Am Bundesgericht hatte sie in den siebziger Jahren als einzige Frau unter lauter Männern mit viel Widerstand zu kämpfen. Kollegen schnitten sie, immer wieder wurde ihr vorgeworfen, politisch zu urteilen. Gezielt seien Boshaftigkeiten gegen sie gestreut worden, erzählt sie. Ihr Büro habe sie nicht neu einrichten dürfen, weil die männlichen Kollegen glaubten, sie würde es ohnehin nicht lange aushalten.

Gerne hätte sie in der Staats- und Verwaltungsrechtlichen Abteilung gearbeitet, wo sie bereits als Ersatzrichterin tätig war: "Aber ich musste dorthin gehen, wo Frauen hingehören – ins Familienrecht." Dies habe damals die Gerichtsleitung so bestimmt. Aber auch dort habe sie Akzente setzen können und spannende Fälle gehabt. Zum Beispiel Mitte der achtziger Jahre, als Robert Eibel, ein ehemaliger FDP-Nationalrat, gegen die Verfasser des Buchs Die unheimlichen Patrioten wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte klagte. Die Autoren hatten Eibels hitlerfreundliche Haltung thematisiert. "Die Gerichtsverhandlung war sehr emotionsgeladen", erinnert sie sich. Die Autoren seien freigesprochen worden.

Ihr Antrieb aber blieb die Frauenfrage. Auch als sie längst als Richterin pensioniert war. Sie dozierte, referierte und schrieb 2003 ein Buch über den Gleichstellungsartikel in der Bundesverfassung. Darin den Satz, der für eine Juristin beinahe ungeheuerlich ist: "Eine sehende Justitia ist gewünscht." Eine Justitia, die die Augen vor der Wirklichkeit nicht verschließt, dass es Frauen und Männern in diesem Land nicht gleich ergeht. Denn obwohl schon viel erreicht wurde, seien die Geschlechter nach wie vor nicht gleichgestellt, bleibe vieles ungerecht. Frauen verdienen weniger, kümmern sich häufiger um Kinder und die kranken Eltern. Am Schluss des Buches schreibt sie: "Vielleicht ließe sich sogar in weiter Auslegung des verfassungsrechtlichen Grundsatzes vermehrt der Satz in dubio pro femina anwenden." Im Zweifel für die Frau.

Das Telefon läutet, der Klingelton ist Beethovens Für Elise. Als ihr Mann starb, habe sie sich als kleinen Trost ein Klavier gekauft. Wenn sie darauf spiele, denke sie an ihn. Kurt Bigler war ein Holocaust-Überlebender und kam als jüdischer Flüchtling in die Schweiz. Zahlreiche Fotos in der Wohnung erinnern an ihn. Noch auf dem Sterbebett habe er Beethovens Ode an die Freude gesungen. Nach seinem Tod im Jahr 2007 gründete sie eine Stiftung, die Arbeiten und Projekte fördert, die sich mit dem Holocaust befassen. Ein Wunsch ihres Mannes, der zeit seines Lebens unter diesem Trauma gelitten habe.

Sie wird nachdenklich, wenn sie darüber spricht. Die politische Kultur in einem Land, sagt sie, könne so schnell kippen. "Manchmal mache ich mir Sorgen um unsere Errungenschaften." Man müsse auf die mühsam erkämpften verfassungsmäßigen Rechte Acht geben, den Institutionen Sorge tragen.

Auch die Europäische Menschenrechtskonvention gehöre dazu. Bigler-Eggenberger erinnert daran, dass das Frauenstimmrecht eng mit dem Beitritt der Schweiz zur Konvention verknüpft war. Das Land hatte damals ein grundsätzliches Problem, gelten doch Menschenrechte für Menschen und nicht nur für Männer. Die Schweizerinnen aber durften nicht stimmen und wählen. Der Bundesrat wollte deshalb ursprünglich die Menschenrechtskonvention nur unter einem Vorbehalt unterzeichnen: "Die offizielle Schweiz musste sich international schämen, dass sie neben Vaduz und einigen Unrechtsstaaten ihren volljährigen Bürgerinnen das Stimm- und Wahlrecht vorenthielt." So kam 1971 endlich die Vorlage über das Frauenstimmrecht vor das Männervolk.

Aber eben, was einst erkämpft, muss stetig verteidigt werden. Ihr wird es mulmig zumute, wenn sie auf die Selbstbestimmungsinitiative der SVP zu sprechen kommt: "Rechte Kreise schüren das Misstrauen gegenüber Ämtern und Behörden, das erinnert mich an Deutschland, Italien, aber auch an die Schweiz in den Dreißigern."

Sie richtet sich auf in ihrem Sessel und sagt: "Mit der Beseitigung der Geltung der Menschenrechtskonvention würden wir wieder zur Bananenrepublik."