Schon auf dem Weg zur Arbeit trifft Gloria Nguema alle paar Meter eine Kollegin. Sie stehen an Ecken, lehnen an Häuserwänden, warten und rauchen. Nguema wechselt mit jeder ein paar Worte, sie küssen sich auf die Wange. Erst dann geht sie weiter, von ihrer Pension auf die Brennerstraße in St. Georg, auf den Straßenstrich, wo auch sie tagsüber auf dem Bürgersteig auf Freier wartet.

Es sind keine dreihundert Meter, Gloria Nguema lässt sich Zeit. Der Weg zur Arbeit ist zum Zeichen geworden: Wir gehören zusammen, wir halten zusammen. Jetzt noch mehr, da eine von uns nicht mehr da ist.

Vor drei Wochen wurde Nguemas Kollegin Maria E. umgebracht, die sich Rosa nannte. Keine von ihnen könne so richtig fassen, was eigentlich passiert sei, sagt Nguema. Keine der Frauen, die hier jeden Tag herumstehen, die den Bordstein zwischen Müllcontainern, Kneipen und Wettbüros rund um den Hansaplatz ihren Arbeitsplatz nennen. Ein Ort, der bei den Behörden unter der Bezeichnung Armutsstrich läuft und über den Sozialarbeiter sagen, dass er für Prostituierte immer gefährlicher werde, manchmal lebensgefährlich.

Hier haben Nguemas Kolleginnen Rosa zuletzt gesehen, am ersten Dienstag im August, gegen 14 Uhr. Danach erreichte sie jeden Tag eine neue, schrecklichere Nachricht: Spaziergänger und Angler fanden nach und nach die Arme, Beine und den Kopf ihrer Kollegin, ein menschlicher Körper, zerschnitten und über die ganze Stadt verteilt.

Rosa ist weg, aber Nguema und die anderen Frauen sind noch da. "Wir müssen weitermachen", sagt Nguema. Wo sonst, fragt sie, sollte sie genügend Geld für eine Familie verdienen?

Was hat sich seit dem Mord verändert in St. Georg? Wie geht es den Frauen? Unter welchen Bedingungen arbeiten sie? Eine Recherche auf dem Straßenstrich gibt Einblicke in ein bitterarmes Milieu mitten in Hamburg und wirft ein Licht auf Frauen, die auf offener Straße und doch im Verborgenen arbeiten, auf Existenzen oft zwischen Drogensucht und sexueller Ausbeutung.

Gloria Nguema trägt pinkfarbenen Lippenstift und grob geflochtene Zöpfe bis zum Po. Die 30-Jährige wurde wie ihre ermordete Kollegin in Äquatorialguinea in Westafrika geboren, einem kleinen Land mit großer Armut, das einst eine spanische Kolonie war. Nguema heißt eigentlich anders, sie bittet darum, ihre Identität zu schützen, deshalb trägt sie in diesem Text nicht ihren wahren Namen.

Nguemas Biografie, wie sie sie erzählt, gleicht der vieler anderer Frauen aus Äquatorialguinea, die oft gemeinsam in St. Georgs Straßen stehen. Als junge Frau brach sie nach Europa auf, als Hoffnungsträgerin ihrer Familie, die den verarmten Verwandten Geld schicken sollte. Sie schaffte es nach Spanien, wo sie jahrelang Nektarinen und Birnen für den Export nach Nordeuropa verpackte. Dann kam die Wirtschaftskrise, Nguema verlor ihren Job. Im Sommer 2015 war die Not so groß, dass sie auf Vermittlung einer Bekannten nach Hamburg fuhr und Sex für Geld anbot, zum ersten Mal.