Wenn man über das autonome Connewitz spricht, landet man schnell bei der Frage nach Gewalt. Ob sie zur Linken gehört. Ob man jemandem zuhören darf, der bereit wäre, sie anzuwenden. Die Militanz-Debatte ist innerhalb der Linken uralt; nach G20 flammte sie neu auf. Linke Gewalt, sagen Forscher, unterscheide sich von rechter eigentlich dadurch, dass sie sich vor allem gegen Dinge richte. Aber eben nicht nur. Wenn man in Kauf nimmt, dass Menschen verletzt werden – macht es dann noch einen Unterschied, ob Gewalt links oder rechts ist? Ob sie gegen Neonazis oder Flüchtlinge zielt? Timm findet: Ja. "Bei so einer Argumentation sprichst du ja Nazis den gleichen Schutzraum zu wie Menschen, die nichts dafür können, woher sie kommen", sagt er. "Rechte Gewalt richtet sich gegen Menschen, die andere angreifen aufgrund von Dingen, für die sie nichts können. Dafür, dass du Nazi bist, kannst du was."

Timm, der Autonome, argumentiert für Gewalt in bestimmten Fällen. Und diese Bereitschaft ist für Bernd Merbitz das Problem, sie macht ihn richtig rasend. Merbitz ist Polizeipräsident Leipzigs, dazu noch Mitglied in Sachsens CDU-Landesvorstand – und damit so etwas wie der Endgegner des autonomen Connewitz. Merbitz ließ vor drei Jahren im Bermuda-Dreieck eine Polizeistation eröffnen, was die Autonomen, sprichwörtlich, auf die Barrikaden brachte. Für viele im Viertel war die Eröffnung der Polizeistation eine Kampfansage. Einmal griffen Linksextreme die Beamten im Revier mit Steinen und Farbbeuteln an. Bernd Merbitz wird wütend, wenn man ihn fragt, ob die Eröffnung der Station in Connewitz eine gute Idee war. "Wir setzen Recht und Gesetz durch", sagt er. Den Rest brüllt er eher: "Es kann ja wohl nicht sein, dass eine Polizeistation als eine Kampfansage verstanden und angegriffen wird! Genauso wenig so ein Graffito wie 'No Cops'. Die wollen uns sagen: Ihr habt hier nichts zu suchen, ihr Bullen! Dabei leben wir in einem Rechtsstaat!"

Merbitz war es, der Leipzigs SPD-Oberbürgermeister Burkhard Jung drängte, den Schriftzug an der Betonwand in Connewitz übermalen zu lassen. Seine Aussage, in Connewitz gebe es "rechtsfreie Räume", verteidigt Merbitz. Es geht ihm um Attacken auf die Polizei, einerseits. Aber auch um die Ordnung. Die Graffiti, die Lautstärke, die Leute, die in den Häusern wohnen, obwohl sie sich nicht bei den Behörden angemeldet haben; die Hunde, die keine Steuermarken haben. Wenn das Ordnungsamt sich nicht mehr in einen Stadtteil traue, müsse man konsequent vorgehen.

Ja: In Connewitz gibt es ein erhöhtes Gewaltpotenzial. Weil Gewalt nie eine Lösung sein kann, könnte hier die Geschichte enden. Wäre da nicht die andere Seite dieses Viertels. Eine, von der auch Juliane Nagel erzählen kann.

Nagel, 36, ist in Connewitz geboren, aufgewachsen, nun sitzt sie für die Linke im Landtag. Sie ist Politikerin, und trotzdem ist sie auch bei den Autonomen beliebt. Damit ist sie so etwas wie ein Scharnier zwischen zwei Welten. Von den Medien wird sie gern als ein Sprachrohr der Antifa gesehen. Sie sagt: "Die linke, linksradikale oder autonome Szene ist die Basis dafür, dass die Stadt ist, wie sie ist."

Der Boom, den Leipzig in den vergangenen Jahren erlebt hat; dass Leipzig eine der aufregendsten, vitalsten Städte des Ostens ist – das liege auch an Connewitz. Den veganen Bistros, den Freiräumen. Und, wie Nagel sagt: Daran, dass selbst die Pegida-Bewegung hier nicht Fuß fassen könne wie an anderen Orten im Osten. "Leipzig ist anders als Dresden; es atmet anders. Leipzig ist ein offener Fleck im Osten", sagt Nagel. Da hat sie sogar einen Konsens mit Burkhard Jung, 59, dem Oberbürgermeister. Seit Jahren muss er mit der Spannung von Connewitz umgehen: die Gewalt verurteilen ("höchst gefährlich") einerseits. Den Freiraum dieses Viertels verteidigen andererseits. Was ist Connewitz für ihn? "Connewitz ist auch ein symbolhafter Ort", sagt Jung. "Das werde ich auch respektieren und akzeptieren." Er lebt, seit Kurzem, selbst dort. Als das Conne Island von CDU-Politikern persönlich zum Hotspot des extremen Widerstands erklärt wurde, rief er dort an und sagte: Macht euch keine Sorgen. "Connewitz hat in der jungen Szene dazu beigetragen, dass man sich für Leipzig interessiert", sagt Jung. Trotzdem wäre er im Zweifel bereit, mit harten Bandagen gegen die vorzugehen, die den Staat und sein Recht nicht akzeptierten. Einmal, als Autonome im Dezember 2015 durch die Leipziger Südvorstadt zogen und ganze Straßenzüge verwüsteten, sagte Jung, das sei "offener Straßenterror".

