. Sie planen ihre Aktionen nur in Kleingruppen und sprechen häufig mit fast niemandem darüber, auch nicht in der Szene, um Verfolgung zu erschweren. Denn: Meist sind die Aktionen illegal.

"Dafür, dass du Nazi bist, kannst du was"

Wenn man über das autonome Connewitz spricht, landet man schnell bei der Frage nach Gewalt. Ob sie zur Linken gehört. Ob man jemandem zuhören darf, der bereit wäre, sie anzuwenden. Die Militanz-Debatte ist innerhalb der Linken uralt; nach G20 flammte sie neu auf. Linke Gewalt, sagen Forscher, unterscheide sich von rechter eigentlich dadurch, dass sie sich vor allem gegen Dinge richte. Aber eben nicht nur. Wenn man in Kauf nimmt, dass Menschen verletzt werden – macht es dann noch einen Unterschied, ob Gewalt links oder rechts ist? Ob sie gegen Neonazis oder Flüchtlinge zielt? Timm findet: Ja. "Bei so einer Argumentation sprichst du ja Nazis den gleichen Schutzraum zu wie Menschen, die nichts dafür können, woher sie kommen", sagt er. "Rechte Gewalt richtet sich gegen Menschen, die andere angreifen aufgrund von Dingen, für die sie nichts können. Dafür, dass du Nazi bist, kannst du was."

Timm, der Autonome, argumentiert für Gewalt in bestimmten Fällen. Und diese Bereitschaft ist für Bernd Merbitz das Problem, sie macht ihn richtig rasend. Merbitz ist Polizeipräsident Leipzigs, dazu noch Mitglied in Sachsens CDU-Landesvorstand – und damit so etwas wie der Endgegner des autonomen Connewitz. Merbitz ließ vor drei Jahren im Bermuda-Dreieck eine Polizeistation eröffnen, was die Autonomen, sprichwörtlich, auf die Barrikaden brachte. Für viele im Viertel war die Eröffnung der Polizeistation eine Kampfansage. Einmal griffen Linksextreme die Beamten im Revier mit Steinen und Farbbeuteln an. Bernd Merbitz wird wütend, wenn man ihn fragt, ob die Eröffnung der Station in Connewitz eine gute Idee war. "Wir setzen Recht und Gesetz durch", sagt er. Den Rest brüllt er eher: "Es kann ja wohl nicht sein, dass eine Polizeistation als eine Kampfansage verstanden und angegriffen wird! Genauso wenig so ein Graffito wie 'No Cops'. Die wollen uns sagen: Ihr habt hier nichts zu suchen, ihr Bullen! Dabei leben wir in einem Rechtsstaat!"

Merbitz war es, der Leipzigs SPD-Oberbürgermeister Burkhard Jung drängte, den Schriftzug an der Betonwand in Connewitz übermalen zu lassen. Seine Aussage, in Connewitz gebe es "rechtsfreie Räume", verteidigt Merbitz. Es geht ihm um Attacken auf die Polizei, einerseits. Aber auch um die Ordnung. Die Graffiti, die Lautstärke, die Leute, die in den Häusern wohnen, obwohl sie sich nicht bei den Behörden angemeldet haben; die Hunde, die keine Steuermarken haben. Wenn das Ordnungsamt sich nicht mehr in einen Stadtteil traue, müsse man konsequent vorgehen.

Ja: In Connewitz gibt es ein erhöhtes Gewaltpotenzial. Weil Gewalt nie eine Lösung sein kann, könnte hier die Geschichte enden. Wäre da nicht die andere Seite dieses Viertels. Eine, von der auch Juliane Nagel erzählen kann.

Nagel, 36, ist in Connewitz geboren, aufgewachsen, nun sitzt sie für die Linke im Landtag. Sie ist Politikerin, und trotzdem ist sie auch bei den Autonomen beliebt. Damit ist sie so etwas wie ein Scharnier zwischen zwei Welten. Von den Medien wird sie gern als ein Sprachrohr der Antifa gesehen. Sie sagt: "Die linke, linksradikale oder autonome Szene ist die Basis dafür, dass die Stadt ist, wie sie ist."

Der Boom, den Leipzig in den vergangenen Jahren erlebt hat; dass Leipzig eine der aufregendsten, vitalsten Städte des Ostens ist – das liege auch an Connewitz. Den veganen Bistros, den Freiräumen. Und, wie Nagel sagt: Daran, dass selbst die Pegida-Bewegung hier nicht Fuß fassen könne wie an anderen Orten im Osten. "Leipzig ist anders als Dresden; es atmet anders. Leipzig ist ein offener Fleck im Osten", sagt Nagel. Da hat sie sogar einen Konsens mit Burkhard Jung, 59, dem Oberbürgermeister. Seit Jahren muss er mit der Spannung von Connewitz umgehen: die Gewalt verurteilen ("höchst gefährlich") einerseits. Den Freiraum dieses Viertels verteidigen andererseits. Was ist Connewitz für ihn? "Connewitz ist auch ein symbolhafter Ort", sagt Jung. "Das werde ich auch respektieren und akzeptieren." Er lebt, seit Kurzem, selbst dort. Als das Conne Island von CDU-Politikern persönlich zum Hotspot des extremen Widerstands erklärt wurde, rief er dort an und sagte: Macht euch keine Sorgen. "Connewitz hat in der jungen Szene dazu beigetragen, dass man sich für Leipzig interessiert", sagt Jung. Trotzdem wäre er im Zweifel bereit, mit harten Bandagen gegen die vorzugehen, die den Staat und sein Recht nicht akzeptierten. Einmal, als Autonome im Dezember 2015 durch die Leipziger Südvorstadt zogen und ganze Straßenzüge verwüsteten, sagte Jung, das sei "offener Straßenterror".

