Was man dem neuen Trainer von Schalke 04 auf jeden Fall zugutehalten kann, ist die Zuversicht beim Blick nach vorn. Nach der ersten Niederlage im zweiten Bundesligaspiel, einem enttäuschenden 0 : 1 beim Aufsteiger Hannover 96, freute sich Domenico Tedesco geradezu reflexhaft über eine neue "Möglichkeit, uns zu verbessern". Konkret hatte er ein miserables Kopfballspiel ausgemacht. Der Fernsehreporter von Sky hatte ihn bei diesem Interview hartnäckig Domenico genannt, als falle es ihm schwer, den klein gewachsenen Deutschitaliener, erst 31 Jahre alt, ordnungsgemäß zu siezen. Das deutete sich schon im Trainingslager der Schalker im österreichischen Mittersill an. Da bekam der Coach vom grinsenden Bürgermeister eine blaue Lederhose geschenkt. "Da musst du noch reinwachsen", grölte ein Fan, als er erkannte: Die Hose war Tedesco zu groß.

Reinwachsen. Domenico Tedesco hatte einen Job angenommen, von dem man nicht wusste, ob er ihm nicht eine Nummer zu groß sein würde. Denn er hatte noch keine Bundesliga-Mannschaft trainiert, nicht einmal als Assistent. Seine einzige Erfahrung mit einer Profimannschaft: drei Monate bei Erzgebirge Aue, einem der kleinsten Clubs der zweiten Liga. Der Mann ist das Gegenteil von Schalke 04. Ein No-Name in einem der berühmtesten deutschen Vereine. Ein stiller Mensch inmitten eines Clubs, in dem eigentlich eher gebrüllt als geflüstert wird.

Sein Start fiel dann vergleichsweise fulminant aus. Still und leise setzte er Benedikt Höwedes, Identifikationsfigur und Weltmeister, als Kapitän ab – und löste ein kleines Beben aus. Als er dem Schalke-Helden dann auch noch einen Platz in der Startelf vorenthielt, machte sich der Spieler auf die Suche nach einem neuen Verein. In Hannover demonstrierten Schalke-Fans für "respektvollen Umgang" mit dem verdienten Mann.

Tedesco blicke generell nicht nur zwei, drei Schritte voraus, sondern vier, fünf, sagt der neue Mannschaftskapitän Ralf Fährmann, der Torwart. Wahrscheinlich hat der Trainer eine Unwucht im Teamgefüge unter Höwedes entdeckt. Wieder und wieder musste der Kümmerer Höwedes das Wort führen, war Ansprechpartner für alles und nichts. Die anderen konnten sich hinter ihm verstecken. Außerdem legt Tedesco Wert auf technisch gepflegten Spielaufbau, nicht gerade die Stärke des robusten Recken Höwedes. Doch den langjährigen Captain infrage zu stellen, das hatte noch keiner gewagt. Die Frage lautet jetzt, ob Tedesco eine Verheißung ist, obwohl er das Gegenteil von allem darstellt, was man auf Schalke bisher kannte. Oder gerade deshalb.

In den zurückliegenden Jahren haben einige Bundesliga-Vereine junge, eher unbekannte Trainertalente verpflichtet. Bei Schalke 04 wird dieser Trend jetzt auf die Spitze getrieben. Tedesco ist kein Coach aus dem eigenen Nachwuchs. Keiner, der sich in der dritten Liga beweisen konnte. Er trainierte vor einiger Zeit noch eine Jugendmannschaft der TSG Hoffenheim.

In den ersten Wochen auf Schalke trat Tedesco so demütig auf, als gäbe es ihn kaum. Im Trainingslager präsentierte er sich den Fans wie ein Schwiegersohn. Er kam freiwillig zu ihnen, nach jedem Training. Ob er verstehe, fragte man ihn, dass sich in Gelsenkirchen viele unsicher seien, ob er für den Posten als Cheftrainer überhaupt bereit sei? "Klar", sagte Tedesco. "Die Frage ist ja berechtigt."

Tedesco weiß natürlich auch: Dies ist für einen Trainer vielleicht der schwierigste Verein der Bundesliga. Liebend gern würde Schalke zu den drei, vier besten Fußballclubs in Deutschland zählen. Aber in der zurückliegenden Saison ist die Mannschaft nur Zehnter geworden. Zu viele Konzepte hat man hier schon scheitern sehen, als dass man als Schalke-Fan aufs nächste Scheitern nicht immer schon gefasst wäre. In den zurückliegenden 15 Jahren hat der Verein 20-mal den Trainer gewechselt. Felix Magath, Roberto Di Matteo, André Breitenreiter, Markus Weinzierl. Letztere hatten jeweils mit kleineren Vereinen verhältnismäßig große Erfolge gefeiert, sollten nun auf Schalke zu großen Trainern werden. Aber beide wurden sie immer stiller, je länger sie auf Schalke waren. Von Weinzierl erzählt man sich, dass er irgendwann kaum mehr mit den Spielern gesprochen habe. Schalke, so wirkt das manchmal, scheint jeden zu erdrücken.