Allerdings muss man sich inzwischen auch fragen, ob Leute wie der Polizeipräsident überhaupt noch die größten Gegner der Connewitzer Szene sind. Oder ganz andere Phänomene. Zum Beispiel: dass der Erfolg, den die Subkultur der Stadt beschert hat, jetzt die Subkultur selbst bedroht. Das sieht man dieser Tage am Black Triangle, dem letzten besetzen Haus in Leipzig, am Rand von Connewitz, einem verlassenen Bahnhofsgebäude. Vor einem Jahr sind hier Anarchisten illegal eingezogen, jetzt droht ihnen die Räumung durch den Besitzer, die Deutsche Bahn. Nach G20 könnte das Haus zu einem Symbol werden im Kampf gegen Linksextremismus.

Der Weg zu dem Grundstück führt durch eine verwinkelte Allee, einspurig, rechts und links gucken die Kleingärtner über ihre Zäune. Plötzlich steht man vor Stacheldraht, Natodraht und einem ausgebrannten Bus: Barrikaden; zur Abschreckung errichtet. Die kleine weiße Stahltür unter dem Bus aber ist fast immer offen. Wer durch sie hindurch und dann auf die Bar zugeht, kann auf einen Punk mit seitlich rasiertem Schädel stoßen, der gleich zwei Bier auf den Tresen stellt: "Haste Durscht?"

An der Seite hängt ein bettlakengroßes Banner: "Räumt die Bahn, legen wir sie lahm". Vorne hat jemand eine Bühne improvisiert, aus Europaletten, zwei Barhockern und einem alten Teppich. Fast jeden Abend ist hier Programm. Konzerte, politisches Kino, Lesungen, wilde Partys. Auch das gehört zu Connewitz: dass man nicht weiß, wie lange alles, wie es ist, Bestand hat. Die Angst führt dazu, dass jeder Moment, jeder Freiraum im Jetzt genutzt wird.

Wird das Black Triangle tatsächlich geräumt, ist für den Tag danach, Tag X+1, eine Demo angekündigt. Die wird nicht friedlich bleiben; das sagen alle, die man fragt. Splitterbruch ist ein Wort, das fällt. Die Idee: Die Kosten einer Räumung in die Höhe treiben, damit die Stadt es sich zweimal überlegt. Warum wird aus Friede so schnell Gewalt?

Seit G20 stellen sich Leipzigs Linke dieser Frage immer öfter. Ein Besuch noch: 80 Menschen versammeln sich in einem Altbau; eingeladen hat "Prisma-IL", eine linke Gruppe. Erst einmal fragt Rebecca Rahe, die vorn am Podium sitzt: "Wie viele von euch waren in Hamburg?" Und fast alle Hände gehen hoch. Prisma habe in Hamburg kreativen Protest gewählt, keine rohe Gewalt, sagen die Leute hier. Ganz hinten meldet sich eine junge Frau. Sie erzählt, dass sie am Hauptbahnhof Brötchen verkaufe. Am frühen Morgen sind ihre Kunden DHL-Boten, Amazon-Einpacker, Schaffner. "Wie sollen wir diesen Leuten nach G20 erklären, warum linker Protest wichtig ist?", fragt sie in die Runde, "dass wir nicht alle Autoanzünder sind, sondern auch gegen prekäre Arbeitsbedingungen eintreten und für eine gute Krankenversicherung?"

Rebecca Rahe, 26, die Frau vom Podium, kommt aus Hamburg, seit einigen Jahren lebt sie in Leipzig. Sie sagt, nach dem Podium: Sie könne die Wut der Randalierer in Hamburger verstehen. "Wenn Hunderte Bürger ihr Gefühl der Ohnmacht gegen ein Gefühl der Selbstermächtigung eintauschen können", sei das doch etwas wert. Da ist er wieder, der Zwiespalt: zwischen Friede, Freude und Wut. Wie auf der Betonwand am Eingang von Connewitz, auf der "No Cops" steht.

Alle, mit denen man über das Graffito spricht, müssen schmunzeln; Politiker, Autonome, Oberbürgermeister. Selbst Herr Merbitz, der Polizeichef – wenn auch nur kurz. Weil alle wissen, dass es irgendwie auch absurd ist, dieses ewige Katz-und-Maus-Spiel. Aber es wird weitergehen. Der Schriftzug "No Cops" wird übermalt, wann immer er neu entstanden ist. "Antifa-Area" bleibt bislang stehen. Würde man auch diesen Schriftzug übermalen, stünde dort, am Eingang von Connewitz, schließlich nur noch: eine graue Wand.