Manchen Opernfiguren reisen Musikfreunde wie Stalker hinterher. Wagnerianer kommen auf erkleckliche Fahrkilometer, weil sie jede Brünnhilde, jeden Tristan der näheren und weiteren Umgebung erleben wollen. Auch Mozarts Don Giovanni und Puccinis Mimi, Bizets Carmen und Verdis Aida sind Lockvögel, die den Operntourismus ankurbeln. Die Titelheldin in Claude Debussys Musiktheaterwerk Pelléas et Mélisande hingegen ist kein singender VIP, sie ist eine der Schwierigen und Schweigenden. Woher Mélisande kommt, was sie denkt, was sie fühlt, wen sie liebt, warum sie am Ende stirbt – all dies bleibt unergründlich. Sie ist eher Gespinst als Körper, eher Frage als Antwort.

Die Ruhrtriennale hat das Rätsel der Mélisande nun ausgiebig recherchieren lassen, und da der Regisseur Krzysztof Warlikowski heißt, werden belastbare Ergebnisse präsentiert. Sie demonstriert er dem Publikum in der Bochumer Jahrhunderthalle wie bei einem psychiatrischen Fortbildungskurs mit exklusivem Fallbeispiel und Videozuspielungen.

Mélisande wird von Barbara Hannigan gesungen, eine Traumbesetzung, weswegen sich die unsichtbaren Videokameras vor allem für sie interessieren, für ihre Posen, Gesten, Bewegungen, ihren Augenaufschlag. Wer eine Hannigan als Mélisande hat, darf sie nicht aus den Augen lassen, alles ist wichtig, porentief interessant, maximal bedeutsam. Wenn am Finger plötzlich ein Ring fehlt, zoomt sich die Kamera von oben heran. Leider steht auch die Diagnose von Anfang an fest: Abhängigkeit von mehreren psychotropen Substanzen. Mélisande raucht Kette, trinkt Alkohol, es scheinen auch stärkere Drogen im Spiel, wenn sie leer und abwesend in den Raum glotzt und wie in Trance ihren Körper zur Musik wiegt. Bei solcher Eintrübung des Bewusstseins kommt es gleich zu Beginn zu schnellem, mechanischem Verkehr mit Golaud, einem wahren Ekel, das im weiteren Verlauf ihrer wirren Verbindung die Ehe zum Gefängnis umdeutet. Körperliche Zuneigung erzwingt er mit Gewalt, und zum tödlichen Ende setzt er aus Eifersucht ein Springmesser gegen seinen Halbbruder Pelléas ein – hinterrücks.

Normalerweise geschehen alle diese Taten im Bann von Schloss Allemonde, dessen würgende Enge allen Menschen das Leben und Atmen schwer macht. In Bochum befinden wir uns in der fast unendlichen Weite einer Industrieruine, in der man jede Oper angemessen aufführen könnte, nur nicht Pelléas et Mélisande.

Der Saal des Bochumer Schlosses wird auf der rechten Seite durch raumhohe Holzwände definiert. An die linke Wand hat die Bühnenbildnerin Małgorzata Szczęśniak zehn Waschbecken geschraubt, deren Wasserkräne Pelléas aufdreht, wenn von einem Brunnen die Rede ist. In der Mitte steht eine postmoderne Bar, an deren Tresen die Gäste apathisch sitzen wie bei Edward Hopper. An die Stirnwand schmiegt sich eine Treppe, die Golaud mit Pelléas hinaufsteigt, wenn er ihm die Kellergewölbe zeigen will. Oben, unten, eng, weit – hier ist alles eins und ziemlich egal, Hauptsache, die Menschen kommen in diesem riesigen Raum irgendwie von A nach B.

Es werden auch noch Filmchen per Video gezeigt, etwa eine polnische Demo, eine blutige Sequenz aus einem Schlachthaus für Schafe – und mehrfach die von Krähen umflatterte Schulschluss-Szene aus Hitchcocks Horrorfilm Die Vögel. Ausgerechnet wenn es an unaussprechliche Emotionen wie das Grauen geht, versichert sich Warlikowski filmischer Fremdhilfe.

Für ihre wenigen Selbstauskünfte räumt der Dirigent Sylvain Cambreling dieser Mélisande alle Zeit der Welt ein. Eine derart geruhsame Aufführung hat man lange nicht gehört, schon den ersten Akkorden der Bochumer Symphoniker wohnt kein Zauber, sondern bereits Sättigung inne. Schwer hängen die Klänge im Raum, wie überreife Trauben; Hannigan kann ihre wunderbaren Töne genüsslich vom Sopranhimmel pflücken. Phillip Addis macht mit direkt anspringendem Timbre klar, dass die Pelléas-Partie von einem Bariton mit Tenor-Kompetenz zu singen ist. Leigh Melrose gibt einen famos cholerischen Golaud, Franz-Josef Selig einen großväterlichen, weisen, zärtlichen Arkel. Wundervoll Gabriel Böer als Golauds Sohn Yniold.

Es gibt sie sehr wohl, die leisen Momente. Doch die Regie vergröbert das Vibrieren des Stücks durch das Dröhnen der Bilder. Am lautesten dröhnt die Geheimnislosigkeit Mélisandes.