Sie ist schon am Rhythmus ihres Ganges zu erkennen. Zwei metallische Klicks, gefolgt von einem versetzten Tap-Tap der Schuhe. Dann kommt eine kleine Frau zur Tür herein, kaum 1,50 groß, stellt ihre Krücken in die Ecke und hievt sich, die Hände auf die Schreibtischplatte gestützt, auf ihren Stuhl. Es ist ein winziges, kahles Büro, und bevor die Frage länger in der Luft hängen kann, ob sich wohl ein Mann in eine solche Besenkammer stecken ließe, sagt Huda al-Dscheraissi: "Die Büros sind in den oberen Stockwerken, aber es gibt noch keinen Fahrstuhl. So lange arbeite ich hier im Parterre." Sie deutet auf die Krücken. "Polio. Mich hat es erwischt, als ich vier Monate alt war."

Huda al-Dscheraissi gehört zu den ersten gewählten Politikerinnen in Saudi-Arabien. Bei den Kommunalwahlen im Dezember 2015 durften Frauen erstmals ihre Stimme abgeben und kandidieren. Huda al-Dscheraissi schaffte es in den Stadtrat von Riad.

Sie stammt aus einer, wie sie sagt, "sehr konservativen und ehrgeizigen Familie". Schulbildung für die Kinder, auch die Töchter, war ebenso selbstverständlich wie deren frühe Verheiratung. "Meinen Mann hatte ich vor der Hochzeit noch nie gesehen. Das erste Jahr war ... nun ja, nicht ganz einfach. Dann haben wir uns aneinander gewöhnt." Die Heirat hat sie ebenso wenig gebremst wie ihre Behinderung. Drei Kinder hat sie großgezogen, zwei davon Töchter, die jetzt Jura und Wirtschaft studieren. Sie selbst leitet seit über zehn Jahren ihr eigenes Trainingszentrum für angehende Kleinunternehmerinnen, bietet Englischunterricht, Computer-Workshops, Buchhaltung an.

Es ist ein zäher Kampf. Die saudische Börse wird zwar seit Februar von einer Frau geführt, saudische Frauen dürfen inzwischen im Einzelhandel und als Anwältin arbeiten, sie dürfen Firmen gründen. Aber auch im Jahr 2017 brauchen sie noch die Erlaubnis eines wakheel, eines männlichen Vormunds, wenn sie einen Job annehmen, studieren, verreisen oder zum Arzt gehen wollen. Einiges davon könnte sich bald ändern. Denn al-Dscheraissis Vision vom weiblichen Unternehmertum passt perfekt zur Vision eines Prinzen.

Nicht, dass dem 31-jährigen Thronfolger Mohammed bin Salman etwas Märchenhaftes anhafte. Als Verteidigungsminister verantwortet er eine verheerende Militärintervention im benachbarten Jemen. Als De-facto-Machthaber hinter seinem greisen Vater, König Salman, forciert er das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die schiitische Minderheit im Land. Aber er wäre nicht der Erste, der den radikalen Umbau eines Landes mit Militarismus und Repression flankiert. Und sein Plan mit dem Titel "Saudi Vision 2030" ist in der Tat radikal.

Das alte Modell der Monarchie droht zu kollabieren. Die Rundumversorgung der Untertanen in einem religiös regulierten Öl- und Konsumparadies mit kostenloser Gesundheitsversorgung, absoluter Steuerfreiheit sowie Subventionen wird unbezahlbar. Der Ölpreis ist gesunken, die Ausgaben des Staates sind gestiegen. 2015 gab es ein Haushaltsminus von 100 Milliarden Dollar.

Mit "Saudi Vision 2030" will Mohammed bin Salman das Land ökonomisch vom Öltropf nehmen: Bis 2030 soll der Anteil der Staatseinnahmen aus der Ölproduktion von derzeit 70 auf 10 Prozent gesenkt werden. Ausländische Investitionen sollen bis 2020 verdoppelt, die Privatwirtschaft angekurbelt, der Anteil von Saudis auf dem Arbeitsmarkt deutlich erhöht werden. Denn die beziehen ihre Gehälter bislang überwiegend aus unproduktiven Posten im aufgeblähten Staatsdienst, während ein Heer von Gastarbeitern den Rest erledigt – von der Müllabfuhr über Straßenbau und Einzelhandel bis zum Hotelmanagement. Der Thronfolger möchte mehr saudische Frauen auf den Arbeitsmarkt holen. Sie sollen 28 statt bislang 15 Prozent aller von Saudis ausgeübten Jobs innehaben – ebenfalls bis 2020.