Allerdings muss man sich inzwischen auch fragen, ob Leute wie der Polizeipräsident überhaupt noch die größten Gegner der Connewitzer Szene sind. Oder ganz andere Phänomene. Zum Beispiel: dass der Erfolg, den die Subkultur der Stadt beschert hat, jetzt die Subkultur selbst bedroht. Das sieht man dieser Tage am Black Triangle, dem letzten besetzen Haus in Leipzig, am Rand von Connewitz, einem verlassenen Bahnhofsgebäude. Vor einem Jahr sind hier Anarchisten illegal eingezogen, jetzt droht ihnen die Räumung durch den Besitzer, die Deutsche Bahn. Nach G20 könnte das Haus zu einem Symbol werden im Kampf gegen Linksextremismus.

Der Weg zu dem Grundstück führt durch eine verwinkelte Allee, einspurig, rechts und links gucken die Kleingärtner über ihre Zäune. Plötzlich steht man vor Stacheldraht, Natodraht und einem ausgebrannten Bus: Barrikaden; zur Abschreckung errichtet. Die kleine weiße Stahltür unter dem Bus aber ist fast immer offen. Wer durch sie hindurch und dann auf die Bar zugeht, kann auf einen Punk mit seitlich rasiertem Schädel stoßen, der gleich zwei Bier auf den Tresen stellt: "Haste Durscht?"

An der Seite hängt ein bettlakengroßes Banner: "Räumt die Bahn, legen wir sie lahm". Vorne hat jemand eine Bühne improvisiert, aus Europaletten, zwei Barhockern und einem alten Teppich. Fast jeden Abend ist hier Programm. Konzerte, politisches Kino, Lesungen, wilde Partys. Auch das gehört zu Connewitz: dass man nicht weiß, wie lange alles, wie es ist, Bestand hat. Die Angst führt dazu, dass jeder Moment, jeder Freiraum im Jetzt genutzt wird.

Wird das Black Triangle tatsächlich geräumt, ist für den Tag danach, Tag X+1, eine Demo angekündigt. Die wird nicht friedlich bleiben; das sagen alle, die man fragt. Splitterbruch ist ein Wort, das fällt. Die Idee: Die Kosten einer Räumung in die Höhe treiben, damit die Stadt es sich zweimal überlegt. Warum wird aus Friede so schnell Gewalt?

Seit G20 stellen sich Leipzigs Linke dieser Frage immer öfter. Ein Besuch noch: 80 Menschen versammeln sich in einem Altbau; eingeladen hat "Prisma-IL", eine linke Gruppe. Erst einmal fragt Rebecca Rahe, die vorn am Podium sitzt: "Wie viele von euch waren in Hamburg?" Und fast alle Hände gehen hoch. Prisma habe in Hamburg kreativen Protest gewählt, keine rohe Gewalt, sagen die Leute hier. Ganz hinten meldet sich eine junge Frau. Sie erzählt, dass sie am Hauptbahnhof Brötchen verkaufe. Am frühen Morgen sind ihre Kunden DHL-Boten, Amazon-Einpacker, Schaffner. "Wie sollen wir diesen Leuten nach G20 erklären, warum linker Protest wichtig ist?", fragt sie in die Runde, "dass wir nicht alle Autoanzünder sind, sondern auch gegen prekäre Arbeitsbedingungen eintreten und für eine gute Krankenversicherung?"

Rebecca Rahe, 26, die Frau vom Podium, kommt aus Hamburg, seit einigen Jahren lebt sie in Leipzig. Sie sagt, nach dem Podium: Sie könne die Wut der Randalierer in Hamburger verstehen. "Wenn Hunderte Bürger ihr Gefühl der Ohnmacht gegen ein Gefühl der Selbstermächtigung eintauschen können", sei das doch etwas wert. Da ist er wieder, der Zwiespalt: zwischen Friede, Freude und Wut. Wie auf der Betonwand am Eingang von Connewitz, auf der "No Cops" steht.

Alle, mit denen man über das Graffito spricht, müssen schmunzeln; Politiker, Autonome, Oberbürgermeister. Selbst Herr Merbitz, der Polizeichef – wenn auch nur kurz. Weil alle wissen, dass es irgendwie auch absurd ist, dieses ewige Katz-und-Maus-Spiel. Aber es wird weitergehen. Der Schriftzug "No Cops" wird übermalt, wann immer er neu entstanden ist. "Antifa-Area" bleibt bislang stehen. Würde man auch diesen Schriftzug übermalen, stünde dort, am Eingang von Connewitz, schließlich nur noch: eine graue Wand.