Sie sitzt in ihrem Lesesessel, lächelt verschmitzt und sagt: "Sehr knapp gewählt." Damals, im Jahr 1974. Vermutlich hätten sich ihre männlichen Kollegen nicht so geärgert, wenn das Resultat eindeutig ausgefallen wäre. Dass es aber sehr knapp ausfiel, das ließ sie glauben: Die Frau wäre zu verhindern gewesen. Doch nun war es zu spät.

Margrith Bigler-Eggenberger war die erste Bundesrichterin der Schweiz. Eine Vorkämpferin für die Sache der Frauen, eine Intellektuelle. Zu früh geboren, um mit 20 Jahren stimmen und wählen zu können; zu früh geheiratet, um ihren Namen und das Bürgerrecht behalten zu können. Doch sie hatte die Möglichkeit, als eine von wenigen Frauen an der Universität Zürich Rechtswissenschaften zu studieren – und diese Gelegenheit packte sie.

An einem heißen Sommertag empfängt sie in ihrer hellen Wohnung in St. Gallen, umgeben von Büchern und Bildern. Die 84-Jährige sieht fit aus, trägt ein schlichtes Kleid. Ihre Worte wählt sie mit Bedacht. Ihre Erinnerungen sind so präzise wie ihre Sprache. Schon immer musste sie sich sehr genau überlegen, was sie sagte und wie sie etwas formulierte. Zu viele ihrer Kritiker hofften, sie würde einen Fehler begehen, den man ihr anhängen könnte. "Ich stand stets unter Beobachtung."

Schon vor ihrer Wahl ans Bundesgericht habe sich "plötzlich eine Gegnerschaft von Männern" gebildet, die sie gar nicht kannte und die ihr das Leben schwer machte. So habe ein Unbekannter ihren Lebenslauf manipuliert und alle juristischen Tätigkeiten herausgestrichen. Zum Beispiel die Dozentur an der Hochschule St. Gallen oder ihre Arbeit an den Gerichten in Solothurn und Biel. "Man wollte den Anschein einer inkompetenten Frau erwecken." Trotzdem wurde die Sozialdemokratin 1972, ein Jahr nach Einführung des Frauenstimmrechts, von der Vereinigten Bundesversammlung zur Ersatzrichterin ans Bundesgericht gewählt und zwei Jahre später zur ordentlichen Bundesrichterin. Sehr knapp.

"Kaum haben die Frauen das Stimmrecht, wollen sie zuoberst mitmachen", hieß es damals. Eine Mörderin ins Bundesgericht, titelte das CVP-Parteiblatt Ostschweiz, weil sich Bigler-Eggenberger in öffentlichen Vorträgen für den straffreien Schwangerschaftsabbruch eingesetzt hatte. "Dieser Artikel hat mich sehr getroffen." Denn eine Mission habe sie nie gehabt, sagt sie – diese Frage finde sie immer etwas verwirrlich. Ihre Antriebsfeder sei einfach stets der Glaube an eine gerechtere Welt gewesen.

Margrith Eggenberger wächst in Uzwil in einer politischen Familie auf. Ihre Mutter baut die sozialdemokratische Frauengruppe auf und wird deren Präsidentin. Ihr Vater ist National- und Ständerat für die SP. Zu Hause spricht man über die Armut im Dorf, über die niedrigen Löhne der Gießereiarbeiter oder deren Alkoholprobleme. Und im Zweiten Weltkrieg, da standen die Türen im Hause Eggenberger stets offen, Flüchtlinge aus Österreich und Deutschland gingen dort ein und aus.

Doch während ihr Vater und ihre Brüder stimmen und wählen dürfen, ist es der Tochter und ihrer Mutter nicht einmal erlaubt, in männlicher Begleitung ins Stimmlokal zu gehen, um zu sehen, was dort los ist. "Und das nur, weil wir dem falschen Geschlecht angehören, das wir uns ja nicht ausgesucht haben."

Diese Erfahrung prägt sie ein Leben lang. "Ich bin stolz darauf, Feministin zu sein und es immer gewesen zu sein", sagt sie. Der Begriff bedeute doch einfach, für die Rechte von Frauen in allen ihren Lebenslagen einzutreten oder sie zu unterstützen. "Wir gehen mit dem Feminismus viel zu schüchtern um." Heute rät sie den jungen Frauen, eine gute Ausbildung zu machen, stets und überall für sich einzustehen und ein möglichst unabhängiges Leben anzustreben.