Einer dieser norddeutschen Wintertage. Es ist grau, es ist windig, es ist kalt. Katharina fasst sich an den Hals, sie hat vergessen, sich einen Schal umzubinden. Sie könnte ihn jetzt wirklich gut gebrauchen, aber da er nun mal nicht dort ist, wo er hingehört, macht sie sich eben auf dem überfrorenen Rasen im Vorgarten nackig und benutzt ihr Tanktop: Ihr Nachbar Theo hat sich mit seinem Aufsitzmäher einen Daumen abgesäbelt, und bevor der Krankenwagen eintrifft, will Katharina die Wunde notdürftig mit einem Stück Stoff verbinden.

Das alles geschieht auf Seite 35 in Mareike Krügels Roman Sieh mich an. Man ist sofort mittendrin im Leben der Katharina Theodoroulakis, Mutter, Ehefrau, wohnhaft in einem Reihenhaus aus rotem Backstein in Ostseenähe. Von außen betrachtet handelt es sich um das heile Suburbia-Leben einer Frau, die alles im Griff zu haben scheint. Man braucht sich nur den Inhalt ihrer Handtasche anzusehen: bunte und neutrale Pflaster, Desinfektionsspray, Taschentücher, Rescue-Tropfen, Hustenbonbons und ein Schweizer Taschenmesser. Wer ausgerüstet ist wie eine Survival-Kämpferin, muss eine dieser superpatenten Familienmanagerinnen sein, die für ihre Brut stets im Dienst sind und auch sonst alles können und wissen. Bewundernswert organisiert. Nervtötend perfekt.

Es ist das vierte Buch der 1977 in Kiel geborenen Autorin, die das Schreiblabor im Literaturhaus Hamburg leitet. Wie man hört, hat sie für den Roman von ihrem Verlag einen satten Vorschuss kassiert. Wohl um das in sie gesetzte Vertrauen nicht zu enttäuschen, bietet sie deshalb vom abgeschnittenen Daumen über splattermäßiges Nasenbluten bis zu einer alkoholgeschwängerten Nacht der Erkenntnis einiges an Action.

Glücklicherweise erschöpft sich die Handlung nicht in dieser Aneinanderreihung greller Effekte, sie dienen eher dazu, die nach Unterhaltung lechzende Leserin – für diese Zielgruppe ist das Buch offensichtlich geschrieben worden – bei der Stange zu halten.

Tatsächlich geht es um ein ganz anderes, weit weniger spaßiges Thema: die schonungslose Bilanz einer Frau Anfang 40, die feststellt, dass ihr Leben weit hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben ist.

Katharina hat ein "Etwas" in ihrer Brust ertastet. Möglicherweise ist es Brustkrebs, sie wäre nicht die Erste in ihrer Familie, ihre Mutter ist daran gestorben. Aber so genau will Katharina das im Moment nicht wissen: "Jetzt ist Freitag, und die Aufgabe von Freitagen ist es, die Woche sanft ausklingen zu lassen. Man muss sie freihalten von allem Unbill."

Der Roman schildert diesen an sich normalen Tag im Leben der Ich-Erzählerin in aller Detailgenauigkeit und legt dabei nach und nach das fragile Innenleben der Protagonistin frei, das bei Weitem nicht so geordnet und kontrolliert ist, wie es zunächst scheint. "Jede Ordnung ist stets nur eine Oberfläche, schaut man darunter, entdeckt man den Dreck und die Krümel", stellt Katharina fest, nachdem sie den defekten Trockner aus dem Badezimmer getragen hat – und beschreibt damit zugleich ihre gegenwärtige Situation.

Katharina hat so gut wie gar nichts im Griff. Ihre Uni-Karriere hat die Musikwissenschaftlerin aufgegeben, als sie heiratete und ihr erstes Kind bekam, den freundlichen, aber etwas schlichten Alex. Helli, Kind Nummer zwei, leidet an ADHS und ist kaum zu bändigen. Berenike, Kind Nummer drei, starb bei der Geburt.

Mit ihrem Mann Costas, einem Architekten, führt sie eine kriselnde Wochenendehe, nachdem er nach einjähriger Arbeitslosigkeit eine Stelle in Berlin angenommen hat. Sie selbst ist beruflich auf dem Nullpunkt angekommen, verdient sich etwas dazu, indem sie als "Musiktante" Unterricht in Kindergärten gibt. "An guten Tagen kann ich mich überzeugen, dass ich wichtige Basisarbeit leiste", denkt Katharina. "An schlechten Tagen wird mir übel bei dem Gedanken, worauf ich, im Sterbebett liegend, werde zurückblicken können."

Mareike Krügel schildert Katharina als Frau ohne Konturen. Sie hat zahlreiche Spitznamen, Kath, Rina, Kathinka. Ihrer Freundin schickt sie Familienfotos, auf denen sie stets unscharf zu sehen ist, weil sie sich bemüht hat, ihre Tochter abzulenken, bis das Bild geschossen wird. Selbst einen Milchkaffee gönnt sie sich nur dann, wenn er sich mit dem Zeitplan ihrer Kinder verträgt: "Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich durch mein Muttersein eine Art Amöbenstruktur entwickelt, wäre eine anpassungsfähige Masse geworden, die zurückweichen kann, wo immer jemand anderes Platz braucht."

Womit man beim Kernthema dieses intelligenten Romans angekommen wäre, der leicht und humorvoll daherkommt, aber eine kämpferische Frage aufwirft: Was ist von der Forderung an moderne Frauen zu halten, Karriere und Kinder unter einen Hut zu kriegen und dabei stets glücklich und zufrieden zu sein? Wer das nicht schafft, so die verbreitete Annahme, strengt sich nicht genügend an.

Einmal sieht Katharina einen Fuchs an der Steilküste entlanglaufen. "Er hat keine Eile, er sieht uns nicht an: Wir sind ihm völlig egal", bemerkt sie. Das unbelastete Dasein des Tiers ist das Gegenteil vom Leben der Protagonistin. Sie will angesehen werden, um jeden Preis, ihr ist nichts egal. Es dauert eine ganze Weile, genau 255 Seiten, bis sie versteht, dass es den fuchsähnlichen Idealzustand für Menschen wohl nur im Schlaf gibt. Oder im Tod.

Mareike Krügel: Sieh mich an; Piper, München 2017; 256 S., 20,– €